Musikverein von

Kongeniale Liaisonen

Christian Thielemann mit der Staatskapelle Dresden und den Wiener Philharmonikern im Wiener Musikverein

Musikverein - Kongeniale Liaisonen © Bild: AFP PHOTO / DAVID EBENER

Seit fünf Jahren ist Christian Thielemann mit der Staatskapelle Dresden verbunden. Die Liaison hat Bestand und wird nun bis nach 2019 verlängert. Die „Wiener“ müssen dennoch nicht auf den Maestro verzichten. Mit seinen „Dresdnern“ führte Thielemann vom Fin-de-Siecle ins 20. Jahrhundert, mit den „Wienern“ brachte er Gegenwart und Romantik zum Leuchten.

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Wie beschränkt es ist, großen Könnern wirkliche Meisterschaft nur in deren Kernrepertoire zu attestieren, zeigte Christian Thielemann bei zwei Auftritten im Wiener Musikverein mit zwei Orchestern. Mit der Staatskapelle Dresden führte er im Mai durch ein Programm, das man von in Wien noch nicht gehört hat. Die Geschichte von „Pelleas und Melisande“ bildeten die Klammer für den ersten Abend mit den Dresdnern. Ephemer und transparent gab Gabriel Faurés Prélude aus der Schauspielmusik zu Maurice Maeterlincks „Pelleas et Melisande“ den Auftakt zu einem Treffen der Giganten.

Mit dem herausragenden jungen, russischen Pianisten Daniil Trifonov – er zählt neben Igor Levit zu den aufregendsten Klaviervirtuosen unserer Zeit –nahm sich Thielemann Ravels Klavier-Konzert in G-Dur vor. Ein Klangrausch wurde da entfacht, zwei Partner, Orchester und der Solist standen einander gegenüber, um zu einer Einheit zu verschmelzen. Der Virtuose an der Klaviatur und der Maestro am Pult – das Ergebnis: atemberaubende Klänge.

Neue Maßstäbe setzte Thielemann bei Arnold Schönbergs Version von „Pelleas und Melisande. Er ließ das Werk zu einem Fest der Klangfarben werden, zelebrierte Schönbergs Phrasen und ließ die Solisten seines Dresdner Klangkörpers brillieren.

Und das tat er auch bei den „Wienern“ beim vorletzten Abonnement-Konzert der Wiener Philharmoniker. Den Auftakt gab die „Akademische Festouvertüre“ von Johannes Brahms. Thielemann nahm dem Feierlied der Studenten jede oft dabei zugeschriebene Bombastik. Fein, spannend generierte er mit den Wienern die Vielschichtigkeit des zehn Minuten währenden Werks. Bevor er im zweiten Teil mit Brahms’ vierter Symphonie den Wiener Klang zelebrierte, stand Jörg Widmanns „Flûte en suite für Flöte und Orchestergruppen“ auf dem Programm. Und das geriet zum Fest für den philharmonischen Solisten Dieter Flury, der damit seine Karriere beim Wiener Klangkörper krönte. Das vielschichtige Werk wurde vor sechs Jahren für das Cleveland Orchester komponiert und basiert auf barocken Tanzformen wie Allemande, Sarabande und Badinerie. Widmann bringt darin Vergangenheit und Gegenwart zum Verschmelzen. In jedem der acht Einzelsätze ist die Flöte mit einer bestimmten Orchestergruppe konfrontiert. Man spielt mit Zitaten von Bach, Mozart und anderen. Im „Venezianischen Gondellied (Barcarole) blitzt diese andere, ferne Welt von früher frisch auf. Flury bringt den Part der Flöte intensiv zum Leuchten.

In jeder Hinsicht zum Schwelgen ist der erste Satz von Brahms’ vierter Symphonie, der im zweiten Satz mit fataler Unerbittlichkeit beantwortet wird. Da ist alles enthalten, Dramatik, Verspieltheit, Wucht. Thielemann entfachte einen philharmonischen Klangrausch der Leidenschaft – mit Nachhaltigkeit.