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"Lebenserwartung
wird wieder sinken"

Gesundheit - "Lebenserwartung
wird wieder sinken" © Bild: News/Matt Observe

2050 werden multiresistente Keime weltweit die Todesursache Nummer eins sein. Der Spezialist für Infektionen und Tropenmedizin Heinz Burgmann fordert mehr Ressourcen für die Entwicklung neuer Antibiotika und erklärt, wie man sich vor Infektionen schützen kann.

Sie sind Mediziner auf der Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin und haben mit den unterschiedlichsten ansteckenden Krankheiten zu tun. Gibt es dabei Keime, vor denen Sie sich fürchten?
Oh ja, natürlich. Die Grippe ist beispielsweise sehr gefährlich, aber auch bakterielle Infektionen wie etwa Meningokokken. Eine Infektion kann hier sogar bei Jugendlichen, die bei bester Gesundheit waren, innerhalb von Stunden tödlich verlaufen. Und natürlich ist die Welt klein geworden, und durch die Reisenden können sich Viren, die wir kaum kennen und gegen die es keine Therapieformen gibt, innerhalb kürzester Zeit auch bei uns ausbreiten.

Welche Krankheiten wären das zum Beispiel?
Dazu gehört SARS, das schwere akute Atemwegssyndrom, und Ebola, das ja nach wie vor zirkuliert. Es gibt aber auch immer wieder Neuinfektionen mit Keimen, die wir noch gar nicht kennen.

Es gibt also komplett neue Viren, die plötzlich da sind?
Ja, das kommt vor. Keime sind sehr trickreich.

Mit all Ihrem Wissen über ansteckende Krankheiten: Können Sie guten Gewissens empfehlen, mit der U-Bahn zu fahren?
Ich fahre auch selbst mit der U-Bahn. Denn Angst ist immer falsch. Aber natürlich ist es schon notwendig, dass jeder bestimmte Hygienemaßnahmen einhält. Wenn man nach Hause kommt, ist es kein Luxus, sich die Hände zu waschen. Die ganze Zeit mit dem Desinfektionstuch herumzulaufen, ist meiner Meinung nach allerdings sinnlos.

Warum?
Wir haben prinzipiell ein sehr gutes Immunsystem, das auch gefordert werden will. Das ist auch das Problem: Wenn wir die ganze Zeit völlig keimfrei herumlaufen, können Allergien vermehrt auftreten. Beim Händewaschen geht es darum, die Keimlast zu reduzieren. Denn ein Virus oder Bakterium macht noch keine Infektion. Erst eine größere Anzahl davon löst Krankheiten aus. Und wenn Sie sich die Hände zu oft waschen oder desinfizieren, wird auch die Fettschicht zerstört. Doch diese ist gleichzeitig eine Schutzschild. Wenn die Hände dann extrem trocken sind und vielleicht noch kleine Verletzungen dazu kommen, sind sie erst recht Eintrittsstellen für Infektionen. Außerdem muss man sich immer vor Augen halten, dass wir aus mehr Keimen bestehen als aus menschlichen Zellen. Wir sind besiedelt von Milliarden von Keimen, die mit uns in Symbiose und im Gleichklang leben.

»Händewaschen ist kein Luxus. Die zehn wichtigsten Übertragungswege für Infektionen sind die zehn Finger«

Gibt es noch andere Hygienemaßnahmen, die Sie empfehlen?
Händewaschen ist das wichtigste - mit lauwarmen Wasser und Seife. Desinfektionsmittel ist nicht notwendig. Die zehn wichtigen Übertragungswege von Infektionen sind die zehn Finger. Außerdem sollte man, beim Niesen natürlich nicht in die Gegend hinein, sondern in den Arm niesen. Denn man muss sich nur überlegen, wie Keime weitergegeben werden. Wenn es durch Tröpfcheninfektionen ist, dann fliegen sie so weit, wie ich niese. Anschließend fallen sie runter und sind auf Griffen usw. drauf. Die Viren überleben eine gewisse Zeit. Greift der nächste drauf und fasst sich an die Nase oder den Mund - das macht man übrigens ganz automatisch -, werden sie übertragen. Andere Keime wie etwa Masern oder Feuchtblattern schweben hingegen sehr lange in der Luft. Deshalb sind sie so hochinfektiös. Wenn man wirklich krank ist, bleibt man aus Rücksicht am besten zu Hause, steigt in keinen Bus und geht auch nicht ins Büro.

Wo finden sich im Alltag die meisten Keime?
Auf der Tastatur, auf dem Handy -überall dort, wo man oft draufgreift. Türklinken sind natürlich auch ein Risiko. Aber es geht nicht darum, dass man keine Türklinke mehr angreifen darf. Denn der Großteil der Keime ist gutartig. Steril zu leben, bedeutet hingegen, dass man das Immunsystem nicht trainiert. Kommt dann ein bösartiger Keim, hat das Immunsystem nicht gelernt, sich damit auseinanderzusetzen, die Erkrankung verläuft schwerer.

Die Medizin hat durch die Entdeckung der Antibiotika enorme Fortschritte gemacht ...
Vor 90 Jahren hat man erst das Penicillin entdeckt. Vorher hat man keine Therapie gegen bakterielle Infektionen gehabt. Davor konnte ein Staphylokokken-Infekt ein Todesurteil sein. Mit der Entdeckung der Antibiotika -in den 50er-, 60er-, 70er-Jahren - hat man viele gesucht und auch gefunden. Damit hat die moderne Medizin begonnen, da Infektionen kein Problem mehr waren. Dadurch sind Transplantationen, Chirurgie, Prothesen, die Neonatologie und Onkologie überhaupt erst möglich geworden.

© News/Matt Observe Heinz Burgmann hat täglich mit Patienten mit ansteckenden Krankheiten zu tun. Von übertriebener Angst hält er ebenso wenig wie davon, sich ständig die Hände mit Desinfektionstüchern abzuwischen

Nun kommen aber immer häufiger Keime auf, die gegen Antibiotika resistent sind. Experten zufolge werden diese im Jahr 2050 sogar Todesursache Nummer eins sein. Woher kommen diese Keime?
Resistente Keime hat es immer schon gegeben. Forscher haben etwa in Peru in einer Höhle, in der seit 100.000 Jahren kein Mensch war, Erde analysiert und gesehen, dass viele der Keime antibiotikaresistent sind. Denn die meisten Antibiotika wie etwa Penicillin, das von Pilzen produziert wird, sind Naturstoffe. Um sich einen Umgebungsvorteil zu verschaffen, gibt es in der Natur Resistenzmechanismen. Diese Keime sind nicht an und für sich bösartiger, und sie enthalten auch nicht mehr Giftstoffe. Sie sind deshalb so gefährlich, weil es einfach nur sehr wenige bis gar keine Therapiemöglichkeiten gibt.

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Welche sind denn die häufigsten Infektionen mit resistenten Keimen?
Staphylococcus aureus beispielsweise. Er kann ganz normal in Ihrer Nase siedeln oder auf der Hautoberfläche sitzen und gar nichts machen. Aber er hat in seinem Genom Sachen drinnen, die ihn sehr böse werden lassen können. Er kann massive Infektionen wie Knocheninfektionen, Abszesse, Blutvergiftungen, Hautinfektionen und Hirnabszesse hervorrufen.

Es heißt auch immer, dass es in Südostasien viele resistente Keime gibt. Wenn ich dorthin auf Urlaub fahre, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich damit anstecke?
35 bis 40 Prozent der Urlauber kommen mit resistenten Keimen zurück. Die Infektion findet über das Essen oder Angreifen von Oberflächen statt. Auch in Indien, Rumänien, Italien und Griechenland ist das Risiko hoch, einen Keim zu bekommen. Das Problem ist, dass in vielen Länder Antibiotika überall frei erhältlich sind. Das ist ganz, ganz schlecht. Jedes Antibiotikum, das Sie nehmen, kann potenziell zu Resistenzen führen. Die müssen zwar nicht Sie treffen, aber Sie können diese Keime weitergeben, und wenn dann der andere krank wird, hat er sehr schlechte Karten bei der Therapie.

Wenn ich mir einen Keim hole, aber nicht krank werde: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser wieder von alleine verschwindet?
Hoch. Wir sehen, dass der Keim meistens in ein paar Monaten wieder von anderen, gutartigen Darmkeimen überwuchert wird. Aber es kann einige Monate dauern.

Antibiotika ohne Verschreibung einzunehmen, kann also Resistenzen verursachen. Wann machen Antibiotika keinen Sinn?
Bei Viren machen sie keinen Sinn, und der Großteil der Infektionen ist viral. Zum Beispiel ist Bronchitis sehr häufig viral, und es ist die Krankheit, bei der am häufigsten sinnlos Antibiotika verschrieben werden. Da haben wir eine große Gruppe von Patienten, die sinnlos ein Antibiotikum nehmen. Oder auch bei Grippe braucht man keine.

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Wenn beim Großteil der Erkrankungen keine Antibiotika wirken, warum ist dann der Verbrauch so hoch?
Auf der einen Seite haben wir keinen wirklichen guten Parameter, um zwischen Virus und Bakterium zu unterscheiden. Außerdem machen Patienten oft Druck, ein Antibiotikum zu bekommen, und Ärzte verschreiben sie dann auch. Das ist wirklich ein Feld, wo man frühzeitig mit der Erziehung anfangen und schon in der Schule sagen muss, dass Antibiotika mächtige Substanzen sind, die auch Nebenwirkungen haben, und dass sie ihre Wirksamkeit verlieren, wenn sie falsch gegeben werden. Andererseits müssen die Ärzte diesbezüglich besser ausgebildet werden. Aber Resistenzen sind nicht nur im Humanbereich ein Problem.

Wer ist noch mitverantwortlich dafür?
In der Tiermedizin werden rund 40 Prozent der Antibiotika verabreicht. Sie bilden Resistenzen, und diese Keime können dann bei der Zubereitung des Fleisches in unseren Körper gelangen. Aber auch die Landwirtschaft spielt eine Rolle. Denn die Tier scheiden die resistenten Keime natürlich aus. Die Gülle kommt auf die Felder, und die Keime sind schließlich sogar im Grundwasser und in Flüssen nachweisbar.

Gibt es eigentlich baldige Hoffnung auf neue Medikamente?
Eher nein. Denn es wird zwar sehr viel in die Entwicklung neuer Medikamente investiert, aber nicht in neue Antibiotika.

Warum wollen die Firmen nicht in neue Antibiotika investieren?
Das ist leicht erklärt. Wenn jemand im Bereich der Onkologie ein neues Mittel hat, dann reißen es ihm alle aus der Hand. Das bekommen dann viele Patienten. Neue Antiinfektiva kommen hingegen in den Panzerschrank und werden nur bei ausgewählten Patienten verwendet. Denn es besteht natürlich die Angst, dass sich wieder Resistenzen gegen die neuen Antibiotika entwickeln. Das heißt, für eine Firma, die ja viel verkaufen will, ist das nicht gut. Schließlich dauert die Entwicklung eines neuen Medikaments rund zehn Jahre und kostet eine Milliarde Euro.

Klingt logisch. Aber wie kann das geändert werden?
Da ist jetzt auch die Politik gefordert, die sagt, dass wir neue Substanzen brauchen und eine Entwicklung stattfinden muss. Schließlich gibt es mittlerweile schon Keime, gegen die es überhaupt kein wirksames Antibiotikum mehr gibt. Wir versuchen dann zwar, Wirkstoffe zusammenzumixen, und hoffen, dass es irgendwie hilft. Das wird ein Riesenproblem. Einerseits sorgen die gute Hygiene und die gute Ernährung dafür, dass die Leute nicht krank werden, aber die Antibiotika haben dafür gesorgt, dass die Lebenserwartung um 20 Jahre gestiegen ist. Und wenn diese Säule durch nicht mehr therapierbare resistente Keime wegbricht, dann wird die Lebenserwartung wieder deutlich sinken.

Zur Person: Heinz Burgmann studierte Medizin in Wien und vertiefte sein Wissen bei einem Auslandsaufenthalt an der Fakultät für Tropenmedizin an der Mahidol University in Bangkok (Thailand). Seit 1. April 2018 ist Burgmann Professor für Innere Medizin mit Schwerpunkt Infektionen und Tropenmedizin an der MedUni Wien und Leiter der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin der Universitätsklinik für Innere Medizin I.

Dieser Artikel ist ursprünglich im News 30/2019 erschienen.