Münteferings bemerkenswerter Abschied: Kleiner Seitenhieb auf Kanzlerin Merkel

'Ich bin nicht müde. Ich bin weiter mit Herzblut dabei' "Großer Rundumschlag" des Vizekanzlers blieb aus

Münteferings bemerkenswerter Abschied: Kleiner Seitenhieb auf Kanzlerin Merkel

Es war wie fast immer bei Franz Müntefering. Auch beim vorläufigen und gewohnt ungewöhnlichen Abschied. Präzise gab der bald gewesene deutsche Vizekanzler Auskunft über die exakten Abläufe der zurückliegenden Tage und Stunden. Wann er wen über seinen beabsichtigten Rücktritt informiert hatte, meist noch mit genauen Uhrzeiten - das referierte er ohne Zögern aus dem Gedächtnis.

Auch einigen Legendenbildungen beugte der 67-Jährige gleich vor, kurz nachdem er in der Fraktion in einem denkwürdigen Auftritt, der bei vielen Abgeordneten für eine Gänsehaut sorgte, seine Gründe dargelegt hatte. Kein politisches Motiv stecke hinter dem Rückzug, betonte er immer wieder. Einzig und allein die schwere Krebsoperation seiner Frau, immerhin die fünfte seit 2001, habe den Ausschlag gegeben. Vor ihr liege nun eine lange Reha-Zeit, da wolle er voll bei ihr sein. Nur das und nicht seine Ämter hätten für ihn jetzt Priorität. Nein, sicher leicht sei ihm diese Entscheidung nicht gefallen, fügte er ungefragt hinzu. Aber es habe nun einmal sein müssen.

Kein Rundumschlag
Den großen Rundumschlag oder Blick zurück im Zorn auf die vergangenen lange Nacht im Koalitionsausschuss verkniff er sich zunächst. Doch schließlich ließ sich Müntefering doch noch aus der Reserve locken. Natürlich sei er sauer auf die Union wegen der starren Haltung beim Post-Mindestlohn und irgendwie auch auf die Kanzlerin. Das Wort vom offenen Vertrauensbruch Angela Merkels wollte er zwar nicht richtig in den Mund nehmen.

Seitenhieb auf Merkel
Doch für so ganz aus der Luft gegriffen, das war spürbar, hält er den Vorwurf nicht. "Jeder Mensch kann sich bessern, keiner wird abgeschrieben", lautete der ironische Seitenhieb auf Merkel wegen ihrer aus seiner Sicht mangelnde Standfestigkeit. "Man trifft sich immer zwei Mal im Leben", lautete seine Warnung an das Unions-Lager.

Kein endgültiger Abschied
Richtig aufhorchen - vielleicht auch den SPD-Chef Kurt Beck - ließen dann aber einige andere Bemerkungen, die Müntefering bei seinem betont lockeren Solo-Auftritt immer einfließen ließ: Mit ihm sei auch weiter zu rechnen. Nein, ein endgültiger Abschied oder sogar Ausstieg aus der Politik sei das jetzt keineswegs, gab er vorsorglich zu Protokoll. "Ich bin nicht müde. Ich bin weiter mit Herzblut dabei", versprühte Müntefering schon wieder gebremsten Tatendrang.

Auszeit
Nach einer vorübergehenden Auszeit werde er sicher wieder mitmischen, lautete das Versprechen. Immerhin bleibe er ja ohnehin Abgeordneter im Bundestag. Nach 2009, wenn das wahrscheinlich nicht mehr der Fall sein werde, würde es ihn in den Fingern jucken, dabei mitzuhelfen, in seinem alten Stammland an Rhein und Ruhr die jetzige CDU-Landesregierung von Jürgen Rüttgers wieder aus dem Amt zu hebeln, verkündete der erfolgreiche Organisator von zwei erfolgreichen SPD- Bundestagswahlkämpfen. Möglicherweise wird dieses Kampagnen-Talent des 67-jährigen Münteferings aber auch schon früher wieder benötigt.

Eher knapp, aber ohne irgendwelche illoyalen Züge fielen seine Komplimente für den SPD-Parteichef aus. Warum Kurt Beck nun nicht von Mainz nach Berlin ins Kabinett wechselt, dafür hatte er auch keine richtige Antwort parat: "Das müssen Sie ihn fragen".

Fast den ganzen Tag über war der Parteichef abgetaucht, um Handlungsfähigkeit zu demonstrieren und die entstandene Lücke rasch zu schließen. Heraus kamen schließlich die eher naheliegenden Personalberufungen. Damit ersparte sich Beck zumindest eine längere Debatte in den eigenen Reihen, ob sein eigener Wechsel ins Kabinett nicht doch die überzeugendere Lösung gewesen wäre. Aber nicht wenige Sozialdemokraten sind davon überzeugt, dass die Karten in der Partei, auch was die Kanzlerkandidatur für 2009 angeht, ab sofort neu gemischt werden.

(apa/red)