Fakten von

Mord Saalfelden:
20 Jahre Haft in Anstalt

Urteil gegen 22-Jährigen, der seine Ex-Freundin getötet und verstümmelt haben soll

Mord in Saalfelden © Bild: APA/Barbara Gindl

20 Jahre Haft in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher: Das ist das - nicht rechtskräftige - Urteil gegen den 22-jährigen Alexander, der im vergangenen Herbst seine Ex-Freundin getötet und ihre Leiche verstümmelt haben soll.

Das Urteil ist die Höchststrafe für junge Erwachsene. Der Beschuldigte war zur Tatzeit 20 Jahre alt. Deshalb betrug der Strafrahmen fünf bis 20 Jahre und nicht lebenslänglich. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. In den Schlussplädoyers fanden Staatsanwältin und Opferanwalt klare Worte: Der 21-Jährige sei des Mordes schuldig zu sprechen. Er sei zwar schwer persönlichkeitsgestört, aber zurechnungsfähig.

Mord in Saalfelden
© APA/Barbara Gindl

Vor Beginn des Prozesses war ein Streit darüber entbrannt, ob der Verdächtige schuldfähig ist. News hatte sich auf Spurensuche begeben:

Kinder bekritzeln den Asphalt mit Kreide. Eltern pflanzen Geranien in den Gärten. Pensionisten schieben Rollatoren vor sich her. Immer den Blick auf einen Ring aus Bergen - eine Kulisse wie gemalt, wie in einem Bilderbuch. Hier, am Fuße des Steinernen Meers in Saalfelden, sitzt Alexander am Abend des 8. Oktober 2014 alleine in der Wohnung seiner Mutter. Um 20.13 Uhr schreibt er seiner Exfreundin eine Whatsapp-Nachricht. Er möchte Mirela bei sich zu Hause treffen - und dann töten.

Laut Polizeiprotokoll spielt Alexander seit mindestens zwei bis drei Stunden mit dem Gedanken, die 20-Jährige umzubringen. Er surft mit seinem Handy im Internet. Schaut sich Bilder mit blutigen Messern, Mordszenen sowie die anatomische Anordnung der Organe an. Um 22.11 Uhr ruft Mirela bei Alexander an. Das Gespräch dauert zwölf Sekunden. Kurz danach steht Mirela vor dem Mehrfamilienhaus. Sie läutet. Alexander öffnet ihr, dann holt er ein Messer aus der Küche.

Arglos betritt die 20-Jährige die Wohnung, schließt die Tür und begrüßt ihn. Dann rammt Alexander Mirela das Messer in die Brust. Immer wieder.

Allein im Jahr 2014 wurden in Österreich 110 Menschen ermordet, davon 42 Frauen. Fast die Hälfte aller Opfer hatte zumindest ein Bekanntschaftsverhältnis zu ihrem späteren Mörder. Die beiden Fragen, die sich nach diesen Taten stellen, sind immer dieselben: Wurde aus Liebe Hass? Oder steckt eine psychische Krankheit dahinter? Im Fall von Alexander scheint die Antwort schwierig zu sein.

Im Vorraum der Wohnung packt Alexander die Sterbende an der Hand und zieht sie ins Badezimmer. Zwischendurch telefoniert er mit seiner Mutter. Sie will heimkommen, er bittet sie, noch zu warten, weil Freunde da seien. Um 22.25 Uhr kommt die Mutter trotzdem nach Hause. Die Polizei weiß das, weil sie ihm eine SMS geschrieben hat mit dem Text: "I bin jetzt da.“ Laut eigener Aussage wartet sie im Keller. Die Ermittler zählen später 54 SMS, die sich Mutter und Sohn schicken, während sie im Keller wartet. Es geht einzig darum, dass die Mutter in die Wohnung will und Alexander sie hinhält.

Während Mirelas Leiche im Bad liegt, versucht Alexander, den Vorraum von Blutspuren zu säubern. Dann geht er wieder zu seinem Opfer. Mit einem Keramikmesser schlitzt er Mirelas Kleidung auf. Er legt ihren Körper in die Dusche und wäscht ihn. Dann zieht er die Tote raus und drapiert sie in der Mitte des Badezimmers auf einer Decke. In diesem Moment hört Alexander seine Mutter vor der Wohnung. Er springt auf und öffnet ihr die Tür, drängt sie ins Schlafzimmer. Behauptet, dass noch ein betrunkener Freund im Bad sei. Aus dem Schlafzimmer nimmt er einen Koffer mit. Darin will er später Mirelas Kleidung verstecken. Er geht wieder ins Bad, verschließt die Tür. Die Mutter folgt ihm, bittet ihn, aufzusperren. Er öffnet einen Spalt und sagt: "Schau nicht herein, denn das willst du nicht sehen.“

Erst jetzt fallen ihr die Blutspuren auf. An der Wand und an der rechten Schläfe ihres Sohnes. Sie fragt ihn, was passiert sei. Alexander tritt jetzt aus dem Bad auf sie zu. Er behauptet, ein Freund habe Mirela erstochen. Die Mutter wird panisch. Sie öffnet die Badezimmertür, blickt auf einen zugedeckten Körper am Boden, sieht ein paar Haare und erkennt Mirela. Die Mutter will weg, will die Polizei rufen. Ihr Sohn versperrt ihr den Weg.

Alexander wuchs bei seiner Mutter auf, seinen Vater kennt er nicht. Freunde der Familie behaupten, dass der ein Unternehmer aus der Region sei, der sich die Freiheit von den väterlichen Pflichten erkauft habe. Alexander hat keine Geschwister, zeitweise leben seine Mutter und er bei der Oma in einer kleinen Wohnung. "Er war nie draußen, hatte keine Freunde, wir haben ihn nie Fußball spielen gesehen oder mit dem Rad fahren“, sagt ein Nachbar.

Nach zwei Jahren schmeißt er die Handelsakademie und wird Versicherungsvertreter. Als er dort zu wenig verdient, nimmt er einen Job in einer Bank an. Nach einigen Monaten wird er entlassen, weil er Geld gestohlen haben soll. Ein Praktikum bei einem Steuerberater bricht er ab. Schließlich nimmt er nur noch Gelegenheitsjobs an, bezieht Arbeitslosengeld und finanzielle Unterstützung von der Mutter.

Im Jahr 2013 ändert Alexander seinen Familiennamen. Er will einen ausländischen Namen, weil viele seiner Freunde vom Balkan kommen. Zur gleichen Zeit werden Alexander und Mirela, eine Kellnerin, ein Paar. Freunde beschreiben die gebürtige Bosnierin als "herzliche Person“. Sie sei loyal und ehrlich gewesen. Habe Hip-Hop gehört und sich für Autos interessiert. Die beiden sollen sich sogar gemeinsam ein Auto zugelegt haben.

Mirela soll sehr verliebt in Alexander gewesen sein. Anfang 2014 zieht sie zu ihm und seiner Mutter. Sie möchte, dass er arbeitet, um finanziell unabhängig zu sein. Sie verbietet ihm Alkohol, weil er ihn aggressiv mache. Er fügt sich, so gut er kann. Reagiert auf die teils schroffen Ansagen liebevoll, sagen die Freunde. Die Beziehung ist schwierig, Mirela zieht aus und wieder ein und trennt sich schließlich von ihm. Ganz vorbei dürfte es zwischen den beiden aber nicht gewesen sein.

"Die meisten Tötungsdelikte sind Beziehungsdelikte“, sagt die Psychiaterin Adelheid Kastner. "Nahestehende können wesentlich dramatischere Verletzungen zufügen als Fremde.“

Alles voller Blut. Die Mutter lässt sich von Alexander keine Angst machen. Er tritt schließlich zur Seite und sagt: "Wenn du dein einziges Kind, dein eigenes Fleisch und Blut, der Polizei übergeben willst, dann ruf sie an.“ Die Mutter rennt zum Nachbarn. Um 00.47 Uhr alarmiert der die Polizei. Alexander zieht sich ein sauberes Gewand an, raucht eine Zigarette und wartet auf die Beamten. Hinter Gittern wird Alexander von den Beamten verhört. Seine Aussagen variieren. Wenige Stunden nach seiner Festnahme gibt er an, dass die Tat eine Opferung für Satan gewesen sei. Ein Ritual, behauptet Alexander bei der Einvernahme. Er prahlt mit grausigen Details. So habe er Teile von Mirelas Körper verspeist. Seit fünf Jahren interessiere er sich für Okkultismus, erzählt er den Beamten. Er habe geplant, nach der Tat in die USA auszuwandern, um dort mit Gleichgesinnten weitere Rituale abzuhalten. Diese Aussagen sind vor allem für die Verteidigerin Liane Hirschbrich ein Beweis, dass ihr Mandant geisteskrank ist. "Alexander war seinem wahnhaften Erleben ausgeliefert“, sagt sie. Doch zwei Wochen nach der Tat revidiert Alexander seine Aussage. Er habe sich das alles ausgedacht, weil er gehofft habe, dass er als Geisteskranker eine Einzelzelle bekäme. Pure Eifersucht sei der Auslöser gewesen. So steht es im Polizeibericht.

Was trieb Alexander zu dieser brutalen Tat? Ist er ein Kranker, der sich nicht steuern konnte, oder ein kaltblütiger Mörder? Wie soll die Justiz mit so einem Täter umgehen? Die Staatsanwaltschaft gibt ein psychologisches Gutachten in Auftrag. Ein Gerichtsmediziner der Universität Salzburg führt ausführliche Gespräche mit ihm, stellt bohrende Fragen. Alexander erzählt von seiner Mutter, die sich nie gegen die Oma durchsetzen konnte. Er erzählt von seiner Exfreundin, die ihn wegen Körperverletzung angezeigt hatte und wegen der er am 9. Oktober 2014, einen Tag nach der Tat, vor Gericht gestanden hätte. Und dass er ein Flugticket für eine Reise nach New York hatte, datiert auch auf den Tag nach der Tat.

Die Ärzte untersuchen seinen Körper. Sämtliche Werte sind unauffällig. Die Ärzte untersuchen auch seinen Geist. Überdurchschnittliche Gedächtnisleistung, kein Wahn, keine Halluzinationen, aber Symptome einer Persönlichkeitsstörung. Trotzdem: Er wusste genau, was er tat, heißt es in dem Gutachten. Und weiter: "Eine akute Behandlungsnotwendigkeit ist somit gegenwärtig nicht gegeben.“

Die Strafe für einen erwachsenen Mörder, der als zurechnungsfähig eingestuft wird, liegt bei zehn bis 20 Jahren Gefängnis, manchmal sogar lebenslänglich. Die Anwältin von Alexander, Liane Hirschbrich, ist grantig. Sie wirft dem Psychiater Fehler vor. "Es ist verblüffend, dass weder die Staatsanwältin noch ihr Gutachter den hohen Krankheitsgrad meines Mandanten erkannt haben und nur mit Wegsperren anstatt mit einer Therapie reagieren.“ Sie hat die Bestellung eines zweiten Gutachters beantragt, das wurde abgelehnt. Der Mordprozess startet am 31. August, Hirschbrich will davor noch ein privates Gutachten einholen.

Der deutsch-zypriotische Psychiater Andreas Marneros hat Hunderte Gewaltverbrecher begutachtet. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter eines über Menschen, die ihren Partner töten ("Intimizid. Die Tötung des Intimpartners“). Er bewertet den Fall aus der Ferne. Für ihn sieht der Mord nicht nach einer klassischen Beziehungstat aus. "Die meisten Tötungen des Intimpartners finden als Affekttaten statt“, sagt der Psychiater. Am Anfang stehe der Streit, dann folge der Kontrollverlust und anschließend die Tat. Es sei keine Planung dabei. Das sei bei diesem Fall anders.

Auch Alexanders Reaktion nach der Tat sei ungewöhnlich. Andreas Marneros beschreibt diesen Moment als ein Aufwachen aus der Realität. "Normalerweise alarmieren die Täter die Polizei. Oder sie versuchen, das Opfer wiederzubeleben oder sich selbst umzubringen.“ Nicht so Alexander. Und noch eine Sache macht den Psychiater skeptisch: die Verletzungen beim Opfer. Der Gerichtsmediziner zählte fast 50 Stich-und Schnittverletzungen. Ihm fiel auf, dass die Verletzungen am Rücken wie ein Muster angeordnet waren. Und er notierte, dass Teile von Mirelas Körper mit einem Messer herausgeschnitten wurden. Für den Psychiater ist das ein Hinweis für etwas Krankhaftes beim Täter.

Die besondere Brutalität dieser Tat irritiert zumindest die Experten nicht. "Je stärker die Liebe, desto größer die Wut“, sagt Marneros. Psychiaterin Adelheid Kastner sieht das ähnlich: "Je heftiger die betreibende Emotion, desto heftiger die gelebte Aggression, da kann es schon vorkommen, dass man in absolutem Vernichtungswillen deutlich heftiger zusticht, als zur Tötung erforderlich wäre.“

Wird Alexander am Ende doch für unzurechnungsfähig erklärt, bliebe ihm das Gefängnis erspart. Ob er jedoch die Psychiatrie jemals wieder verlassen darf, ist mehr als fraglich.

Mirela hat am Fuße des Steinernen Meeres in Saalfelden ihr Grab. Vor einer Kulisse wie gemalt.

Kommentare

lebenslang ist noch zu kurz

Seite 1 von 1