Montenegro ringt heute um seine Zukunft: Mini-Staat oder doch Verbund mit Serbien?

Nach Prognosen wird ein knappes Rennen erwartet PLUS: Porträts & die wichtigsten Daten Montenegros

Bisher war das kleine Montenegro, Teil des Staates Serbien-Montenegro, bestenfalls als Ziel für Adria-Urlauber bekannt. Doch jetzt soll es nach dem Willen der Regierung zum jüngsten Staat Europas aufgewertet werden. Der neue Mini-Staat mit nur 620.000 Einwohnern soll dem "großen Bruder Serbien" den Rücken kehren. Der Ausgang des heutigen Unabhängigkeits-Referendums wird nach allen Prognosen knapp ausfallen. Viele Bürger wollen auch in Zukunft mit Serbien einen gemeinsamen Staat bilden.

Der Motor für die montenegrinische Unabhängigkeit ist Premier Milo Djukanovic. Er sieht Serbien weiter im Nationalismus verfangen, wodurch Montenegro auf seinem Weg in die EU gebremst werde. Djukanovic hat eine atemberaubende Polit-Karriere hinter sich. Ende der 80er Jahre galt er als enger Mitarbeiter des inzwischen verstorbenen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic. Später wurde er zu dessen schärfstem Kritiker und daher zum Liebling des Westens. Doch der Westen ist inzwischen etwas auf Distanz gegangen, nachdem immer wieder Vorwürfe laut wurden, dass Djukanovic mit groß angelegtem Zigarettenschmuggel und Mafia-Geschäften in Verbindung gestanden habe.

Predrag Bulatovic ist als Anhänger eines Verbleibs bei Serbien der Widersacher von Djukanovic. "Die Spitze des separatistischen Blocks sieht in der Unabhängigkeit einen Privatstaat für Djukanovic" und einige seiner reichen Günstlinge, lautet sein Vorwurf. Aus Kreisen der proserbischen "Unionisten" gab es auch Drohungen zu hören, im Falle der Unabhängigkeit den Norden Montenegros an Serbien angliedern zu wollen. Zudem streben die Menschen rund um die Bucht von Kotor nach Autonomie im neuen Staat, weil sie sich nicht als Montenegriner fühlen.

Ohnehin ist auch unter Wissenschaftern umstritten, ob die Montenegriner wirklich ein eigenes Volk sind. Zumal sie Besuchern gern nach zwei Gläschen Schnaps versichern, die "besseren Serben" zu sein. Das weisen die Anhänger der Souveränität strikt zurück. Montenegro blicke auf eine "tausendjährige Geschichte" zurück und wolle an seine Staatlichkeit zur Zeit des eigenen Königreichs im 19. Jahrhundert anknüpfen.

Die EU, die vor drei Jahren mit sanftem Druck die Bildung von Serbien-Montenegro gefördert hatte, wollte lange Zeit von einem souveränen Montenegro nichts wissen. Doch letztlich konnte sich auch der "Ziehvater" dieses Staatsgebildes, der EU-Außenpolitiker Javier Solana, nicht dem Wunsch großer Teile der Bevölkerung entziehen, sich von Serbien zu trennen. Denn der Staatenbund, der nicht einmal gemeinsame staatliche Symbole besitzt, war von Anfang an nicht lebensfähig. Am Ende konnte Brüssel im Verein mit anderen europäischen Institutionen nur noch dafür sorgen, dass die Latte für die Unabhängigkeit möglichst hoch gelegt wird: Bei einer Wahlbeteiligung von mehr als 50 Prozent müssen sich wenigstens 55 Prozent für den eigenen Staat aussprechen.

Nach allen Prognosen wird ein knappes Rennen erwartet. Besonders heikel und gesellschaftspolitisch brisant dürfte es werden, wenn zwischen 50 und 55 Prozent ("Graue Zone") für die Unabhängigkeit stimmen. Zwar wäre in diesem Fall eine demokratische Mehrheit gegeben, jedoch die notwendige 55-Prozent-Marke verfehlt. Damit die Situation nicht noch komplizierter und angespannter und die "emotionale Zweiteilung" Montenegros zementiert wird, hoffen viele Beobachter auf eine "klare Entscheidung", die möglichst nicht in der "Grauen Zone" liegt.

Erste inoffizielle Ergebnisse haben Nicht-Regierungsorganisationen, die die meisten der etwa 3.000 Beobachter stellen, für etwa 22.00 Uhr angekündigt. Die etwa 1.100 Wahllokale in Montenegro öffnen am Sonntag um 08.00 Uhr und schließen um 21.00 Uhr. Knapp 485.000 Bürger haben ein Stimmrecht. Gerechnet wird mit einer sehr hohen Wahlbeteiligung. Das endgültige und offizielle Ergebnis soll von der Referendumskommission unter dem Vorsitz des slowakischen Diplomaten Frantisek Lipka bis zum 25. Mai bekannt gegeben werden.

(apa)