Mladic im Porträt: Vom überzeugten Kommunisten zum brutalen Nationalisten

Serbischer Ex-Militärchef leidet an Depressionen

Ratko Mladic, der frühere Militärführer der bosnischen Serben, ist seit mehr als zehn Jahren einer der meist gesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher. Trotz der im Sommer 1995 erhobenen Anklage des UNO-Tribunals für Kriegsverbrechen in Ex-Jugoslawien konnte der General, dem das schwerste aller Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg - das Massaker an rund 7.800 Bosniaken in Srebrenica - angelastet wird, bis Anfang 2002 völlig ungehindert in seiner Villa im Belgrader Stadtviertel Kostunjak leben, wo auch etliche westliche Diplomaten ihr Domizil haben.

Es werde bei dem Versuch seiner Festnahme Tote auf beiden Seiten geben, pflegte der pensionierte General laut Augenzeugen gerne in einer Bäckerei nahe seines Wohnhauses anzukündigen. Seine zahlreichen Bodyguards, früher in der Uniform der jugoslawischen Militärpolizei, tauchten später nur noch in Zivil auf. Plötzlich war der General weg. Danach wurde er immer anderswo vermutet - einmal in der ostserbischen Stadt Valjevo, wo er sich angeblich der Bienenzucht widmen wollte, einmal in Han Pijesak, wo sich während des Bosnien-Krieges (1992-1995) sein Hauptquartier befand. Ende 2005 wurde kolportiert, der General sei nach einem Selbstmordversuch aus Trebinje (Herzegowina) nach Belgrad verlegt worden.

Noch in den 70er und 80er Jahren ließ kaum etwas darauf hindeuten, dass der 1942 in der bosnischen Ortschaft Kalinovik, etwa 50 Kilometer südlich von Sarajewo, geborene Truppenoffizier sich je einen Namen machen würde. Eine steile Militärlaufbahn Mladics begann sich erst im Juni 1991 abzuzeichnen, als der Oberstleutnant mit Dienstort in der mazedonischen Hauptstadt Skopje in die kroatische Krajina nach Knin versetzt wurde und schon wenige Monate später den Rang eines Generalmajors erhielt. Bis Ende des darauf folgenden Bosnien-Krieges wurde Mladic bei den jugoslawischen Streitkräften noch sechs mal befördert, bevor in den Ruhestand versetzt wurde.

Der in den Militärschulen des einstigen Jugoslawien ausgebildete Mladic war zuerst überzeugter Kommunist. Bei der letzten im damaligen Jugoslawien vorgenommenen Volkszählung im Frühjahr 1991 gab sich der Sohn eines Partisanen von Josip Broz Tito, der während des Zweiten Weltkriegs von faschistischen kroatischen Ustaschi ermordet worden war, als Jugoslawe aus, der keinen Hehl aus seinem Unmut über serbische Nationalisten machte.

Doch bald sollte sich dies verändern. Im April 1992 wurde Mladic als jugoslawischer Offizier nach Bosnien-Herzegowina versetzt, einen Monat später übernahm er das Kommando des Generalstabs der mit ausgiebiger Hilfe Belgrads gebildeten bosnisch-serbischen Truppen. Sein offenes Kriegsziel war ein Groß-Serbien, das alle von Serben bewohnten Gebiete umfasst. Sold hatte der General den ganzen Bosnien-Krieg (1992-1995) hindurch in Belgrad bezogen. Seine Pension, ein "erworbenes Recht", wurde bis zuletzt in der Hauptstadt des serbisch-montenegrinischen Staatenbundes ausbezahlt.

Ein anderes Gesicht des einstigen "strengen, allerdings gerechten" jugoslawischen Truppenoffiziers kam unterdessen zum Ausdruck. Die Weltöffentlichkeit wurde durch Aufnahmen geschockt, auf welchen Mladic seine Soldaten zu einem unbarmherzigen Granatbeschuss der bosnischen Hauptstadt Sarajewo anspornte.

Im Juli 1995 war er der Kopf jener Militäraktion, die das Massaker in Srebrenica zum Ergebnis hatte. Zwischen 11. und 19. Juli wurden in der Umgebung der ostbosnischen Kleinstadt tausende Bosniaken ermordet.

Mladic ließ sich unmittelbar nach der Eroberung der Bosniaken-Enklave allerdings in einer anderen Pose aufnehmen. Vor den TV-Kameras verteilte er Süßigkeiten an verschreckte Srebrenica-Kinder. Kaum waren die Kameras weg, mussten die Zuckerln wieder zurückgegeben werden.

Der Militärführer der bosnischen Serben habe davon geträumt, sich im Kampf mit der NATO-Allianz zu erproben, stellte der britische Diplomat und internationale Bosnien-Friedensvermittler, David Owen, in seinem Buch "Balkan Odyssey" (London, 1995) fest. Der bosnisch-serbische General, der in Privatgesprächen mit Owen wiederholt rassistische und abschätzige Bemerkungen über Moslems und Kroaten machte, schwor auf Gewalt.

Nach Kriegsende wurde Mladic vom Regime von Slobodan Milosevic in Belgrad aufgenommen. Durch eine Rückkehr zur kommunistischen Ideologie sicherte er sich auch die Gunst der einflussreichen Neokommunistin Mirjana Markovic, Milosevics Ehefrau. Zwei Jahre nach der politischen Wende in Belgrad wurde Mladic der Boden in Belgrad zu heiß. Der seit dem Tod seiner Tochter Ana - einer hervorragenden Medizinstudentin - an Depressionen leidende General war untergetaucht. Ana nahm sich im März 1994 nach einer Russland-Reise das Leben, auf welcher sie von Studienkollegen mit der bosnischen Kriegsbrutalität konfrontiert wurde. Ihr Versuch, den Vater zu Rede zu stellen, war am Vorabend des Selbstmordes gescheitert. Der passionierte Schach- und Mensch-ärgere-Dich-Nicht-Spieler hatte offenbar keine Zeit für die Gewissensprobleme seiner Tochter. Mladic selbst hat Anas Tod seinen Feinden zugeschrieben.

Seit Jahresbeginn 2006 hat es wiederholt Gerüchte über Verhandlungen der Behörden mit Mladic über seine Übergabe an das UNO-Tribunal gegeben. Sie wurden ebenso oft bestritten. In gut unterrichteten Kreisen hieß es allerdings, dass die Verhandlungen wegen instabiler Gemütszustände Mladics ins Leere liefen.

Die Chefanklägerin des Haager Tribunals, Carla Del Ponte, erklärte mehrmals, dass der flüchtige General von einzelnen Militär- und Polizeistrukturen geschützt werde, was seine Festnahme völlig unmöglich mache. Auch das von den US-Behörden ausgeschriebene Kopfgeld von fünf Millionen Dollar (4,20 Mio. Euro) brachte keine Ergebnisse. Es gab allerdings bis zuletzt Berichte, dass Mladic bei einer der gescheiterten Verhandlungsrunde von den Belgrader Behörden gefordert haben soll, das Kopfgeld an seine Familie und Leibwächter auszuzahlen. (apa/red)