1. Todestag von

"Hannes hat mich
gelehrt, zu leben"

1. Todestag - "Hannes hat mich
gelehrt, zu leben" © Bild: Christian Holzknecht

Vor einem Jahr brach sie sich beide Füße und verlor ihre große Liebe, Kunstflugweltmeister Hannes Arch, bei einem Helikopterabsturz. Miriam Höller wollte aufgeben. Wie ihr Weg zurück ins Leben gelang, beschreibt sie im Gespräch

Am 8. September vor einem Jahr wurde Ihnen Ihre große Liebe genommen. Wie verbringen Sie diesen Tag heuer?
Mein Plan war es, mit unseren engsten Freunden zur Absturzstelle zu wandern, doch meine Füße können mich den weiten Weg noch nicht tragen. Hannes ist eh jeden Tag bei mir, somit sind für mich Daten und Orte gar nicht wichtig. Ich werde an dem Tag entweder arbeiten, Zeit mit meiner Familie verbringen oder mich bewusst auf das Geschehene ganz für mich alleine konzentrieren. Das entscheide ich ganz spontan.

Kurz vor dem Absturz hatten Sie sich bei einem Stunt- Fotoshooting beide Füße gebrochen, dadurch Ihren Beruf und teilweise die Gesundheit verloren. Welches Gefühl überwiegt, wenn Sie auf dieses Jahr zurückblicken?
Das kann man nicht miteinander vergleichen. Ich habe meine Gesundheit, somit mein Kapital und meine berufliche Grundlage, verloren. Bis heute arbeite ich jeden Tag sehr hart, um wieder gesund zu werden. Ich habe ein Ziel vor Augen und weiß, dass ich beruflich wieder erfolgreich sein kann. Anders ist es beim Tod. Er ist unwiderruflich. Hier begleitet mich das Gefühl vom Kontrollverlust jeden Tag, denn dem Tod stehen wir machtlos gegenüber. Die Trauer, Fassungslosigkeit und Wut haben sich allerdings in eine Süße verwandelt, denn was mir geblieben ist -das Einzige -sind die wunderschönen Erinnerungen und die Gewissheit, dass Hannes stolz auf mich ist. Ich kämpfe weiter für meine Ziele und Träume, so wie er es auch gemacht hätte.

Was hat Ihnen damals Kraft gegeben, weiterzumachen?
Ich hatte keine Kraft, körperlich, geistig wie seelisch, und das hat mich dazu gebracht, aufgeben zu wollen. Das Wichtigste in solchen Ausnahmesituationen sind die Menschen um einen herum, die einen geduldig führen und motivieren, wieder die schönen Momente zu sehen. Ich habe großes Glück, dass mich meine Familie und Freunde aufgefangen haben. Das Leben ist zerstörerisch und wunderschön zugleich. Es liegt an uns, wie wir es betrachten.

»Mir hilft es bis heute, Hannes stolz machen zu wollen. Er ist oft der einzige Grund, aufzustehen«

Gab es einen Punkt, an dem Sie gemerkt haben: Jetzt geht es wieder nach vorne?
Es ist ein Auf und Ab. Bis heute habe ich Tiefs, bei denen ich das Gefühl habe, keine Kontrolle über meinen Schmerz, meine Sehnsucht zu haben. Dass die Heilung meines Fußes nicht wie gewünscht verläuft, macht es nicht besser. Doch die Entscheidung liegt bei einem selbst, ob wir aufgeben oder weitermachen. Diese Entscheidung können wir jeden Tag neu treffen. Mir hilft es, Hannes stolz machen zu wollen. Er ist oft der einzige Grund, warum ich aufstehe. Ich stelle mir vor, dass er mir zusieht, wie ich mein Leben neu kreiere. Er würde sagen: "Schnucki, ich bin stolz auf dich."

Gibt es etwas, das Trost spenden kann?
Hannes und ich haben das Leben jeden Tag in vollen Zügen genossen. Mein Trost ist es, dass wir keine Zeit verschenkt haben, denn Zeit ist das Wertvollste, das wir haben.

Hannes Arch
© imago stock&people Sechs Jahre waren Miriam Höller und Hannes Arch ein Paar. "Wir ergänzen uns perfekt", erzählte Höller News vor drei Jahren. Was er sie über das Leben gelehrt habe, sei nun ihre größte Stütze, sagt sie heute

Welche Phase auf dem Weg in Ihr neues Leben war die größte Herausforderung?
Ich habe kein neues oder altes Leben, es ist mein Leben, das Höhen und Tiefen schreibt. Wer hoch fliegt, fällt auch tief. Die Frage ist, wie ich mit Rückschlägen umgehe. Ich möchte nicht aufgeben und am Boden liegen bleiben, dafür waren die Höhenflüge zu wundervoll.

Haben Sie und Hannes je darüber gesprochen, wie das Leben weitergeht, wenn einer gehen muss?
Wir haben viel über den Tod gesprochen, weil wir schon viele Freunde verloren haben, somit haben wir uns emotional gegenseitig abgesichert. Ich bin froh, dass das kein Tabuthema war und keine Fragen offen geblieben sind. Die Antworten helfen mir jetzt sehr. Als Extremsportler verliert man sich in einer Art "falschem Selbstbewusstsein" und dem Gedanken, dass nur anderen etwas passiert, aber nicht einem selbst. Die Angst vor dem Tod würde uns im Job behindern. Somit drängt man sie weg. Doch diese Flucht vor der Realität holt einen ein, wenn etwas passiert. Man kann sich noch so gut vorbereiten, der Schock und die Trauer, die Wut aufs Leben und die Machtlosigkeit dem Schicksal gegenüber, schmeißen einen trotzdem komplett aus der Bahn.

»Ich habe nie nach dem Warum gefragt. Ich glaube ans Schicksal«

Hannes ist durch einen Windpark geflogen, unter Brücken durch. Seither fragen sich Fans: Wie war dieser Unfall möglich? War er zu leichtfertig dieses Mal?
Ich habe bis heute keinen Menschen kennengelernt, der so kontrolliert und fokussiert ist und sein Leben so liebt wie Hannes. Er wusste immer, wo seine Grenzen liegen. Wer ihn kannte, weiß, dass seine Meisterleistungen auf der höchsten Form von Können, Erfahrung und Vorbereitung basierten. Deswegen glaube ich fest, dass es ein Unfall war. In über 30 Jahren im Extremsport hätte so oft etwas passieren können, doch genau bei einem Routineflug kommt er ums Leben. Ich habe mir nie die Frage gestellt: "Warum", denn wir beide haben an das Schicksal geglaubt. Dann ist die Frage, ob jemand anders, die Technik oder er selbst schuld war, völlig egal. Man sollte sich auf die Frage konzentrieren, was diesen Menschen ausgezeichnet hat, was er uns hinterlässt. Bei Hannes ist es das Gefühl vom "Vertrauen ins Leben", das Leben zu respektieren und zu akzeptieren mit allen Menschen und Aufgaben.

Sie verbrachten einige Zeit auf Hawaii, wo Sie und Hannes immer überwintert haben. Wie wichtig war das auf Ihrem Weg?
Viele Bücher über Trauer beschreiben, wie man am besten durch diese schwere Zeit geht, aber keiner dieser Lösungsvorschläge kam mir schlüssig vor. Somit habe ich meine eigene Art der Trauerbewältigung gefunden. Ich musste mir klar machen, dass unser Leben, so wie wir es uns aufgebaut hatten, nicht mehr existiert. Ich brauchte Beweise für die Endgültigkeit. Also habe ich eine Liste von Dingen gemacht, die wir geliebt haben, das Haus auf Hawaii, unser Zuhause in Salzburg, die Sportarten, die wir gemeinsam in den Bergen gemacht haben, Restaurants. Ich habe die wichtigsten Situationen ganz alleine durchgespielt. In all diesen Momenten wurde mir klar, dass ich nun alleine bin. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mit allen liebevollen Erinnerungen im Gepäck einen neuen Weg zu finden.

Welchen Platz hat er heute in Ihrem Leben? Was bleibt?
Ich habe nicht nur Hannes, sondern mein Leben, meine Zukunft verloren. Alle Dinge, die wir gerne gemacht haben, Campen in unserem VW-Bulli, Urlaube auf Hawaii, ein ganz normales Paar sein in unserem selbst gebauten Haus in Salzburg, unsere Zukunftspläne. Alles wurde mir genommen. Da wir nie von so einem Extremfall ausgegangen sind, stand ich mit drei Koffern auf der Straße, bin zurück zu meinen Eltern gezogen und musste mich neu orientieren. Ich habe das Glück, dass wir nie materielle Menschen waren und ich schnell realisiert habe, dass mir all diese Orte und Gegenstände nicht dabei helfen, loszulassen und weiterzuziehen. Eher im Gegenteil. Jetzt bin ich froh über diesen räumlichen und materiellen Abbruch, denn er gibt mir Raum für Neues. Wir Menschen glauben, dass uns Geld und Luxus glücklich machen, doch das ist ein fataler Fehler. Schlussendlich bleibt uns viel Wertvolleres: Etwa, dass Hannes mich unbewusst darauf vorbereitet hat, wie ich weitermachen soll, falls ihm etwas passiert. Wie er mir vorgelebt hat, was Leben bedeutet. Wenn es den Tod nicht geben würde, hätte das Leben gar keinen Wert.

Woher beziehen Sie die Kraft, so positiv zu bleiben?
Aus meinen bisherigen Erfahrungen und dem Vertrauen ins Leben. Jede noch so schlimme Erfahrung hat mich, mit Abstand betrachtet, weitergebracht. Wenn man in der Situation steckt, sieht man es vor lauter Gefühlschaos nicht, aber vielleicht Monate oder Jahre später. So stelle ich mir das Leben vor: wie ein Puzzle. An unserem letzten Lebenstag bekommen wir das letzte Stück, das das Bild komplett macht und uns den Sinn erkennen lässt.

© imago/Viennareport Vom Leben als Stuntfrau nimmt sie nun Abschied. Täglich trainert sie, um wieder ungehindert gehen zu können. Auf RTL Nitro hat sie ab Herbst die Sendung "Crazy Wheels"

Sie sind jetzt als Moderatorin erfolgreich. Wollen Sie je wieder Stuntfrau sein?
Mein linker Fuß wird nicht mehr so gesund werden, dass ich springen und rennen kann. Gedanken, den gefährlichen Job an den Nagel zu hängen, hatte ich aber schon früher, als Hannes und ich an der Familienplanung zu arbeiten begannen. Vielleicht war ich auch deswegen beim Stunt-Shooting damals nicht ganz bei der Sache. Ich hatte schon vor meinem Unfall und Hannes' Tod das Gefühl, dass wertvollere Aufgaben auf mich warten. Das, was passiert ist, sind Zeichen für mich, dass ich mich nicht mehr überall runterstürzen oder anzünden muss.

Können Sie sich vorstellen, dass einmal für eine neue Liebe Platz im Leben ist?
Ein neuer Partner wird mir nie den Schmerz abnehmen können. Den Rucksack muss ich allein tragen. Doch ich bin 30 Jahre alt, ich liebe es, zu lieben und geliebt zu werden, Nähe und Vertrauen zu spüren, Erlebnisse und Glück zu teilen. Wenn es nicht der Plan war, dass ich das mit Hannes verwirkliche, dann wird das Leben einen anderen Partner irgendwann für mich bereit halten. Dem möchte ich offen und ohne Angst begegnen, denn wir sind doch nur Passagiere unseres Lebens. Es kommt sowieso, wie es kommen muss.