Milosevics Ableben als Ende einer Epoche: Alle Hauptakteure der Balkan-Kriege nun tot

Serbien noch im Erbe des Ex-Staatschefs verfangen Für einige Serben ein Held, für andere ein Verbrecher

Mit dem Tod des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic ist auf dem Balkan eine dramatische Epoche zu Ende gegangen. Alle drei Hauptakteure - neben Milosevic auch noch die ehemaligen Präsidenten Kroatiens und Bosnien-Herzegowinas, Franjo Tudjman und Alija Izetbegovic - sind somit ohne ein strafrechtliches Urteil in die Geschichte eingegangen.

Während gegen Tudjman und Izetbegovic seitens des UNO-Kriegsverbrechertribunals nur ermittelt wurde und ihr Tod die angeblich geplante Erhebung von Anklagen verhinderte, stand Milosevic nach einem vierjährigen Prozess wegen Kriegsverbrechen in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo schon kurz vor dem Urteil.

Serbien ist andererseits noch immer tief im Erbe Milosevic' verfangen. Der Tod des vor fünfeinhalb Jahren gestürzten einstigen Staatschefs im UNO-Gefängnis wird zumindest vorübergehend den heimischen Ultranationalisten starken Wind in die Segel blasen. Die ohnehin schon mühsame Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird zusätzlich erschwert.

"Für diejenigen, für die er ein Held war, wird er ein Held bleiben, für die anderen ein Verbrecher", kommentierte der Redakteur der Wochenzeitschrift "Vreme", Dejan Anastasijevic, die Tatsache, dass der vierjährige Prozess gegen Milosevic vor dem Haager Tribunal nun nie beendet wird.

Für die Sozialisten Milosevic' und seine einstigen Bündnispartner, die ultranationalistische Serbische Radikale Partei (SRS), steht bereits außer Zweifel: Milosevic ist im UNO-Tribunalsgefängnis ermordet worden. Er bange um das Schicksal anderer Haftinsassen, erklärte der ultranationalistische Spitzenpolitiker Tomislav Nikolic, dessen Parteichef Vojislav Seselj seit drei Jahren selbst im Haager Tribunalsgefängnis einsitzt.

Die Ultranationalisten sind mit rund 35 Prozent der Wahlberechtigten bereits die stärkste Partei im Lande. Der Tod Milosevic' wird ihren Einfluss weiter festigen - in einem Jahr, indem die Regierung sich mit dem Unabhängigkeitsreferendum in Montenegro (21. Mai) und den Verhandlungen über den künftigen Status des Kosovo, der UNO verwalteten südserbischen Provinz, beschäftigen muss.

Zur Radikalisierung können auch jüngste "skandalöse" Entscheidungen des UNO-Tribunals beitragen, meint der Belgrader Analytiker Djordje Vukadinovic. Dazu zählte er die Entscheidung vom 24. Februar, eine ärztliche Behandlung von Milosevic in Russland nicht zuzulassen. Aber auch die Genehmigung, dass sich der ehemalige Kosovo-Regierungschef Ramush Haradinaj bis zum Prozess in Den Haag politisch betätigen darf. Der Belgrader Journalist Slavisa Djukic, der in den neunziger Jahren vier kritische Bücher zur Person Milosevic verfasst hatte, machte ebenfalls auf die negativen Auswirkungen des Todes Milosevic' aufmerksam. Sogar seine Gegner fühlten nun Sympathien für den Haager Angeklagten, der in den letzten Wochen wiederholt auf seine Gesundheitsprobleme hingewiesen habe und dessen Antrag, sich in Moskau ärztlich behandeln zu lassen, vom UNO-Tribunal zurückgewiesen worden war.

Nach dem Selbstmord des ehemaligen Führers der kroatischen Serben Milan Babic am vergangenen Sonntag und dem gestrigen Tod von Milosevic wird sich die Regierung von Kostunica zweifelsohne mit dem starken Druck der ultranationalistischen Opposition auseinander setzen müssen, die verbliebenen sechs Haager Angeklagten nicht auszuliefern. Andererseits ist sie auch mit dem Ultimatum der Staatengemeinschaft konfrontiert, einen der meist gesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher, den früheren Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic, bis Ende März zu stellen.

"Mehr denn je erwarte ich, dass Serbien so schnell wie möglich Ratko Mladic und (den früheren Zivilführer der bosnischen Serben) Radovan Karadzic endlich festnimmt und ausliefert. Der Tod von Slobodan Milosevic macht dies noch dringender und sie müssen sich möglichst bald mit der Gerechtigkeit konfrontieren", sagte die Chefanklägerin Carla Del Ponte am Sonntag. Sie habe bereits Zusicherungen der Belgrader Behörden erhalten, dass die Zusammenarbeit mit dem UNO-Tribunal nicht unterbrochen werde. Del Ponte erwartet, dass Mladic und Karadzic "sehr bald" im UNO-Tribunalsgefängnis sein würden.

Die Belgrader Behörden sind aber zunächst mit einer heiklen Frage konfrontiert. Ein Begräbnis von Milosevic in Belgrad würde zweifelsohne zu einer stark emotionalisierten Demonstration mit europafeindlichen Gefühle führen. Die Ultranationalisten hatten bereits am Samstag ihre Anhänger im Lande, aber auch in der bosnischen Republika Srpska aufgefordert, in möglichst großer Anzahl an der Beerdigung von Milosevic teilzunehmen.

Die Familie Milosevic ist in puncto Begräbnis unterdessen noch zerstritten. Während die Gattin Mira Markovic den ehemaligen jugoslawischen Staatschef in Moskau beerdigen möchte, wo sie seit drei Jahren lebt, plädiert Tochter Marija für ein Begräbnis in Lijeva Reka, dem Geburtsort von Milosevic' Vater in Montenegro. Zu einem Begräbnis nach Moskau werde sie auf keinen Fall reisen, verkündete die in Cetinje, der alten montenegrinischen Hauptstadt, lebende Tochter von Milosevic.

(apa)