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Denn sie weiß, was sie tut

Miley Cyrus treibt es wieder ziemlich bunt

Miley Cyrus © Bild: 2015 Getty Images/Christopher Polk

Der frühere Kinderstar Miley Cyrus treibt es gerade wieder bunt. Sie singt über ihre Liebe zu Drogen und schenkt ihr neues Album her. Trotzdem ist das alles gut für ihre Karriere.

Wie sie flächendeckend für Aufmerksamkeit sorgt, weiß Miley Cyrus spätestens seit ihrem denkwürdigen Auftritt bei den MTV Video Music Awards vor zwei Jahren. Damals zeigte sie ihre inzwischen weltberühmte Zunge, ließ sich von "Blurred Lines"-Sänger Robin Thicke begrapschen und machte Millionen verdutzte Amerikaner vor den Fernsehschirmen mit dem Popowackeltanz Twerking bekannt. In einem geschickten Marketingschachzug veröffentlichte sie unmittelbar vor der Show ihre Single "Wrecking Ball". Nur Stunden später gingen die Verkaufszahlen durch die Decke.

Seit diesem Abend Ende August 2013 soll die Sängerin 77 Millionen Dollar verdient haben, ihr Vermögen wird derzeit auf 165 Millionen Dollar geschätzt. Sie hat bei den MTV Awards damals nicht einmal einen Preis gewonnen, aber allen anderen Stars die Show gestohlen. Und dank Cyrus findet sich das Zeitwort "to twerk" mittlerweile sogar im Oxford Dictionary.

Bei aller kalkulierten Provokation emanzipierte sich Miley Cyrus an dem Abend auch von ihrer Vergangenheit als Serienstar Hannah Montana und wurde erst so richtig zu Miley. Trauerten viele ihrer Fans damals noch ihrer Rolle als Disney- Figur nach, so war Hannah nach dem freizügigen Auftritt endgültig gestorben. Nur den wenigsten Kinder-und Teeniestars gelingt es, einen derart klaren Schnitt zu machen. Seither ist klar, dass Miley Cyrus das Potenzial für eine lange Karriere hat - solange sie sich nicht völlig verrennt.

Das jedoch fürchten nicht wenige Fans und Beobachter seit vergangenem Sonntag. Da zog die 22-Jährige aus, um bei den MTV Video Music Awards 2015 den Coup von einst zu wiederholen. Obwohl eigentlich als Moderatorin der Show engagiert, war sie nicht um Mäßigung bemüht. In wechselnden, gleichbleibend knallbunten und viel Haut zeigenden Outfits stand sie im Mittelpunkt. Und ließ Taylor Swift, die reihenweise Awards gewann, und deren Promimädchenclique mit Cara Delevingne und Selena Gomez blass aussehen.

»Yeah, I smoke pot, yeah, I love peace«

Für manche schoss die Tochter des Countrypopsängers Billy Ray Cyrus ("Achy Breaky Heart") aber übers Ziel hinaus, als sie sich - freilich nicht zum ersten Mal - in der Öffentlichkeit einen Joint anzündete. Auch ihre neue Single "Dooo It!", die sie am Ende der Show vorstellte, dreht sich großteils um die Freuden des Kiffens: "Yeah, I smoke pot, yeah, I love peace." Weil das schon sehr nach 1968 schmeckt, schickte Miley schnell hinterher: "But I don't give a fuck, I ain't no hippie."

Als der Song zu Ende war, kündigte sie an, dass ihr neues Album ab sofort im Internet erhältlich sei. Gratis, via Stream auf ihrer Website. Damit verdienen zumindest unmittelbar weder die Künstlerin noch ihre Plattenfirma Geld. Wozu also 23 (!) Songs herschenken? Nun, viel gekostet hat die Herstellung nicht. Im Gegensatz zum Megaseller "Bangerz"(2013), dessen Produktion Millionen verschlang, nahmen Miley und ihr väterlicher Freund Wayne Coyne von der freakigen Rockband The Flaming Lips das neue Werk um läppische 50.000 Dollar auf. "Miley Cyrus and Her Dead Petz" klingt auch nicht wie ein neuer Blockbuster. Eher erinnert es an eines der Mixtapes, die Rapper gern alle paar Monate ins Internet stellen. Es enthält keine offensichtlichen Hits, sondern soll den Namen im Gespräch halten, bis das nächste "echte" Studioalbum kommt. Künstlerisch ist das schräge Werk eine Investition in die Zukunft - und ein weiterer Befreiungsschlag. Ein derart abgedrehtes Album hätte man nicht einmal Miley zugetraut. Vom Sound ist "Miley Cyrus and Her Dead Petz" ein psychedelischer Trip zwischen David Bowie und einem Disneyland- Besuch auf LSD. Die Texte handeln von vier Dingen: Sex, weich machenden Drogen (Kokain verabscheut die Sängerin), den unendlichen Weiten des Weltraums und von toten Tieren. Mit dem ihrem geliebten Hund gewidmeten "Floyd Song" und der bizarren Kugelfischnummer "Pablow the Blowfish" finden sich gleich zwei Trauerlieder über Haustiere auf dem Album.

Ihre Teenie-Fans, die vor einem Jahr die Wiener Stadthalle stürmten und eine Show zwischen Pornoladen und Abenteuerspielplatz erlebten, wird sie mit dieser Musik nur bedingt erreichen. Dafür macht Miley deutlich, dass sie kein austauschbares Popsternchen ist, sondern eine mächtige Künstlerin. Während sie als Jugendliche der Rolle von Hannah Montana entsprechen musste, genießt sie jetzt ihre Autonomie und reizt alle Möglichkeiten voll aus - normal für eine 22-Jährige. Geld scheint ihr auch nicht so wichtig zu sein. Im Interview mit "Marie Claire" sagte Cyrus: "Ich kann das sowieso nicht in einem Leben ausgeben. Mehr Geld verdienen, noch mehr Hits veröffentlichen, die Hauptrolle in einem Film landen - ich habe das alles schon erlebt und kann sagen: Es macht nicht glücklich."

Momentan ist Miley Cyrus auf Selbstfindungstrip. Bei aller Nacktheit sollte man nicht übersehen, dass es ihr dabei um etwas geht. Ihre Brustwarzen etwa will sie so lang immer wieder herzeigen, bis das prüde Amerika es akzeptiert: "Dieses Land hat ein Problem mit Nippeln. Die Brüste herzuzeigen ist okay, aber deine Nippel soll ja niemand zu Gesicht bekommen." Und überhaupt, die Doppelmoral: "Wenn ein Typ wie Kendrick Lamar über LSD singt, ist er cool. Wenn ich als Frau das mache, bin ich eine Drogenschlampe." Wenn, dann ist sie eine ziemlich coole Drogenschlampe.

Hier geht es zum gratis Album von Miley Cyrus.

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