Michael Maertens: 5 Premieren an der Burg
Mit Ehefrau Mavie spielt er "Lorenzaccio"

Derzeit in "Kant" und in "Amphitryon" zu sehen Es folgen "Warten auf Godot" und "Was ihr wollt"

Michael Maertens: 5 Premieren an der Burg
Mit Ehefrau Mavie spielt er "Lorenzaccio" © Bild: Georg Soulek

Wenn man fünf Hauptrollen gleichzeitig spielt, gibt es zwei Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen. Entweder so, wie Michael Maertens, 45, es um keinen Preis will. „Es gibt Schauspieler, die haben bis drei Uhr Probe, dann kommen sie nachhause, und dort muss die Familie still sein, weil am Abend Vorstellung ist. Ich könnte auch sagen: ,Kümmere dich um das Kind, ich spiele heute Abend den Kant.‘ Aber so bin ich nicht, so war ich auch nie und möchte ich nie werden.“ Das ist lobenswert.

Andererseits wäre Variante eins schon insofern obsolet, als die Adressatin des potenziellen Ruhe­appells selbst wieder in beruflichem Vollbetrieb steht: Ein knappes halbes Jahr nach der Niederkunft mit Tochter Wilma probt Mavie Hörbiger, 29, für die nächste Burgtheater-Premiere. Als Einspringerin für eine schwangere Kollegin übernimmt sie eine mittelgroße Rolle an der Seite des Ehemanns, der, was sonst, der Protagonist ist. Und nachvollziehbar glücklich in der zweiten Variante lebt: „Ich muss nicht drei Stunden vorher im Theater sein. Manchmal komme ich erst eine halbe Stunde vorher, um das Ganze mental durchzugehen. Gute Lau­ne, Spaß und eine gewisse Leichtigkeit haben mir ­immer geholfen. Ich bin voll in der ­Familie drin, jetzt mehr als vorher, weil meine Frau mitspielt und das Kind immer da ist.“

„Lorenzaccio“
Gegenstand der familienübergreifenden Bemühungen ist Alfred de Mussets schwüles Dekadenzdrama „Lorenzaccio“ in der Inszenierung von Stefan Bachmann (Premiere am 30. Oktober). Titelheld Maertens beendet da ­letal das Wüten eines Bastards der Medici (Nicholas Ofczarek). Den Unhold gelüstet es nach Lorenzaccios Schwester. Doch auf dem Schandlager harrt nicht die von Mavie Hörbiger verkörperte ephebenhafte Schönheit, sondern, in ihrem Nachthemd, der rächende Bruder. Für Maertens ist die Causa durchaus sentimental besetzt: In „Lorenzaccio“ spielte er, noch zu Münchner Seminarzeiten, seine erste professionelle Bühnenrolle (in der aktuellen Produktion sucht man den Part vergeblich, denn er ist wegen mangelnden Gewichts gestrichen).

Ein bisschen daheim
Wie ist das nun mit dem Heimischsein in Wien? „Dort, wo ich nicht bin, ist es am schönsten. Wenn ich nicht in Berlin bin, möchte ich in ­Berlin sein, wenn ich nicht in Wien bin, möchte ich in Wien sein. Aber natürlich bin ich hier angekommen. Wenn es einen tollen Ort für einen Theaterschauspieler gibt, dann ist es Wien. Und mit der Künstlerumarmung, vor der mich Peymann immer gewarnt hat, ist es noch erträglich. Wir sind ja keine Seitenblicke-Gänger, allein schon durch Wilma. Aber es wäre verlogen, wenn ein Schauspieler sagte, er mache den Beruf nicht auch ein bisschen, um umarmt zu werden.“

Die Familie, derzeit in Rathausnähe ansässig, sucht noch etwas im Grünen. Mit Helmuth Lohner, seinem Regisseur im sommerlichen „My Fair Lady“-Kracher zu Mörbisch, hat sich eine tiefe Freundschaft entwickelt. „Ich habe auch schon Herrn Hartmann darauf hingewiesen, dass da einer der großen deutschsprachigen Schauspieler ist. Ich würde gern mitmachen, wenn etwas zustande kommt. Ich glaube, er hat das verstanden.“Dass er sich vor dem herbstlichen Klassiker-Bombardement am Burgtheater noch in die sommerlichen Untiefen des Neusiedler Sees begab, hielten viele für ein reputationsbeschädigendes Wagnis. „Bei unserer ersten Begegnung nach dem Sommer sagte Hartmann: ,Ich habe gehört, du bist da unbeschadet rausgekommen.‘ Ich sagte: ,Wenn man die Chance, mit Lohner zu arbeiten, nicht ergreift, ist man deppert.‘“ Ja, und den ­Jedermann hätte er, mit Gratulation an Nicholas ­Ofczarek, gern gespielt. „Das hätte mich gegen den Widerstand meiner Frau und vieler anderer sehr interessiert. Mein Vater hat sehr oft den Tod beim Festival von Heppenheim gespielt. Ich kenne das Stück also, seit ich sechs bin. Ich kann sehr gut verstehen, dass Simonischek so viel Freude daran hatte.“ Das kann er gelassen äußern, weil er sich als „Konservativer“ outet: „Auch durch meinen Großvater bin ich so einer. Ich liebe das Großvätertheater. Aber man kann auch keinen größeren Fehler begehen, als alles, was neu kommt, zu verdammen. Auch die vermeintlichen Großväter fingen schließlich einmal als große Zerstörer an: Peymann, Flimm, Stein, Dorn, die heute angeblich keiner mehr ernst nimmt.“

Am Ende des Tages aber waren die Großväter oft die Jüngsten.

(Heinz Sichrovsky, Susanne Zobl)

Lesen Sie das ausführliche Porträt von Michael Maertens im neuen NEWS 41/09