Merkel legt sich mit Papst Benedikt XVI. an:
Oberhaupt der Kirche gerät in Bedrängnis

"Begnadigung" eines Holocaust-Leugners kritisiert Deutschlands Bundeskanzlerin fordert Klarstellung

Merkel legt sich mit Papst Benedikt XVI. an:
Oberhaupt der Kirche gerät in Bedrängnis © Bild: Reuters/Sohn

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat vom Papst nach der Aufhebung der Exkommunikation des britischen Holocaust-Leugners Richard Williamson eine Klarstellung gefordert. In einer ungewöhnlichen Reaktion auf die strittige Entscheidung des deutschen Papstes erklärte Merkel in Berlin: "Es geht darum, dass vonseiten des Papstes und des Vatikans sehr eindeutig klargestellt wird, dass es hier keine Leugnung geben kann." Dies sei aus ihrer Sicht "noch nicht ausreichend erfolgt". Nach massiver Kritik am Papst wegen des Zugehens auf die von der katholischen Kirche abgespaltene Piusbruderschaft (SSPX), der Williamson angehört, ist der Vatikan um eine Entschärfung der Krise bemüht.

Merkel sagte, es sei normalerweise nicht ihre Aufgabe, innerkirchliche Entscheidungen zu bewerten. Bei Grundsatzfragen wie dem Holocaust oder dem Verhältnis zum Judentum sei das aber etwas anderes. Wenn durch eine Entscheidung des Vatikans der Eindruck entstehe, dass der Holocaust geleugnet werden könne und es um grundsätzliche Fragen zum Umgang mit dem Judentum gehe, dürfe dies nicht ohne Folgen im Raum bleiben.

Die "Teilrehabilitierung" der Bruderschaft sei "ein Signal für die Vergiftung und gegen die Versöhnung, für die Kälte und gegen jede Herzlichkeit", kritisierte der Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, den Vatikan. Benedikt XVI. müsse diese Entscheidung "klar und unzweideutig zurücknehmen", sagte er dem Nachrichtensender n-tv. Neben der Holocaust-Leugnung müsse auch bedacht werden, dass die traditionalistische Piusbruderschaft fundamentalistisch, antisemitisch und reaktionär sei, sagte Graumann.

Exkommunikation aufgehoben
Benedikt hatte am 24. Jänner die Aufhebung der Exkommunikation von vier SSPX-Bischöfen bekanntgegeben, darunter Williamson. Dieser Schritt hatte vor allem bei Juden weltweit Empörung und Unverständnis ausgelöst, aber auch innerhalb der katholischen Kirche, vor allem in Deutschland. Vertreter des Vatikan räumen mittlerweile Fehler ein. Die vier Männer waren 1988 gegen den Willen des Heiligen Stuhls vom französischen Erzbischof Marcel Lefebvre zum Bischof geweiht worden. Sie und Lefebvre hatten sich damit automatisch die Kirchenstrafe der Exkommunikation zugezogen.

"Es sind mit Sicherheit Fehler im Management der Kurie gemacht worden", sagte der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper in einem Interview mit Radio Vatikan. Der Kardinal zeigte sich zutiefst besorgt über die durch die Rücknahme der Kirchenstrafe ausgelöste Debatte und sprach von einem entscheidenden "Mangel an Kommunikation im Vatikan". Dabei nahm er auch Bezug auf ähnliche "Betriebsunfälle" des deutschen Pontifex - wie die Regensburger Rede, die 2006 durch ein Zitat über den Propheten Mohammed Proteste in der islamischen Welt ausgelöst hatte.

Papst Benedikt XVI. und allen seinen Mitarbeitern liege auch künftig an guten Beziehungen zum Judentum, sagte Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone der katholischen Zeitung "Avvenire". Die Piusbruderschaft habe sich von Äußerungen ihres Mitbruders distanziert und den Papst "für diese unerfreuliche Episode um Verzeihung gebeten", erinnerte Bertone. Der Papst selbst habe sich am vergangenen Mittwoch klar dazu geäußert, "die Angelegenheit ist aus meiner Sicht beigelegt".

Innerkirchliche Kritik
Die Kritik an der Entscheidung des Papstes nimmt allerdings auch in der katholischen Kirche weiter zu. In seiner Gemeinde herrsche viel Unmut über das Vorgehen des Vatikans, sagte der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode dem Sender NDR info. Ausdrücklich nahm Bode den Papst dabei in Schutz. Benedikt habe die Hand ausstrecken wollen. Dabei sei er aber schlecht beraten gewesen. Am Montag hatte bereits der Mainzer Kardinal Karl Lehmann eine "Entschuldigung von hoher Stelle" verlangt.

Nach Einschätzung von Wolfgang Beinert, früherer Assistent Joseph Ratzingers in Regensburg, ist das Vorgehen von Benedikt XVI. in der 2.000-jährigen Geschichte der katholischen Kirche beispiellos. Bisher hätten Gruppierungen, die im Widerspruch zum Papst standen, immer erst ihren Auffassungen abschwören müssen. Die Exkommunikation der vier Bischöfe sei aber aufgehoben worden, ohne dass sie ihre abweichenden Auffassungen hätten revidieren müssen.

Nach Einschätzung von zwei Papst-Biografen ist Benedikt XVI. im Fall Williamson womöglich falsch beraten worden. "Entweder man hat im Vatikan geschlampt oder dem Papst etwas vorenthalten" sagte Autor Klaus-Rüdiger Mai der Deutschen Presse-Agentur dpa. Gravierender als die aktuelle Debatte um die Traditionalisten seien die Folgen der Affäre für die Autorität des Papstes. Biograf Peter Seewald sagte "Focus Online": "Es ist völlig unvorstellbar, dass er die Äußerungen gekannt hat. Sonst hätte er niemals die Exkommunikation aufgehoben."
(apa/red)