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Ihr Blick geht nur nach vorne

Menschen - Ihr Blick geht nur nach vorne © Bild: www.lukasilgner.at

Als Chefin der Spanischen Hofreitschule ist Elisabeth Gürtler gar nicht weit weg von ihrem Lebenstraum, aus dem nichts wurde. Die Organisatorin der Fête Impériale ist nach der Übergabe des Sacher beschäftigt wie nie und erklärt ihre Gedanken zum Rückzug

Hier ist sie in ihrem Element. Während Besucher der Spanischen Hofreitschule die Morgenarbeit der weltberühmten Lipizzaner bestaunen, bahnt sich Elisabeth Gürtler unauffällig, aber konsequent ihren Weg durch die Zuschauer. Wer kurz aufblickt, erkennt sie und raunt ein „Schau, die Gürtler“. Längst ist die 68-Jährige im Status jener Namhaften angelangt, denen mittels „die“ vor dem Nachnamen die höhere Anerkennung zuteil wird. In 25 Jahren als Chefin des Hotels Sacher, neun Jahren als Organisatorin des Opernballs und nunmehr elf Jahren als Generaldirektorin der Spanischen Hofreitschule hat die Unternehmerin hart dafür gearbeitet. Ihre Disziplin und ihr Wille zur Perfektion eilen ihr als Ruf voraus. Packt diese Frau etwas an, dann mit übermenschlichem Einsatz. Ihr Lächeln für alle Mitarbeiter, die sie in den Gängen, im Hof und im Stall trifft, wirkt dagegen umso menschlicher. Jeder wird mit Namen begrüßt; die Pferde werden beim Fototermin herzlich liebkost. Sie deutet auf einen der Hengste. „Der dort hat so lange gebuckelt, bis die Bereiter aufgegeben haben, mit ihm zu arbeiten. Jetzt hat er ein schönes Leben“, erzählt sie. Man gewinnt den Eindruck, dass so viel Sturheit sie amüsiert.

Der Lärm im scheinbare Chaos, das der Aufbau für die Fête Impériale gerade mit sich bringt, kann Elisabeth Gürtler nicht irritieren. Ein Hengst wird mit Zuckerwürfeln verwöhnt, eine Katze kommt aus dem Stall und streckt sich mit Genuss. Die Szenerie ähnelt dem Leben, das sich Elisabeth Gürtler immer erträumt hat. Denn ihre Absichten lagen ursprünglich fernab exponierter großstädtischer Karriereetagen. „Ich sage ihnen, was mein Lebensplan gewesen wäre: Auf dem Land zu leben, Pferde und Hunde zu züchten und meine Kinder in dem Sinn zu erziehen“, erklärt sie. Wobei sie betont, dass die Pferde mehr als bloß ein geldverschlingendes Hobby gewesen seien. Natürlich. „Ich hätte das zu meinem Beruf gemacht: einen tollen Stall haben, Leute ausbilden, Pferde züchten. Das war mein Idealleben. Aber das hat es halt nicht gespielt.“

© www.lukasilgner.at Nah am Lebenstraum: Hätte es das Leben nicht anders gemeint, wäre Gürtler gern Pferdezüchterin geworden

Ohne Blick zurück

Stattdessen heiratete die Dressurreiterin, die sich beim Wirtschaftsstudium auf die Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Tourismus spezialisierte, den Hotelier Peter Gürtler, übernahm nach dem Tod des Vaters Fritz Mauthner das elterliche Han­delsunternehmen, wurde geschieden und nach dem Tod des Exmannes zur langjährigen Managerin des Hotels Sacher. So hat das Leben gespielt. Sie sagt es ohne Wehmut. Wenn Elisabeth Gürtler mit etwas abgeschlossen hat, ist es auch gut so.

Für Sentimentalität ist überdies kein Platz in ihrem Leben. Der Countdown für die Fête Impériale, den Sommerball der Spanischen Hofreitschule im ältesten Ballsaal Wiens, läuft. Bereits zum neunten Mal organisiert Gürtler das glanzvolle Ereignis, das der Spanischen Hofreitschule viel Geld bringt und die Marke belebt. Für das hochkarätige Publikum müssen ständig neue Ideen her. „Es gibt Bälle wie den Jägerball, bei dem das Bundesland jedes Jahr wechselt, oder den Philharmonikerball, bei dem man sich fragt, wer dieses Mal dirigiert. Bei der Fête Impériale wird erwartet, dass wir uns jedes Jahr etwas Neues einfallen lassen, ähnlich wie beim Opernball. Das fordert mich natürlich sehr“, sagt sie. Im Gefolge der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft, die wenige Stunden nach der Fête beginnt, steht der Abend dieses Jahr im Zeichen Europas. Statt lebender Tiere gibt es neue Lustbarkeiten für die Ballgäste: ein Interview mit Lipizzaner Maestoso Superba aus seinem Urlaub am Sommersitz Heldenberg oder eine Inszenierung mit drei Meter großen, aufblasbaren Pferden, die zu Donauwalzer und Radetzkymarsch eine Quadrille tanzen. Der deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen wird der „Prix de l’École d’Équitation Espagnole de Vienne“ verliehen, eine Auszeichnung für Personen, die sich um das Pferd, die Pferdezucht und den Pferdesport verdient gemacht haben. Gürtler kennt von der Leyen noch aus Zeiten, da sie als junges Mädchen Auktionen geritten ist. „Dazu muss man wissen, dass Auktionen nicht einfach zu reiten sind. Man muss mutig sein, denn die jungen Pferde sind frech, sie buckeln“, sagt sie und erzählt, dass Ursula von der Leyen noch vor drei Jahren bei der Eröffnung der Europameisterschaft in Aachen eine Quadrille mitgeritten sei: „Eine tolle Reiterin!“ Spricht sie über den Pferdesport, wird ihre Leidenschaft spürbar. Und unabweisbar erhebt sich die Frage, weshalb sie selbst aufgehört hat.

© www.lukasilgner.at „Ich hatte zwei tolle Männer. Dafür muss man dankbar sein“

Frau Gürtler, Sie waren Dressurreiterin, Zweite bei österreichischen Staatsmeisterschaften. Trotzdem sind Sie, seit Sie Hotelière wurden, nie wieder auf ein Pferd gestiegen. Warum?
Weil mich gestört hat, dass ich nicht mehr so reite wie früher. Wenn jemand nicht jeden Tag reitet und trainiert, ist es nicht mehr dasselbe. Reiten ist ein sehr technischer Sport, gerade das Dressurreiten. Jeder Muskel muss sich an den Sattel, an das Pferd ansaugen. Man muss im Rücken, in der Hand sehr elastisch sein und alles muss unbewusst zusammenwirken. Wenn man das nicht mehr gut macht, weil man zu wenig trainiert, ist man unzufrieden mit sich. Jedes Mal, wenn ich geritten bin, habe ich gedacht: Das ist katastrophal, wie ich reite! Dann habe ich mich gefragt, warum ich mich ärgere. Das muss nicht sein.

Und als Chefin der Spanischen Hofreitschule wieder im Reitermilieu zu arbeiten – ist das immer schön oder auch schwierig?
Wissen Sie, wenn man Dressurreiter war – und das war für mich mein Leben! – , dann haben fast alle irgendwann den Wunsch, mit einem Bereiter der Spanischen Hofreitschule zu arbeiten. Weil hier ein Wissen vorhanden ist, das bei der Ausbildung der Pferde sehr hilft. Mein erstes Pferd ist von Oberbereiter Irbinger geritten worden, ich habe also eine lebenslange Verbindung mit der Spanischen Hofreitschule. Und da ich jetzt nicht mehr reite, habe ich auf diesem Weg eine Verbindung mit meinem ursprünglichen Leben.

Gibt es dabei auch Herausforderungen, die nicht angenehm sind?
Ja, natürlich. Eigentlich wollte ich mich ja mit Reitern immer nur nett unterhalten und über Pferde austauschen. Wenn man aber im Management tätig ist, muss man festgelegte Unternehmensziele durchsetzen, die sich auf die Produktivität beziehen. Das geht nicht immer im Einklang. Dann muss man auch Dinge machen, die nicht populär sind.

Ihre Karriere umfasst das Hotelmanagement, die Opernballorganisation, die Mitgliedschaft im Generalrat der Oesterreichischen Nationalbank. Nehmen Sie jede Herausforderung an?
Eigentlich ja, aber das hat mich auch alles interessiert. Würde mich etwas langweilen, würde ich es nicht machen, nur weil es ehrenvoll ist. Aber die Reiterei war mein Leben. Das war klar, dass ich die Spanische Hofreitschule annehme. Die Hotellerie war auch klar. Ich habe schon meine Diplomarbeit zum Thema Tourismus geschrieben. Wovon ich weniger verstanden habe, war das Thema Finanzwirtschaft. „Man lernt das“, hat man mir damals gesagt (Gürtler war in diversen Aufsichtsräten und Vorständen, etwa des Kreditschutzverbands, der Erste Bank, der Nürnberger Versicherung oder der Nationalbank tätig, Anm.). Das war sehr spannend, wobei das Wissen, das man mittlerweile dazu haben muss, jenes übersteigt, das man sich aneignet, weil der Bereich heute so spezialisiert ist und die Verantwortung so groß ist.

Man muss den Mut haben, alles zu probieren, aber auch zugeben, wenn es nicht klappt, sagten Sie einst. Ist Ihnen das je passiert?
Das sage ich doch! Wenn man glaubt, dass es interessant ist, muss man es probieren. Aber im Bereich Finanzunternehmen war ich mir irgendwann im Klaren, dass ich nicht das Wissen habe, das man für diese Verantwortung haben sollte. Deshalb kam der Punkt, an dem ich gesagt habe, ich fühle mich der Aufgabe nicht mehr gewachsen.

© Trend Wolfgang Wolak Auftrag Nach 25 Jahren übergab Elisabeth Gürtler (2. v. li.) das Hotel Sacher 2015 an ihre Kinder Georg (li.) und Alexandra (re.) sowie Schwiegersohn Matthias Winkler (2. v. re.)

Keine Zeit für Urlaub

Elisabeth Gürtlers Woche ist streng getaktet. Drei Tage verbringt sie jede Woche in Tirol, sonst arbeitet sie in Wien. Im Tiroler Seefeld kümmert sie sich beim Familienjuwel, dem Hotel Astoria Resort, um Perfektion. Der Vater übernahm es in Gürtlers Geburtsjahr 1950 und baute eine Pension zu einem der mondänsten Hotels Tirols aus. In den Fünfzigerjahren logierte dort der Jetset, zum Fünfuhrtee führten Damen ihre Pelze aus. Elisabeth Gürtler verbrachte oft Monate dort. Im Astoria lernte sie schwimmen, Tennis spielen und Ski fahren, die Kinder der Stammgäste wurden über mehrere Saisonen zu Freunden. Seit Gürtler vor drei Jahren das Hotel Sacher an ihre Kinder übergeben hat, ist das Astoria ihre neue Herausforderung. Das ohnehin hoch luxuriöse Resort – eines der Best Alpine Wellness Hotels, die den Fokus auf Behandlungen und sportliche Aktivitäten legen – soll noch besser werden. In einer Arbeitsgruppe befasst sich Elisabeth Gürtler deshalb gerade mit Behandlungen, die nach Wirkungsweisen, etwa Entspannung oder Reinigung, gegliedert werden. Selbst Urlaub zu machen, dafür hat sie keine Zeit. Sie sei froh, all ihre Aktivitäten in sieben Tagen unterbringen zu können, versichert sie glaubhaft.

Sie wären also der Auszeit-Profi, nur mit der eigenen klappt es nicht?
Die Frage ist doch: Ist Auszeit nur „nichts zu machen“? Für mich ist Auszeit, dass ich das, was mich interessiert, ohne Druck und schlechtes Gewissen ausleben kann. Dass ich nicht das Gefühl habe, ich würde etwas gerne genauer machen, aber das geht sich nicht aus, weil schon das Nächste kommt.

Ist Ihr Vater nun stärker präsent? Resümieren Sie darüber, was Sie von ihm übernommen haben?
Wissen Sie, wenn man jung ist, versucht man sich von den Eltern abzukoppeln. Das merke ich bei meinen Kindern. Die versuchen auch ihr eigenes Leben zu führen, ihre eigenen Werte zu finden, Dinge anders zu machen. Wenn man älter wird, kommt man drauf, dass vieles von dem, was man mitbekommen hat, wichtig und die Basis für das Leben war. Dann wird man rückblickend dankbar dafür, was man in der Jugend mitbekommen hat.

Was meinen Sie konkret?
Natürlich geht es um ein Wertesystem. Allein das Thema, dass mein Vater immer auf dem Leistungsprinzip bestanden hat: Schon in der Schule war ihm wichtig, dass wir maximalen Einsatz liefern. Das gibt einem fürs Leben mit, dass man etwas kann, wenn man muss. Er hat auch gesagt: Du wirst draufkommen, dass Arbeit nicht nur Pflicht ist, sondern auch Vergnügen. Das habe ich für Blödsinn gehalten. Heute weiß ich, es ist so. Diese Erziehung, die ich bekommen habe, konnte ich hoffentlich aufgrund immanenter Werte, die ich gelebt habe, auch an die Kinder weitergeben. Als ich im Sacher und ziemlich beschäftigt war, hat meine Tochter geschworen, dass sie nie so ein Leben führen wird wie ich. Jetzt führt sie ein ähnliches Leben.

Sie haben das Hotel Sacher an die Kinder übergeben. Gab es diesen Moment, in dem es auch etwas wehtat, nicht mehr gebraucht zu werden?
Ich glaube, das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, ist schrecklich. Das habe ich zum Glück nie gehabt. Ich glaube, es ist Selbstschutz, dass man sich automatisch Aufgaben holt, die einem wieder das Gefühl geben, gebraucht zu werden. Ich habe einen irren Alltag. Mein Tag geht von in der Früh bis am Abend durch, weil ich mich jetzt dem Astoria widme.

Blicken Sie dabei auf Ihre Kinder und sagen: Die machen das gut?
Wenn man sieht, wie fantastisch das die nächste Generation macht, ist man sehr stolz. Solange man sich aber innerlich emotional von einer Sache noch nicht ganz gelöst hat, muss man schauen, dass man die Sache nicht zu intensiv betrachtet.

Sie sind als Vorbild an Perfektion und Disziplin bekannt. Kommt Ihnen in dieser Wahrnehmung die Herzlichkeit, die Sie auch haben, manchmal zu kurz?
Herzlichkeit wird sehr unterschiedlich interpretiert. Wenn ich mir die Amerikaner anschaue, die einen im Kaufhaus mit „Sweetie“ anreden, ist die Frage: Wie äußert sich Herzlichkeit? Kommt die vom Herzen oder ist das ein Umgangston? Natürlich hat man keine Zeit, sich mit dem Umgangston zu beschäftigten, wenn man zielorientiert arbeitet. Ich würde sagen, Wärme ist es, die man haben muss. Mit Wärme an ein Thema heranzugehen, bedeutet, menschlich zu sein.

© Astoria Resort / Ing. Andreas Rottensteiner Neue Leidenschaft wurde das Astoria Resort im Tiroler Seefeld: Im Hotel, das einst ihr Vater begründete, setzt sie auf luxuriöse „Alpine Wellness“

Was bleibt, ist die Veränderung. Was sich verändert, bleibt. Das lassen Sie auf der Website des Astoria Resort wissen. Ist das Ihr Lebensmotto?
Der Satz stimmt, aber ein wichtigerer Satz ist: „Alles im Leben hat seine Zeit.“ Das Leben hat Phasen, und man muss dankbar sein, dass man nicht ein durchgehend gleiches Leben hat. Jede Phase ist eine Herausforderung und muss bewältigt werden. Das ist ein spannender Ansatz zum Nachdenken. Auch für mich jetzt in dieser Phase des Rückzugs, des Weggehens vom harten „core business“. Man denkt darüber nach, ob man überhaupt noch in der Lage ist, das zu machen. Hält man diesen Druck noch aus? Ist man geistig willens, sich mit den Anforderungen der Digitalisierung auseinanderzusetzen? Glaubt man, dass man das kann?

Und wenn man zu dem Punkt kommt, wo man sich eingestehen muss, das möchte ich nicht mehr?
Das tut weh, weil ich weiß, dass ich mit der Digitalisierung nicht gut drauf bin. Man sagt sich, man hat es nicht notwendig, aber es ist traurig, weil eigentlich sollte man es können. Wenn ich über die digitalen Werbemöglichkeiten rede, wie Google Ad­words, Google Analytics, ist das mühsamst von mir erarbeitet. Aber ich kenne mich nicht wirklich aus.

Denken Sie, dass es nach dem Tod Ihres Ehemanns Helmuth Lohner vor drei Jahren in Ihrem Leben irgendwann wieder Platz für einen Partner, eine neue Liebe geben wird?
Ich bin gerade 68 geworden. Wer braucht eine ältere Frau? Ein 80-Jähriger nimmt sich eine 50-Jährige. Außerdem habe ich zwei tolle Männer gehabt, die ich sehr geliebt habe. Dafür muss man dankbar sein.

Es war gut, wie es war, und nun haben Sie das Thema Liebe abgeschlossen?
Nach der Scheidung von meinem ersten Mann habe ich gedacht: Das war meine große Liebe, der hat sich scheiden lassen, das war’s. Dann kam der Helmuth Lohner. Aber das ist auch eine Frage des Alters: Als ich geschieden wurde, war ich 33. Das ist ein Riesenunterschied. Mit 33 ist es unwahrscheinlich, dass einem keine Liebe mehr passiert.

Dieses Interview erschien ursprünglich in der Printausgabe 26 2018