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„Glück ist eine Entscheidung“

Menschen - „Glück ist eine Entscheidung“ © Bild: ?benwolf2017

Pop-Poetin Julia Engelmann hält gern Innenschau und ruft zum Optimismus auf. Dafür erntet sie auch harsche Kritik und den Titel „Queen of Uncool“. Zum Glück ist ihr das egal.

Fünf Minuten und 47 Sekunden reichten ihr für den ungewöhnlichen Durchbruch in der Pop-Landschaft – mit einem Gedicht. „Eines Tages, Baby, da werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein. Und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“ Den Text, den auf der Internetplattform Youtube nunmehr zwölf Millionen Menschen angehört haben, trug Julia Engelmann vor fünf Jahren in einem Hörsaal der Universität Bielefeld bei einem Poetry-Slam (einem literarischen Vortagswettbewerb, Anm.) vor. Er basiert auf dem Lied „One Day / Reckoning Song“ des israelischen Folk-Rock-Musikers Asaf Avidan. Engelmann baute darauf ein Gedicht über Mut und Selbstbestimmung auf: „Lass mal an uns selber glauben, ist mir egal, ob das verrückt ist / Und wer genau guckt, sieht, dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist / Und wer immer wir auch waren, lass mal werden, wer wir sein wollen.“ Damals war sie 21 Jahre alt und errang im Dichterwettstreit nur Platz fünf. Erst via Internet gelangte ein Video ihres Auftritts zu voller Strahlkraft – a star was born. Nun veröffentlicht die blonde Bremerin ihren vierten Gedichtband, tourt live durch Deutschland, Österreich und die Schweiz und hat eine CD aufgenommen. Von der Psychologiestudentin zum Popstar. Das Studium hat sie kurz vor dem Bachelorabschluss abgebrochen, um auf Tour gehen zu können.

Keine Vordränglerin

Geplant war das nicht. „Ich habe mir immer schon viele Fragen gestellt, aber ob ich besonders gut mit Worten umgehen kann oder nicht, war nie ein Thema für mich. Das Texten und Schreiben war immer eher eine Notwendigkeit, eine Sehnsucht“, erklärt Engelmann ihre ersten Schritte als Dichterin. Lange Aufsätze gehörten genauso dazu wie der niedergeschriebene Austausch philosophischer Betrachtungen mit ihren Freunden. Einmal habe sie ein Gedicht ihrer Mutter unterjubelt und behauptet, es sei der Liedtext eines neuen Stars, um ungefiltertes Feedback zu bekommen. So weit, so unauffällig für eine Mädchen-Pubertät. Auffälliges spielt Engelmann gern runter. Etwa dass die Tochter einer Psychologin und eines Logistikmanagers zwei Schulklassen übersprang, mit 16 maturierte und anschließend am Theater in Bremen auf der Bühne stand und in Film („Summertime Blues“) und Fernsehen („Alles, was zählt“) als Schauspielerin agierte. „Ich war schon immer bühnenaffin, aber ich denke nicht in Kategorien, ob ich deshalb besonders bin oder so“, sagt sie darüber. Engelmann drängt sich nicht vor oder auf.

© Coldrey,James / Action Press / picturedesk.com Herz auf der Zunge: Sowohl für die Eltern als für den Bruder (hier gemeinsam bei der Echo-Verleihung) schrieb Engelmann liebevolle Gedichte

Mutmach-Poesie regt auf

Sie suchte den Weg auf die Bühne nicht, aber sie nahm ihn. „Hätte ich nicht zufällig mal einen Poetry-Slam gesehen, wäre ich nie auf die Idee gekommen, meine Gedichte öffentlich vorzutragen“, sagt sie über die Ausnahmekarriere. Diese ist für Engelmann zwar ein Grund, dankbar zu sein, aber sie lässt sie nicht ausflippen. Das sei eben organisch gewachsen und habe sich nun so entwickelt: „Ruhm ist für mich nichts Greifbares. Ich lebe einen sehr normalen Alltag mit meinen Freunden vom Psychologiestudium.“

Die attraktive junge Frau meint es wirklich so, wenn sie in ihrer aktuellen Single „Kein Modelmädchen“ davon singt, unperfekt zu sein, und ergänzt: „Reicht es denn nicht, wenn ich mich selber like?“ Es ist ihr Beitrag zur Dauerpräsenz von Modebloggerinnen und Influencerinnen. Es sind eben diese unaufgeregten, wörtlich zu verstehenden Betrachtungen zu Alltag und Gefühlswelt, die das Publikum an der Pop-Poetin liebt. Ihre gedichteten Liebeserklärungen „Für meine Eltern“ und „Für meinen Bruder“ sorgen bei Auftritten für reihenweise tränennasse Augen. „Queen of Uncoolness“ nennt sie „Der Spiegel“. Satiriker wie Jan Böhmermann arbeiten sich an ihren Mutmach-Botschaften ab.

Engelmann bleibt auch angesichts harscher Kritik positiv, optimistisch, unaufgeregt. Das ist ihr Weg. „Menschen haben unterschiedlichen Geschmack. Das kann ich nicht beeinflussen. Ich habe nur Einfluss darauf, was ich schreibe, nicht darauf, wie es jemand versteht.“ Sie sei gern Optimistin, sagt sie. „Das tut mir besser, als negativ zu sein. Das Leben ist kurz genug.“ Natürlich hat die Mutter, die Psychologin, diese Einstellung beeinflusst. Sie forschte viel über Glück und Mut und lehrte die Tochter, dass Glück eine Entscheidung ist. „Das passiert mir nicht, sondern Dinge positiv zu sehen, liegt in meiner Hand. Damit das klappt, beschäftige ich mich ja stark mit der Kraft meiner Gedanken und wie sie mich beeinflussen. Ich habe keine Zeit für schlechte Energie“, erklärt die Dichterin.

Mit Mut, Hoffnung und bedingungsloser Liebe hätten die Eltern sie ausgestattet, beleuchtet sie die Rahmenbedingungen ihrer Kindheit. Der Vater ist nunmehr ihr Tourmanager, die Mutter ihre Managerin. Als „lyrischen Wanderzirkus“ bezeichnet Engelmann liebevoll ihre Familie. „Vor allem haben sie mir mitgegeben, dass ich sein darf, wie ich bin, dass ich gut genug bin.“

Wieder so ein Satz, der bei Gefühlsbetonten im Publikum mitten ins Herz trifft. Und eine Steilvorlage für die Böhmermanns dieser Welt.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Printausgabe 35 2018