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Daddy uncool ist Programm

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Mina und Elena gehen mit den Papas Reinhard Nowak und Roman Gregory hart ins Gericht. Die als uncool enttarnten Väter sind fast stolz auf so viel Rebellion

Kinder scheuen sich bekanntlich nicht, die Wahrheit zu sagen. Für Elena und Mina, beide elf Jahre alt, lautet die Wahrheit über ihre Väter im Moment: „Der Papa ist peinlich!“ Dass die Papas der beiden diesseits der Pubertät eher der coolen Garde zugeordnet werden, hat im Universum der Töchter keinen Platz. Da kann Minas Papa, Kabarettist Reinhard Nowak, mit „Atompilz von links“, „Muttertag“ oder „Die Lottosieger“ heimische Kabarett- und Filmgeschichte mitgeschrieben haben.

Da kann Elenas Papa, Roman Gregory, mit seiner Band Alkbottle und 120.000 verkauften Alben in österreichische Musik-Annalen eingegangen sein. Solange Nowak singt, tanzt oder „immer so lange am Klo sitzt, wenn meine Freundinnen da sind“ (Zitat Mina) bleibt er uncool. Gregorys Tochter ist besonders peinlich, wenn er „versucht, cool zu sein und Jugendsprache benutzt“. Die beiden seufzen und verdrehen die Augen gen Himmel. Das geht übrigens als Pauschalurteil durch, denn die Mädchen sind sich einig: „Wir kennen keinen einzigen coolen Vater!“

Auf diesem Fundament lässt sich bauen, fanden Reinhard Nowak und Roman Gregory und schufen ihr erstes gemeinsames Kabarettprogramm „Voll am Start“: Wenn in den Augen ihrer Töchter schon 50 das neue 70 ist, lässt sich doch auf der Bühne herrlich darüber laut nachdenken, blödeln und der Plan fassen, einen Youtube-Hit mit Likes im siebenstelligen Bereich zu schaffen. Die Idee zu dieser Zusammenarbeit reift schon länger, genau genommen seit dem gemeinsamen Engagement bei „Kottan ermittelt“ im Rabenhof vor rund zehn Jahren. Damals lernten einander der Sänger und der Kabarettist kennen und entdeckten, dass sie Töchter im gleichen Alter haben. Lange passierte nichts.

Dann kam der Youtuber, oder Influencer, wie man Stars im Netz, die viele Fans haben, heute nennt. Er war Stargast einer Geburtstagsfeier, bei der die Töchter der beiden eingeladen waren. Seinen Ruhm hatte er mit Akrobatikvideos im Internet verdient. Auf der Party wurde der Angehimmelte rasch zum Signal für die wachsende Kluft zwischen den Generationen. „Youtuber sind die neuen Zauberer bei Kinderpartys, okay“, sagt Gregory. „Aber den haben wir beide sehr lächerlich gefunden: Ein Akrobat, der sich nicht einmal einen Flickflack zutraut?“ In Komplizenschaft mit dem Papakollegen Nowak wurde der Youtube-Star unverhohlen verarscht. Für Elena war wieder einmal klar: „Es ist peinlich, dass er sich für gar nichts schämt!“

Rebellion ist das Programm

Gregory lacht über die klare, laute Meinung der Tochter. Es ist ein anerkennendes Lachen. Eines, das sich freut über die selbstbewusste Meinungsäußerung des Sprosses. „Wir haben sie zur Selbstständigkeit erzogen. Jetzt dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie eine eigene Meinung haben. Frühe Rebellion, Dinge in Frage zu stellen, gehört ja zum Erziehungskonzept. Sonst hätten wir was falsch gemacht“, sagt der Sänger überzeugend locker. Die Kritik vom Nachwuchs kratze nicht am Selbstbild, meint der 48-Jährige, denn im Grunde wüssten die beiden Mädchen ja, dass sie es gut getroffen haben mit ihren Papas.

Veto vom 54-jährigen Reinhard Nowak. Selbstständigkeit hin oder her, auf das Bussi von der Tochter will er nicht verzichten. „Sonst muss sie ausziehen.“ Da fällt auch Gregory die Geschichte ein, als er damals lange vor der Ankunft im Kindergarten plötzlich nur noch den Handschuh hielt. Elena wollte nicht, dass ihre Freunde sie Hand in Hand mit dem Papa sehen. Trotzdem sei das mit dem Abnabeln kein Problem, sagt er. „Dass der erste Freund der Tochter der natürliche Feind des Vaters ist, das stimmt ja nicht. Ich habe ihr meine Talente und Träume und Wünsche vorgelebt. Wenn sie mir irgendwann das Gegenteil als Lebensentwurf vor die Nase setzt, muss ich mächtig was falsch gemacht haben“, so Gregory.

Als Väter pflegen sie ein Männerbild, in dem Halbe-Halbe und Gefühle zu zeigen Wert hat. Selbstverständlich mache er jede Hausarbeit mit Ausnahme von bügeln, erzählt Nowak. „Das mache ich nicht, weil oder obwohl ich ein Mann bin, sondern, weil ich ein Mensch bin“, sagt der Kabarettist. „Diese Rollenbilder gehen mir am Hammer!“ Erlebt hat er es als Bub anders, traditionell. Der Vater – er starb viel zu früh, als Nowak 16 Jahre alt war – war während der Woche kaum zugegen. Nach der Arbeit war fernsehen angesagt, um die Kinder kümmerte sich die Mutter. Am Wochenende war man gemeinsam wandern, wenn der Vater vom Frühschoppen zurückkam.

Auch Gregory erzählt vom Vater, der drei Jobs gehabt hat. Dennoch sei man am Wochenende zusammen gewesen. „Wir haben da doch zumindest gemeinsam Bud-Spencer- oder Louis-de-Funès-Filme geschaut“, erinnert er sich und beklagt den Kampf um die Aufmerksamkeit der Kinder. Gegen Youtube-Kanäle und Chatgruppen ankommen zu müssen, mache es zunehmend schwierig, mit den Vor-Pubertierenden zu kommunizieren. „Heute hat jeder seine eigene kleine Parallelwelt am Handy. Da muss man schon einen Schritt zurück machen und sagen: Wir drehen jetzt alle gemeinsam für vier Stunden das Handy ab. Das muss dann auch für die Eltern gelten“, so Gregory. Seiner Vorbildwirkung ist er sich bewusst.

Reinhard Nowak gibt offen zu, dass in Sachen Erziehung seine Frau die Strengere sei. „Ich erlaube mehr. Aber manchmal sage ich auch: ,Es ist jetzt besser, du tust, was ich sage!‘“ Und, ja, Widerspruch hat er auch schon oft geerntet: „Papa das interessiert mich aber nicht.“ Letztlich sei sowieso klar, dass die Kinder lernen, was die Eltern vorleben, meint auch Nowak. „Ich versuche, ihr Werte weiterzugeben, die sie zu einem liebevollen, offenen Menschen mit ausreichend Selbstvertrauen machen. Sie bekommt ja mit, dass ich kein Arsch bin.“

Die obercoolen Schachtelbastler

„Hands-on-Dads“ würde man im englischsprachigen Raum zu den beiden sagen. Solche, die zupacken, wenn was ansteht. Nowak hat für Mina ihr Zimmer türkis ausgemalt, baut mit ihr neue Möbel zusammen und nutzt die berufsbedingte Tagesfreizeit für Ausflüge. Gregory ist für die Tochter nach 15-jähriger Pause wieder Ski fahren gegangen, das Zimmer wurde kalkrosa gestrichen und zu Weihnachten hat er mit ihr ein Puppenschloss gebastelt, als sie klein war.

Die Nachbartochter hatte damals ein Plastik-Barbie-Schloss zu Weihnachten bekommen und Elena wollte auch gern eines. Als Papa und Tochter nach vier Stunden basteln mit alten Schachteln so viel Spaß zusammen hatten, dass dies wichtiger war, als mit dem Schloss der Nachbarin zu spielen, war das Erziehungsziel erreicht. „Ich möchte ihr auch mitgeben, dass wir nur diese eine Welt haben und wir uns überlegen sollten, welche Fußabdrücke wir mit jeder unserer Taten hinterlassen. Man muss keinen Plastikberg kaufen, damit Kinder froh sind und sich beschäftigen“, sagt Gregory.

Elena und Mina hören aufmerksam zu, wenn die Väter sprechen. Sie sind gerne dabei und geben ihre Meinung kund. Vor den Papas dürfen sie erzählen, was sie an ihnen stört und wann sie ihnen peinlich sind. Irgendwann werden sie das obercool finden.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Printausgabe 9/2019