Fakten von

Phänomen Massenpanik -
Wenn Angst die Vernunft besiegt

Mehr als 700 Pilger starben bei Hadsch in Mekka - wie es dazu kommen konnte.

Massenpanik bei Hadsch 2015 © Bild: © Corbis. All Rights Reserved.

Wer solche Szenerien einmal erlebt hat, dem bleiben sie eingebrannt in sein Gedächtnis: Massenpanik. Das in diesem Zusammenhang weltweit schwerste Unglück seit zehn Jahren ereignete sich am 24. September 2015 in dem Ort Mina bei Mekka - mehr als 700 Menschen wurden in der Masse erdrückt, 860 verletzt (bisher kein Hinweis auf österreichische Opfer). Wie es zu dem Unglück kommen konnte und was passiert, wenn der Angst den Verstand beherrscht.

Wie es zu dem Unglück kam

Die saudische Zivilverteidigung erklärte, am Donnerstagmorgen sei es an einer Kreuzung in Mina zu einem Stau gekommen. Dann sei die Massenpanik ausgebrochen. Bilder zeigten, wie die Opfer im weißen Pilgergewand auf Liegen versorgt und weggetragen wurden. Auf einem Amateurvideo waren Leichen zu sehen, die auf der Erde lagen.

Mina bei Mekka
© REUTERS/Ahmad Masood Hunderttausende Pilger gingen von Mina diese Straßen entlang in Richtung Jamarat.
»Iran: "Die Saudis haben ohne Grund die Route der Pilger blockiert"«
Mina, mekka
© REUTERS/Ahmad Masood

Gegenseitige Schuldzuweisung

Der saudische Gesundheitsminister Khaled al-Falih machte die Pilger für die Massenpanik verantwortlich. Einige von ihnen hätten sich nicht an die vorgegebene Gruppenaufteilung gehalten und Anweisungen missachtet. Der Iran hingegen gab den Behörden eine Mitschuld. "Die Saudis haben ohne Grund einen Teil der Route der Pilger blockiert, was zu dem Andrang und letztendlich auch der Tragödie führte", sagte der Leiter des Auswärtigen Ausschusses im Teheraner Parlament, Alaeddin Boroujerdi. Der schiitische Iran und das sunnitische Saudi-Arabien sind Erzrivalen.

Mina, mekka
© REUTERS/Ahmad Masood

Wenn Verstand aussetzt, spielt Ursache keine Rolle

Experten wissen hingegen: Der Anlass für eine Massenpanik spielt kaum eine Rolle. Die Masse Mensch macht den Ausschlag, wenn die Vernunft aussetzt. Aufgrund eines Ereignisses setzt bei den Betroffenen die Ratio aus, die sonst - und üblicherweise - ein Einschätzen der Situation erlaubt. Dabei ist die Panik des Einzelnen für den Betroffenen gefährlich. Wenn dieser nicht von anderen beruhigt werden kann, kann es zu einer Kettenreaktion führen.

Massenpanik bei Hadsch 2015
© © Corbis. All Rights Reserved.

Die Ursache spielt dann keine Rolle mehr. Ein ganz kleiner Anlass kann dafür schon ausreichen. lötzlich haben alle das Gefühl, in Richtung Ausgänge loslaufen zu müssen. Hier wird leicht eine kritische Masse überschritten. Derartige Menschenansammlungen lassen sich dann kaum mehr kontrollieren. Und genau das macht Szene wie in Mina so gefährlich. In derart großen Menschengruppen schaukelt sich die Panik abseits aller rationaler Kontrolle des Einzelnen auf.

Massenpanik bei Hadsch 2015
© © Corbis. All Rights Reserved.

Plötzlich dreimal so stark

Die Forschung beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Phänomen Panik. Naturgegeben verliert der Mensch in extrem bedrohlichen Situationen die Kontrolle über sich und entwickelt eine ungewöhnliche Energie. Die Kräfte können das Normale um das Zwei- bis Dreifache überschreiten. Bei Massenpaniken reagieren die Menschen nervös, bewegen sich schneller als üblich und nehmen ihre Umwelt nur noch durch den so genannten Tunnelblick wahr.

Massenpanik bei Hadsch 2015
© © Corbis. All Rights Reserved.

Der "Herdeneffekt"

Ein anderes Phänomen sei der "Herdeneffekt": Oft werden bei Fluchten nicht alle zugänglichen Ausgänge genutzt. Dafür verkeilen sich die Fliehenden an den anderen Türen. "Das führt zu einem "Schneller-ist-langsamer-Effekt".

Massenpanik bei Hadsch 2015
© © Corbis. All Rights Reserved.

Katastrophen mit Massenpanik

Wo viele Menschen zusammenkommen, wächst die Gefahr schwerer Unfälle. Im panischen Gedränge bei Neujahrsfeiern, religiösen Festen oder bei Bränden in überfüllten Diskotheken gibt es immer wieder Todesopfer. Ein Überblick:

  • Dezember 2014/Jänner 2015: Bei einer Massenpanik kommen am Silvesterabend in Shanghai mindestens 36 Menschen ums Leben. 47 werden verletzt, 13 schweben in Lebensgefahr.
  • Mai 2014: Bei einer Massenpanik in einem Fußballstadion der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa werden mindestens 15 Menschen getötet. Die Polizei soll nach Gewaltausbrüchen in die voll besetzten Ränge geschossen haben, was eine Massenflucht auslöste.
  • Oktober 2013: Bei einem hinduistischen Fest im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh werden auf einer Brücke über einen Fluss mindestens 115 Menschen zu Tode getrampelt. Die Menschen gerieten in Panik, als sich das Gerücht verbreitete, die Brücke sei kurz davor einzustürzen.
  • Jänner 2013: Bei einer Brandkatastrophe in einer Diskothek im südbrasilianischen Santa Maria kommen mehr als 230 Menschen ums Leben. Giftige Dämpfe lösten eine Massenpanik unter den Feiernden aus. Als Brandursache wird eine pyrotechnische Show-Einlage vermutet.
  • Silvester 2012: Zum Ende des Feuerwerks bei den Neujahrsfeiern in Abidjan in der Elfenbeinküste sterben 62 Menschen. In der Nähe eines Stadions kam es zu großem Gedränge, das dann Panik auslöste. In der angolanischen Hauptstadt Luanda kommen 16 Menschen ums Leben, als Tausende in das mit mehr als 70.000 Menschen überfüllte Stadion zu einer religiösen Andacht strömen.
  • November 2010: In der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh sterben bei einer Massenpanik während des Wasserfestes 375 Menschen. Sie werden auf einer überfüllten Brücke zu Tode getrampelt oder ersticken.
  • Juli 2010: Bei der Loveparade in Duisburg gibt es 21 Todesopfer. Menschen versuchen, eine Mauer und eine Treppe hinaufzuklettern, um dem Gedränge zwischen zwei Tunneln zu entgehen. Als einige von ihnen in die Menschenmasse stürzen, bricht Panik aus.
  • Jänner 2009: Bei einem Brand während einer Silvesterfeier in einem Nachtclub in Bangkok sterben 67 Menschen. Der Brand wurde vermutlich von einem Feuerwerk ausgelöst.
  • September 2008: Bei einem Feuer in einem südchinesischen Tanzclub in Shenzhen kommen mindestens 43 Besucher ums Leben. Feuerwerkskörper verursachten die Katastrophe.
  • Dezember 2004: In der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires sterben bei einem Großbrand in einem Tanz- und Konzertlokal 194 Menschen. Das Feuer bricht aus, als Besucher eines Rockkonzerts Bengalisches Feuer abbrennen und die Deckendekoration Feuer fängt.

Kommentare

neusiedlersee melden

Das schreibt NEWS oben: Experten wissen hingegen: Der Anlass für eine Massenpanik spielt kaum eine Rolle. Die Masse Mensch macht den Ausschlag, wenn die Vernunft aussetzt.
Davor hat gestern der Bürgermeister von Salzburg gewarnt.
Und das trifft auf alle Masssen zu, auch wenn 3 oder mehr Polizisten kontrollieren.
Der erste tote Polizist wird Träumer erwachen lassen.

halo:gen melden

Wo sehen sie tote Polizisten? Beim nächsten Fußballspiel?

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