Meissnitzer beendet Karriere ohne Wehmut:
"Golden Girl" ist jetzt neugierig aufs Leben

1998/99 fuhr sie die Konkurrenz in Grund und Boden "Erfolge nach Verletzung waren genau so viel wert"

Meissnitzer beendet Karriere ohne Wehmut:
"Golden Girl" ist jetzt neugierig aufs Leben © Bild: APA/Gindl

Den vergangenen Winter hat Alexandra Meissnitzer noch gebraucht, um mit ihrer Skikarriere abzuschließen. Aufgrund einer in der Aspen-Abfahrt Anfang Dezember erlittenen Knieverletzung blieben die großen Erfolge in ihrer letzten Saison aus, der Abschied der Abtenauerin aus dem aktiven Rennsport mit dem Super-G in Bormio ist aber fix. "Ich gehe mit einem sehr, sehr guten Gefühl. Ich habe es nochmals probiert, im Super-G war ich zweimal Vierte, im Riesentorlauf habe ich es leider nicht mehr zeigen können", sagte die 34-Jährige.

Nach dem Rücktritt von Michaela Dorfmeister 2006 geht damit zwei Jahre später das zweite der drei "Golden Girls" des ÖSV in Ski-Pension - die Zukunft von Renate Götschl ist noch ungewiss. Dorfmeister trug bei ihrem letzten Weltcuprennen in Aare ein Shirt mit der Aufschrift "Thank you and good bye", Fritz Strobl hatte vor einem Jahr auf der Lenzerheide auf der Piste seine Gaudi im Mozart-Kostüm. Meissnitzer hat nichts dergleichen vor: "Ich habe kein 'Liadl' und ich wüsste nicht, als was ich mich verkleiden soll, außerdem war ich nie ein Showman. Ich will noch einmal ein gutes Rennen fahren."

Erfolgreiche Karriere geht zu Ende
Der Blick zurück passiert ohne Wehmut. "Es geht mir überraschend gut und ich werde nicht weinen am Donnerstag." Lautet zumindest der Vorsatz, und wenn doch die Tränen kullern, wird das jeder verstehen. Meissnitzers sportlich stärkste Saison 1998/99, in der sie Doppelweltmeisterin wurde und mit acht Saisonsiegen den Gesamtweltcup sowie die Super-G- und Riesentorlauf-Wertungen geholt hatte, haben ihre damalige Aufnahmefähigkeit fast überfordert: "Ich rede mich nicht auf das Alter aus, denn ich war schon Mitte 20. Aber das ganze Jahr war irgendwie wie ein Traum." Mit der Ausgeglichenheit von heute hätte sie die Erfolge viel mehr genießen können.

Verletzungsbedingter Leidensweg
Mit dem Kreuzbandriss im Knie im November 1999 in Lake Louise ("Trotzdem einer meiner Lieblingsorte, eine Heiß-kalt-Partie") begann ein langer Leidensweg. "Fünf Jahre Operationen und nur Theater", fasst die Polizei-Inspektorin zusammen. "Die Erfolge danach sind für mich genau so viel wert, ich habe sie schätzen gelernt. Und auch wenn es blöd klingt, ich bin demütiger geworden." Nicht missen möchte sie aber die Erfahrung ihrer Supersaison, als sie sah, was möglich ist, wenn alle Komponenten optimal zusammenpassten. "Teilweise bin ich alle in Grund und Boden gefahren." Gerne hätte sie eine weitere Saison wie diese gehabt. "Aber passt schon, wie es war. Es ist alles für etwas gut."

Leben nach der Ski-Karriere
Alexandra Meissnitzer ist im Laufe ihrer langen Karriere zu einer Persönlichkeit gereift. "Mir hat der Dreißiger gut getan", sagt die Salzburgerin, die sich mit ihrem Restaurant "Genussprojekt" ("Ich koche nicht gerne und gehe dort zum Essen hin") in der Nähe des EM-Stadions schon während ihrer Laufbahn ein Standbein geschaffen hat. Kellnerin wird aus ihr aber sicher keine werden: "Sie haben mir gesagt, ich bin zu langsam". Wie es bei der Polizei weitergehen wird, ist noch nicht entschieden, sehr wohl will sie aber mit ihrer Skifirma zusammenarbeiten. Das Trainergeschäft interessiert sie indes nicht, "Kurssetzen, Stangentragen, nein danke. Und es ist auch eine totale Männerdomäne."

Materialveränderungen
Alexandra Meissnitzer hat in ihrer Karriere, die ihr im Dezember 2005 in Lake Louise den letzten ihrer 14 Weltcup-Siege brachte, viele Veränderungen mitgemacht, die Materialentwicklung hat das Skifahren stark beeinflusst. "Es ist immer mehr eine Materialgeschichte geworden. Für gute Technikerinnen ist es jetzt schwieriger geworden, zu gewinnen. Mit Kurventechnik hat man viel rausholen können. Aber ich will jetzt von niemandem die Leistung schmälern." Und auch die Einstellung der Athletinnen sei "extrem professionell" geworden. "Lauter Perfektionistinnen. Außer Skifahren findet da nicht so viel statt."

Trennung von Freunden und Kollegen
Ein paar Kolleginnen, die zu Freundinnen geworden sind, wird die dreifache Olympia-Medaillengewinnerin vermissen, und auch ihren Servicemann. Trennungen hat sie auch während ihrer Karriere schon einige mitgemacht, so von ihrem früheren Trainer Karl Frehsner zum Beispiel, mit dem sie immer noch in Kontakt steht. "Ich habe ihm blind vertraut, er hat gewusst, wie er mit mir umgehen muss. Wir hatten ein extrem gutes Verhältnis, die Chemie hat einfach gepasst." Auch wenn Frehsners Linie oft kritisiert wurde - für Meissnitzer sei er genau der Richtige gewesen.

"Meissi" ist neugierig aufs Leben
Meissnitzer freut sich auf das, was ihr das neue Leben bieten wird. Sie wird es aktiv angehen. "Eine lange Auszeit nehme ich mir nicht." Sie wird weiterhin Sport machen, um "knackig" und auf ihren 60 Kilogramm zu bleiben. Wenn sie früher zwei Wochen durchgehend daheim war, sei ihr langweilig geworden. Heute fürchtet sie sich davor nicht mehr. "Wenn man neugierig auf das Leben ist, dann wird einem nicht langweilig."

Steckbrief Alexandra Meissnitzer (34 Jahre):
Geb.: 18. Juni 1973 in Abtenau
Wohnort: Abtenau/Salzburg
Größe/Gewicht: 1,65 m/60 kg
Verein: Sport Union Abtenau
Familienstand: ledig
Ski: Völkl - Schuhe: Fischer
Beruf: Polizistin
Hobbys: Sport, Mode, Kino, Lesen
Homepage: http://www.meissnitzer.com
Im ÖSV-Kader seit 1989
Größte Erfolge:
Olympia (3 Medaillen):
* Silber Riesentorlauf 1998 Nagano
* Bronze Super G 1998 Nagano
* Bronze Super G 2006 Turin/San Sicario
WM (3 Medaillen):
* Gold Super G 1999 Vail
* Gold Riesentorlauf 1999 Vail
* Silber Abfahrt 2003 St. Moritz
Weltcup: * Gesamtsiegerin 1999
* Riesentorlauf-Weltcup-Siegerin 1999
* Super-G-Weltcup-Siegerin 1999
* 14 Weltcupsiege (2 Abfahrt/7 Super G/5 Riesentorlauf)
Österreichs "Sportlerin des Jahres" 1998 und 1999

(apa/red)