Medizin-Nobelpreis geht an Stammzellen- Forscher: Gene bei Mäusen ausgeschaltet!

Reaktionen aus Österreich: "Längst verdient"

Medizin-Nobelpreis geht an Stammzellen- Forscher: Gene bei Mäusen ausgeschaltet!

Von "Knock-Out"-Mäusen, embryonalen Stammzellen - und im Endeffekt auch vom gesunden bzw. kranken Menschen: Für bahnbrechende Forschungen auf diesem Gebiet der Erforschung von embryonalen Stammzellen und der homologen Rekombination von Genen und in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde den beiden US-Wissenschaftern Mario Capecchi (geboren 1937) und Oliver Smithies (geboren 1925) sowie dem Briten Sir Martin Evans (geboren 1941) der Nobelpreis für Physiologie und Medizin des Jahres 2007 zuerkannt. Die Auszeichnung ist mit 1,1 Mio. Euro dotiert.

"Die diesjährigen Preisträger haben eine ganze Serie von Durchbrüchen auf dem Gebiet der Stammzellforschung und der Rekombination von DNA in Säugetieren gemacht. Ihre Entdeckungen führten zu der Schaffung der unglaublich wichtigen Technologie des 'Gene Targeting' bei Mäusen. Sie wird heute in faktisch allen Bereichen der Biomedizin benutzt - von der Grundlagenforschung bis zur Entwicklung neuer Therapien", hieß es in der Begründung des Nobelpreiskomitees. Im Endeffekt hatten die Wissenschafter als Verfahren jenes der "Knock-Out"-Mäuse geschaffen, mit dem man ganz gezielt einzelne Gene bei den Versuchstieren ausschalten und die daraus resultierenden Konsequenzen untersuchen kann.

Sir Martin Evans von der Cardiff University in Großbritannien - für seine Arbeiten von der Queen bereits geadelt, was sonst bei britischen Wissenschaftern zumeist erst nach der Zuerkennung einer derart hohen Auszeichnung geschieht - "identifizierte und isolierte embryonale Stammzellen" von Mäusen. Das Nobelpreis-Komitee: "Er konnte sie in Zellkulturen halten, modifizierte sie genetisch, brachte sie wieder in weibliche Mäuse ein, um so genetisch modifizierte Nachkommen zu schaffen."

Capecchi (gebürtiger Italiener mit US-Staatsbürgerschaft, er arbeitet an der University of Utah in Salt Lake City) und Oliver Smithies (University of North Carolina in Chapel Hill) wiederum entdeckten unabhängig von einander die homologe Rekombination zwischen Teilen des Erbguts von Säugetieren. Damit lassen sich bestimmte Gene gezielt ("targeted") verändern.

Der Clou aber lag in der Kombination der Techniken von Evans sowie von Capecchi und Smithies. Das Nobelpreiskomitee: "... das führte zur 'Knock-Out'-Maus, die unser Verständnis von normaler Entwicklung und von Krankheitsprozessen revolutioniert hat. Damit wurden neue Wege für medizinische Therapien erschlossen." Das Prinzip der "Knock-Out"-Mäuse ist einfach: Oft mittels "homologer Rekombination" an einem Gen veränderte embryonale Stammzellen der Tiere werden in ganz frühe Mäuse-Embryonen (Blastozysten) eingebracht und dann in Muttertieren ausgetragen. Durch entsprechende Weiterzucht entsteht ein Maus-Stamm mit extrem gleichartigen genetischen Hintergrund samt dem veränderten Gen. Im Vergleich zu Tieren ohne diese Modifikation der Erbanlage lässt sich damit die Funktion einer Erbanlage erkennen.

Positive Reaktionen aus Österreich
Bei österreichischen Wissenschaftern stieß die Zuerkennung der diesjährigen Nobelpreise an die drei Forscher auf praktisch einhellige Zustimmung. Josef Penninger, Leiter des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA) in Wien, der selbst bahnbrechende Arbeiten mit "Knock-Out"-Mäusen durchgeführt hat, gegenüber der APA: "Als man mich am Freitag gefragt hat, wer den Nobelpreis bekommt, habe ich gesagt: 'Wenn es um Stammzellen geht, dann Mario Capecchi und Oliver Smithies. Sie haben 1988/1989 die ersten 'Knock-Out'-Mäuse geschaffen und damit die Medizin und die Forschung revolutioniert."

Erwin F. Wagner vom Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien äußerte sich ähnlich: "Evans gelang es erstmals embryonale Stammzellen von Mäusen zu züchten, die nicht mehr zur Entstehung von Tumoren beitrugen. (...) Evans ist der 'schrullige' Cambridge-Professor. Capecchi ist ein athletischer Typ. Alle drei sind bescheiden, nicht eingebildet und haben auch kein Lobbying für sich betrieben."

Genetiker Markus Hengstschläger von der Wiener Universitäts-Frauenklinik am Wiener AKH wiederum bezeichnete die drei Laureaten als "ganz, ganz Große", die für die moderne molekularbiologische und medizinische Forschung unerhört wichtige Erkenntnisse erzielt und genauso wichtige Verfahren entwickelt hätten. Der Wissenschafter: "Das sind drei Herren, die den Nobelpreis ganz berechtigt bekommen."
(apa/red)