Medienethik von

Hass und
Vorverurteilungen

Mordfall: Siebenjährige aus Gemeindebau getötet. © Bild: APA/HANS PUNZ

Vorverurteilungen, krude Verschwörungstheorien und Aufforderungen zur Selbstjustiz im Netz. Darf das, soll das sein?

Der Mord an einer Siebenjährigen in Wien hat auch eine Diskussion über Ethik-Standards in sozialen Medien ausgelöst. Die trauernde Familie war Beschimpfungen ausgesetzt; spätestens seitdem feststand, dass auch der Täter nicht österreichischen Hintergrund hat, verbreiteten sich rassistische Beschimpfungen, Vorverurteilungen, krude Verschwörungstheorien und Aufforderungen zur Selbstjustiz rasant im Netz. Darf das, soll das sein? Medienunternehmen betreuen ihre Internetforen unterschiedlich intensiv. Rechtlich ist gegen Hassposter nicht viel auszurichten. Der österreichische Presserat, 2012 wieder gegründete Selbstregulierungseinrichtung im Pressebereich, war zu Redaktionsschluss nicht mit der Causa befasst.

Noch nicht zumindest: Meldungen zu Aktivitäten in Onlineforen hat es aber immer wieder gegeben, sagt Presserat-Geschäftsführer Alexander Warzilek - sowohl von Usern, die z. B. diskriminierende Inhalte beklagten, als auch von Postern, die sich beklagen, dass ihre Postings gelöscht werden. Im aktuellen Fall sehe er keinen Anlass, Internetforen komplett zu sperren, sehr wohl aber die Verpflichtung, sie sorgsam zu moderieren und heikle Postings zu löschen, in denen etwa Diskriminierungen und Vorverurteilungen verbreitet werden. "Wenn ein Täter psychotisch veranlagt ist, spielt der Kulturkreis, aus dem er stammt, keine Rolle. In manchen Postings war von einem Ehrenmord die Rede, es wurde auf die Gruppe der Tschetschenen losgegangen. Diese Diskussion ist ganz und gar unangebracht und verfehlt." Ein emotionalisierender Fall wie der Mord an einem Kind könnte gewissen Gruppen auch als Gelegenheit dienen, "für ihre eigene Agenda ganz gezielt etwas herauszuholen", sagt Warzilek. "Foren können zum Vorteil für die Allgemeinheit verwendet werden, indem man darin etwa Hintergrundinformationen bekanntgibt. Aber man kann damit natürlich auch ganz gezielt Falschmeldungen verbreiten. Die Bassenagespräche von früher finden jetzt im Internet statt. Das Prekäre ist, dass jeder, der möchte, mitlesen kann."

Dem österreichischen Presserat gehören fast alle österreichischen Zeitungen und Zeitschriften an (außer "Heute" und "Krone"). Drei Senate, bestehend aus Journalistinnen und Journalisten, entscheiden über gemeldete Fälle. Wenn ein individuell Betroffener sich an den Presserat wendet, kann der Abdruck der Entscheidung im betreffenden Printmedium durchgesetzt werden, andernfalls kommt es nur zu einer Veröffentlichung auf der Presserat-Webseite.

Was meinen Sie?
Schreiben Sie mir bitte: gasteiger.anna@news.at

Kommentare