Zu wenig Geriss um die besten Jobs

Für die höchsten Positionen in Österreichs größtem Medienhaus gibt es kaum offene Bewerbungen. Der ORF schmort im eigenen Saft. Die daraus entstehende Selbstbeschäftigung samt Tunnelblick schadet seiner Weiterentwicklung

von Medien & Menschen - Zu wenig Geriss um die besten Jobs © Bild: Gleissfoto

Dienstbeginn ist "voraussichtlich" am 1. Dezember. Für wen? Das war drei Tage davor noch nicht offiziell. Bekannt ist seit Monaten, wer die neue Chefredaktion des ORF bilden soll. Doch weil in Österreich scheinbar alles seine Ordnung haben muss, spielt der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine vielwöchige Staatskomödie. Das Stück heißt "Ausschreibungspflicht". Gemäß ORF-Gesetz und Redaktionsstatut ist es ein Schauspiel in drei Aufzügen: 1. Ausschreibung der Stellen, 2. Bewertung der Kandidaten durch ausgewählte Manager und alle Journalisten, 3. Beschluss des Chefs, der eine Abweichung von der Redaktionsreihung schriftlich begründen muss.

In Wirklichkeit aber ist es eine Posse in sieben Akten: 1. parteipolitische Sondierung von Bewerbern und Entscheidern, 2. Paketschnürung mit Bedacht auf jetzige und künftige Regierung, 3. Rache von Chancenlosen und Taktik der Entscheider durch Leaken dieses Teams, 4. Pflanzausschreibung mit zu kurzer Bewerbungsfrist für ernsthafte externe Kandidaten, 5. Scheinobjektivierung per Bewertung der Anwärter durch ORF-Management, 6. Partizipationsbluff mit großem Aspiranten-Hearing in der Reaktionsversammlung, 7. Soloentscheidung durch den General- und Info-Direktor in Personalunion.

Dass die Reihung der 283 an der Abstimmung beteiligten Journalisten nur in einer Position vom seit Monaten kolportierten Team abwich, spricht nicht gegen die Widerständigkeit der Redakteure. Sie hatten wenig andere Wahl. Für die sechs Topjobs gab es bloß 13 Bewerber. Der bisherige Online-Chef Christian Staudinger galt schon zuvor als mögliche Sollbruchstelle. Die Redaktionsversammlung bevorzugte dann die einstige Berlin-Korrespondentin Birgit Schwarz in dieser Stellvertreterposition.

Für die vorab ausgemauschelten Posten der Chefredakteure wagte ohnehin kaum jemand anzutreten. "Im Zentrum"-Moderatorin Claudia Reiterer tat es doch und schnitt gegen den bisherigen APA-Chefredakteur Johannes Bruckenberger respektabel ab. Noch überraschender war der Achtungserfolg von Florian Skrabal, dem Chef der Rechercheplattform "Dossier", kontra die unangefochtene Gabriele Waldner-Pammesberger. Sebastian Prokop, der Dritte im Bunde, blieb gar ohne Mitbewerber. Zu Eva Karabeg und Inka Pieh, den weiteren frühzeitig publizierten Stellvertreter-Anwärterinnen, gab es keine überzeugenden Alternativen. Neben dem seit Monaten geradezu als fix gehandelten Bruckenberger und dem vielleicht auch nur investigativ angetretenen Skrabal stellte sich lediglich ein externer Bewerber dem unsäglichen Verfahren: Oliver Mojen von der Deutschen Welle.

Es wiederholte sich also das Trauerspiel der Generaldirektorenwahl: So wie der scheinbar attraktivste Job im österreichischen Medienmanagement sind auch die vermeintlich reizvollsten journalistischen Leitungsfunktionen kaum offen umkämpft. Durch das parteipolitisch geprägte Aushandeln im Vorfeld gilt schon eine Bewerbung als persönliche Defektgefahr. Die Wahl zwischen Pest und Cholera liegt hier zwischen Beschädigung eines Rufes der Unabhängigkeit und Niederlage mit Anlauf in einer offenen Bewerbung. Schon Generaldirektor Roland Weißmann hatte sich dieser Image-Havarie ausgesetzt. Gegen nahezu ausschließlich interne Konkurrenz. Allein das spricht nun für Bruckenberger. Er kommt von außen.

Wenn das ORF-Gesetz bis 1. April 2025 repariert wird, sollte es also um mehr gehen, als nur die Besetzungsstruktur von Stiftungs- und Publikumsrat unabhängiger von der jeweiligen Regierung zu gestalten. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk braucht eine Verfassung, die über diesen Auftrag der Höchstrichter hinaus wirkt. Die Matches um seine Spitzenpositionen - und nicht nur diese selbst - müssen so attraktiv werden, dass sich die Besten von innen und außen, aus Österreich wie aus dem Ausland offen um sie bewerben. Der Köder dafür liegt weniger in der möglichst guten Bezahlung als in einem landläufigen Image, dass dort auch wirklich die Fähigsten zum Zug kommen. Das ist heute nicht der Fall. Im Hinterzimmer-Auswahlverfahren liegen die größten Prügel auf dem Weg der aktuell bestellten Chefredaktion, die aber nun alle Möglichkeiten hat, die Vorurteile gegen sie zu zerstreuen.

Dass die Leitung des viel, aber ausschließlich eigengelobten multimedialen Newsrooms irgendwo zwischen Himmelfahrtskommando und Mission Impossible rangiert, steht auf einem anderen Papier. Doch auch dieses ORF-Selbstverschulden hängt eng mit dem Tunnelblick in einem Unternehmen zusammen, das vorzugsweise im eigenen Saft schmort und zu stark lediglich sich als Maßstab wähnt.