Der lange Weg zur kurzen Auswahl

Knapp vor dem Ziel kommt noch Stimmung ins Rennen um die Chefredaktion des ORF. Dafür sorgen die interne Bewerbung von Claudia Reiterer, der Moderatorin von "Im Zentrum", und die externe Kandidatur von Florian Skrabal, dem Chef von "Dossier"

von Medien & Menschen - Der lange Weg zur kurzen Auswahl © Bild: Gleissfoto

Die Pflicht ist erledigt, die Kür steht bevor. Doch während im Eiskunstlauf der früher wichtigere erste Teil abgeschafft wurde, ist bei einer Bewerbung für die ORF-Chefredaktion die zweite Runde kaum maßgeblich. Entscheidend sind die soeben absolvierten Hearings vor Kommissionen des Managements. Dabei dienen je vier Assessoren als Wertungsrichter für den Auftraggeber, General- und Info-Direktor Roland Weißmann. Die folgenden Anhörungen durch die bis zu 400-köpfige Redaktionsversammlung sind bloß Schaulaufen. Letztlich trifft der Alleingeschäftsführer die Wahl aus den 15 Kandidaten.

Genau diese formale Machtlosigkeit macht das Ganze aber auch wieder spannend. Denn es geht um den journalistischen Ruf der ORF-Nachrichtenredaktionen. Seit Monaten pfeifen die Spatzen von den Dächern des Küniglbergs, dass das Sextett der neuen Chefredakteure und Stellvertreter fixiert sei. Auf schlecht Österreichisch war erst dies das Startsignal zur Ausschreibung der Positionen. Statt für Hörfunk, Fernsehen und Online ist die Verantwortung nun in Newsteams, multimediale Fachressorts, Sendungs-und Plattformteams geteilt. Als ausgehandelt dafür gelten APA-Chefredakteur Johannes Bruckenberger, die provisorische Radio-Chefredakteurin Gabriele Waldner-Pammesberger und Newsdesk-Leiter Sebastian Prokop sowie als Stellvertreter die interimistische TV-Chefredakteurin Eva Karabeg, Online-Chefredakteur Christian Staudinger und Washington-Korrespondentin Inka Pieh.

Wenn nun genau diese sechs Kandidaten wirklich bestellt werden, ist das ein weiterer Schlag gegen das Image des ORF. Dabei geht es nicht nur um politische Einflüsse, die hinter der Favoritenstellung des einen Kandidaten oder der anderen Anwärterin stecken könnten. Allein durch diesen Verdacht wird das System schon beschädigt. Denn wer setzt sich solchen Vermutungen aus? Schlimmer noch wäre jedes weitere Indiz, dass schon vor einer Ausschreibung klar ist, wer den Job bekommt. So wie es bereits bei Generaldirektor Weißmann der Fall war. Ein solcher Missstand würde langfristig viele Bewerbungen von fähigen Personen intern wie extern verhindern. ORF-Chef müsste der begehrteste Medienmanagement-Job im Lande sein. Er ist es längst nicht mehr. Der Antritt Bruckenbergers zeigt aber auch, dass der journalistische Ruf noch besser ist. Das liegt an der Widerständigkeit unter offiziellen und informellen Rädelsführern wie Dieter Bornemann und Armin Wolf.

Aus dieser Perspektive werden die redaktionellen Hearings wichtiger, als sie formal sind. Falls dort die eine oder der andere des vermeintlich paktierten Sextetts durchfällt, hat Weißmann die Chance, sich darauf zu berufen und jemand vom Hauptgerücht abweichend zu küren. Die Redaktionsversammlung ist in dieser Beurteilung unberechenbar. Wenn Weißmann, weil er nicht anders will oder kann, gegen ihren Widerstand einen Chefredakteur bestellt, muss er das schriftlich begründen. So steht es im neuen Redaktionsstatut - mit dem sich der General Wohlwollen bei den Journalisten erworben hat.

Als Wackelkandidaten im redaktionellen Hearing gelten vor allem Staudinger und Pieh. Der eine wegen seiner umstrittenen Performance als Online-Leiter, die andere ob ihrer fehlenden Führungserfahrung (Chefin vom Dienst zählt laut Statut ausdrücklich nicht dazu). Letztlich gab es sieben Bewerbungen für die neuen Chefposten und acht für die Stellvertreter. Zumindest zwei Überraschungen - intern wie extern - waren dabei: Claudia Reiterer tritt an. Vielleicht war sie am Sonntag "Im Zentrum" deshalb zu aufgeregt, um zu erwähnen, dass ihr Gast Eva Schütz Mehrheitseigentümerin und Herausgeberin der rechten Boulevard-Plattform "eXXpress" ist. Für noch mehr Verblüffung sorgte aber die Kandidatur von Florian Skrabal, dem Chefredakteur der Rechercheplattform "Dossier", deren vorletztes Magazin sich auf 80 Seiten kritisch dem ORF widmete. Ernsthafte Bewerbung oder investigativer Akt eines nicht (wie wohl die internen Kandidaten) vertraglich zum Schweigen Verdammten?

Im Eiskunstlauf wurde zugunsten der Kür das Gewicht der Pflicht von einst 60 Prozent kontinuierlich reduziert und 1990 nach 108 Jahren als Wettbewerbskriterium vollkommen abgeschafft. Für den ORF tritt die neue legale Grundlage mit Haushaltsabgabe und Digitalisierung zwar erst zu Jahresbeginn in Kraft, aber die Verfassungsrichter haben der Medienpolitik bereits die nächste Gesetzesänderung bis März 2025 aufgetragen: Die öffentlich-rechtlichen Aufsichtsgremien Stiftungs- und Publikumsrat müssen parteipolitisch unabhängiger werden. Es spricht nichts dagegen, die aktuelle Kür der Chefredakteure als Vorgriff darauf zu gestalten. Nichts außer der gegenteiligen ORF-Tradition.