Kann "Presse"-Nowak auch "Kronen Zeitung"?

Nach einem Jahr Zwangspause übernimmt Rainer Nowak wieder eine redaktionelle Leitungsfunktion. Er wird zwar (noch) nicht geschäftsführender Chefredakteur, erhält aber ein Superressort mit Schlüsselfunktion in der "Krone" unter Veränderungsdruck

von Medien & Menschen - Kann "Presse"-Nowak auch "Kronen Zeitung"? © Bild: Gleissfoto

Vor einem Jahr erschien diese Kolumne unter dem Titel "Der tiefe Fall vom Medien-Thron". Der Autor suchte Verständnis für die Lage von Rainer Nowak und Matthias Schrom, den über sich gestolperten Chefredakteuren von "Presse" und ORF-Fernsehen. Sie hatten zu wenig Distanz zur Politik gewahrt. Ihre Rücktritte waren so absehbar wie ihre unterschiedliche Situation danach. Schrom gab nur seine Funktion auf, ging in Urlaub und wurde drei Monate später Projektleiter für Smart Producing. Nach der öffentlich-rechtlichen Interpretation einer Cool-Down-Phase folgte die Wandlung zum weißen Elefanten. So heißen ORF-Menschen, die schon wichtiger waren. Sie haben gute Gagen, wenig Macht und nicht viel zu tun.

Ebenso unfreiwillig, jedoch trennscharf vollzog Nowak seinen Abgang. Er blieb nicht in der Styria, die neben der "Presse" auch die "Kleine Zeitung" sowie einige andere Titel besitzt und nach dem Rundfunk-Öffi Österreichs größtes privates Medienhaus ist - Kopf an Kopf mit der Mediaprint ("Krone", Kurier","profil"). Just dorthin, zum heftigsten Konkurrenten seines früheren Arbeitgebers hat es ihn nun verschlagen. Nach einem fünfmonatigen Probetrab als Kolumnist der "Krone bunt" war die stärkere redaktionelle Anbindung keine Überraschung mehr. Der Aufstieg zum Superressortleiter von Innen- und Außenpolitik sowie Wirtschaft verblüfft jedoch zumindest so sehr wie vor wenigen Wochen die zusätzliche Übernahme der Steiermark durch den geschäftsführenden Chefredakteur Klaus Herrmann. Vermutungen zu seiner Ablöse durch Nowak hat Herausgeber Christoph Dichand im August dementiert.

Unabhängig von der populären Positionsspekulation gehört diese Rückkehr eines der prominentesten Journalisten des Landes in eine Leitungsfunktion zu den spannendsten Entwicklungen der Branche. Nowak war infolge publik geratener Chats mit Thomas Schmid gestürzt. Vom Ex-Generalsekretär im Finanzministerium hatte er sich Hilfe erhofft, um Generaldirektor des ORF zu werden. Für Hüter der reinen Lehre ist er dadurch für weitere journalistische Führungsjobs auf ewig disqualifiziert. Das aber grenzt an ein Berufsverbot. Wie karg das Gras in der freien Wildbahn für Ex-Chefredakteure wächst, hat der 51-Jährige ein Jahr lang erkundet. Der wahre "Naschmarkt" - so der Titel seiner Kolumne - ist reichhaltiger. Denn außer ein paar Artikeln fürs Politikmagazin "Cicero" gab es nicht viel Weiteres.

Die Äcker, die Nowak nun pflügen muss, sind hingegen vollkommen anders als jene, die er aus der "Presse" kennt - seiner abgesehen von ersten Praktika bei "Vorarlberger Nachrichten" und "Tiroler Tageszeitung" einzigen Berufsstation. Er steigt in der Phase des historisch größten Veränderungsdrucks in die "Krone" ein, die wie die meisten Mitbewerber ein schmerzhaftes Sparpaket schnürt. Und er ist für das Blatt mit wochentäglich immerhin noch 1,7 Millionen Papier-/ePaper-Lesern (am Sonntag 2,2 Millionen) und 785.000 Nutzern des digitalen Angebots nicht nur ein Image-Risiko. Denn den großen Horizont (einst ein "Presse"-Slogan) zu können, ist etwas ganz anderes, aber sicher nicht schwieriger, als das größte Kleinstformat der Welt in seinen umstrittensten Aspekten zukunftsfit zu gestalten. Dabei geht es um mehr als die Metamorphose vom Boulevardblatt zum digitalen Familienmedium.

Der Neue ist über den Umweg des Wirtschaftsthemas eingestiegen, doch letztlich entsteht über das Politikressort die Positionierung des Titels. Es hat immer den Kern der Kampagnen gebildet, für welche die "Krone" zu Recht kritisiert wurde. In ihm wird sich entscheiden, ob Nowak sich rehabilitieren kann. Er betritt dabei vielfach ihm zuvor unbekanntes Terrain. Die Schreibe im Massenblatt muss anders bleiben, als es der deklarierte Qualitätsjournalist gewohnt war. In der "Krone bunt" wirkt er dabei noch nicht fortgeschritten genug. Auch die Entscheidungswege im Quasi-Familienbetrieb unterscheiden sich stark von der managementgeführten Styria. Und der Ex-Herausgeber, Ex-Chefredakteur und Ex-Geschäftsführer der "Presse" muss zudem digitale Fitness beweisen. Das ist um einiges mehr, als in Fernsehrunden "bella figura" für eine Marke zu machen - auch wenn es weniger Neider zeitigt.

An Nowaks Erfolg oder Scheitern hängt aber noch viel mehr als die Reparatur seiner Reputation und eine Transformation von Österreichs reichweitenstärkstem privatem Medium. Der gesellschaftliche Auftrag wäre die weitere Heranführung der "Krone" an jene redaktionellen und journalistischen Standards, auf die sich zumindest die anderen hiesigen Kaufzeitungen verständigen. Die gemeinsame Abwehrkraft der heimischen Medienbranche benötigt eine solche Stärkung gegen die globalen digitalen Kolonisatoren jeglicher demokratisch notwendigen nationalen öffentlichen Kommunikation.