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"Die Veränderung wird
sehr rasch vor sich gehen"

Bertrand Pecquerie, Chef des "Global Editors Network", über Journalismus der Zukunft

Digitale Nachrichten © Bild: Istockphoto.com/Danil Melekhin

Roboterjournalismus, datengesteuerte Redaktionen: 2016 kommt der Global Editors Network Summit nach Wien. Bertrand Pecquerie leitet dieses visionäre Medienevent.

Bertrand Pecquerie, Chef des "Global Editors Network"
© Global Editors Network/Xavi Gomez Bertrand Pecquerie, Chef des "Global Editors Network"

Nicht nur eine Story in der Zeitung lesen, sondern selbst Teil der Story sein? "Virtual Reality"- Brillen und Kopfhörer machen es möglich. Man schlüpft zum Beispiel in die Rolle eines Passanten, der erlebt, wie US-Polizisten einen illegalen Einwanderer aus Mexiko schwer misshandeln. Die Computeranimation basiert auf einem realen Fall und allen dazu bekannten Details. Der Ton ist original. Anstelle eines distanzierten Artikels darüber erlebt man die Tat nun hautnah mit. Ist das die Nachrichtensendung der Zukunft oder Science-Fiction? Was eine breite Anwendung betrifft, wohl noch eher Zweites. Ausprobieren konnte man es beim Global Editors Network (GEN) Summit in Barcelona vor einigen Tagen aber bereits. Die Konferenz gilt als eines der wichtigsten Events im Bereich Medieninnovation. Und GEN-Generaldirektor Bertrand Pecquerie lässt keine Zweifel daran aufkommen, worin er die Zukunft der Branche sieht. Schlüsselthema sei die "datengesteuerte Redaktion", meint Pecquerie. Damit ist gemeint, dass Journalisten standardmäßig umfassend Daten rückgemeldet erhalten, welche ihrer Artikel wie bei der Leserschaft ankommen - und ihre Inhalte entsprechend anpassen. Das geht natürlich nur online. Von Printjournalismus ist beim GEN jedoch ohnehin kaum die Rede.

Umso dringender stellt sich die Frage, wie es gelingen soll, Onlinejournalismus zu finanzieren. Selbst der britische "Guardian", den Pecquerie als ein Vorbild bezeichnet, müsse noch beweisen, dass diese Form des Journalismus als Geschäftsmodell funktioniert.

Finanzierung durch Datenservices

Jedenfalls werde man Inhalte traditioneller Artikel nicht zu Geld machen können, glaubt Pecquerie. Sehr wohl wäre dies jedoch bei Datenservices möglich -also der Aufbereitung und Darstellung von Daten, die sich auf das persönliche Lebensumfeld der Menschen beziehen. Man wolle zum Beispiel wissen, welche Schule die beste für die eigenen Kinder ist. Andere Themen, um die herum Medien neue Dienste anbieten könnten, wären etwa Wohnen oder Urlaub, meint Pecquerie, lebensnahe Themen eben. Traditionelle Medien müssten sich diesbezüglich neu erfinden.

Ein weiteres wichtiges Innovationsfeld sieht Pecquerie im Bereich des automatisierten Journalismus. Das bedeutet, dass Computer aktuelle Daten auslesen und damit fertige Textbausteine füllen. Zum Einsatz kommt das in Bereichen, in denen ähnliche Meldungen häufig wiederkehren, etwa in der Sport-oder Wirtschaftsberichterstattung. Ein weiterer Punkt ist das Thema "künstliche Intelligenz". Zum Beispiel können Computerprogramme soziale Netzwerke durchforsten, um Nachrichtentrends zu antizipieren.

Investigativjournalismus der Zukunft

Und was ist dann die Zukunft des Politik- und des Investigativjournalismus? Gerade Investigativjournalismus im größeren Stil werde nur durch dahinterstehende Stiftungen finanzierbar sein, glaubt Pecquerie. Beispiel dafür ist etwa die amerikanische Knight Foundation, die unter anderem auch das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) fördert, dessen Rechercheprojekte weltweit für Furore sorgen. (News ist bei mehreren davon exklusiver Österreich-Partner.)

Pecquerie geht davon aus, dass der Wandel hin zur neuen Medienwelt sehr rasch vor sich gehen wird. Dies sei gerade in Europa eine Generationsfrage, meint der GEN-Chef. Im nächsten Jahr kommt der Global Editors Network Summit übrigens nach Wien, wo das GEN intensiv mit dem Forum Journalismus und Medien Wien unter dessen Geschäftsführerin Daniela Kraus zusammenarbeitet. Die Konferenz findet von 15. bis 17. Juni 2016 in der Aula der Wissenschaften statt. Eines der Ziele ist ein engerer Austausch mit Osteuropa in Sachen Medieninnovationen.

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