Matthias Hartmann über seine Pläne: Neuer
Bundestheaterdirektor im NEWS-Interview

Ab 2009 lenkt er die Geschicke des Traditionshauses

Der Zürcher Schauspielintendant Matthias Hartmann, der als Burgtheaterdirektor ab 2009 bekanntgegeben wurde, legt in einem ausführlichen Interview für die aktuelle NEWS-Ausgabe die Grundzüge seines Konzepts vor. Das autorisierte Gespräch entstand vor einigen Wochen mit dem Vorbehalt, es im Fall von Hartmanns Ernennung zu veröffentlichen.

Hartmann über das Burgtheater: "Das ist ein Respekt einflößender Koloss, dem man sich mit Leib und Seele, mit allen Kräften zur Verfügung stellen muss. Die Frage ist: Wie überträgt man ein solches Erbe in die Moderne und beschützt es gleichzeitig vor der Zersetzung durch Strukturwandel und Modeerscheinungen? Das Haus ist derzeit gut aufgestellt. Das ist ein Ort mit Erotik und Strahlkraft, an dem sich die besten Schauspieler und die besten Regisseure versammeln (...) Dort muss alles stattfinden. Es ist vollkommen falsch, ihm mit Gewalt ein Konzept verpassen zu wollen. Es muss sich sternförmig auf alle Möglichkeiten des theatralischen Erzählens ausbreiten. Es braucht die großen Klassiker, und es muss ein Uraufführungstheater sein, mit Stückaufträgen an die großen österreichischen Dramatiker und mit der Entdeckung neuer. Es darf vor Konventionalität so wenig Angst haben wie vor dem Experiment. Ich ertrage keine Einengung. Ich kann doch nicht eine Arbeit von Robert Lepage ablehnen, weil ich Peter Zadek und Andrea Breth gut finde!"

Hartmann über Claus Peymanns Vorwürfe, das Haus zeige zu wenig politischen Einmischungswillen: " Da trennen uns Welten. Die Zeit hat sich geändert. Diese Generation von Theatermachern meint, das Theater sei eine pädagogische Anstalt, und sie hätten eine Art Lehrauftrag in Richtung eines unmündigen Publikums. Ich kann diese Anmaßung nicht teilen, und die Menschen haben es auch satt. Ich werde ja nicht allwissend, nur, weil ich ein Theater leite! Das Theater ist dafür gegründet worden, herauszufinden, ob dieser Mann Ödipus, der, ohne es zu wissen, seine Mutter heiratet und seinen Vater tötet, daran Schuld hat oder nicht. Es ist ein Ort, an dem gemeinsam Fragen gestellt werden, die uns ewig archaisch bewegen werden."

Hartmann über Peter Handke: Er würde nie eine Aufführung aus politischen Gründen absagen, " obwohl ich Verständnis dafür aufbringen kann, dass man sich durch seine Äußerungen beleidigt fühlt und einem Dichter, der einen Kriegsverbrecher unterstützt, kein Forum geben möchte. Aber er ist der österreichische Nationaldichter, gehört ans Burgtheater und verdient jederzeit den Nobelpreis. Ich persönlich finde trotzige Reaktionen wie die seinen außerordentlich sympathisch und würde ihn gern einmal kennenlernen. Mich interessiert, weshalb ein Mensch von solch hoher Vernunft augenscheinlich eine Position vertritt, die sich gesellschaftlich schwer kommunizieren lässt."

Hartmann über das Berufsbild des Intendanten: "Ein Katalysator, der aus einem alchimistischen Gebräu explosive Mischungen erzeugt. Er muss das Theater lieben, das ist das Wichtigste. Das Ethos muss über all seinem Wirken und Handeln stehen. Und er muss in seinen Entscheidungen gerecht und zuverlässig sein."

Hartmann über Andrea Breth, die selbst an der Direktion Interesse zeigte: "Ich habe von ihr großartige Inszenierungen gesehen, wir haben einander kennen gelernt und gut verstanden. Wer ihr nicht alle Möglichkeiten und alle Konstellationen gibt, am Burgtheater zu arbeiten, ist ein Armleuchter."

Hartmann über Schlingensief: "Bei ihm übertrifft das spekulative Element bisweilen das künstlerische, und für mich geht es einzig darum, was sich auf der Bühne ereignet. Aber seine Qualifikation als Medienclown ist beispiellos."

Hartmann über Forderungen des Burgtheaters nach Subventionserhöhung: " In Bochum und Zürich habe ich das nicht gebraucht. Ich konnte meine Einnahmen behalten, die Einnahmen waren entsprechend hoch, und es war immer mein Ehrgeiz, mit den Mitteln auszukommen. Ein Theater tut sich keinen Gefallen, wenn es ständig in der Öffentlichkeit wehklagt. Die Menschen haben diese larmoyante Haltung satt. In der Öffentlichkeit sollte das Bild entstehen, dass das Theater ein gesunder, optimistischer, produktiver Betrieb ist. Außerdem ist das Burgtheater doch ein gut dotiertes Haus, soweit man es von außen sehen kann!"

Hartmann über seinen Ruf als Theater-Yuppie: "Ich kenne den Vorwurf und würde mir manchmal wünschen, dass die Dinge für mich problematischer wären, damit mir das nicht so oft nachgesagt wird. Ich habe auch mehrfach erwogen, mit meinen Depressionen hausieren zu gehen, um dem Feuilleton zu genügen, diesen Gedanken aber wieder verworfen. Aber im Ernst: Wer mich einen Yuppie nennt, soll sich vergegenwärtigen, wie ich mich durch die Provinz gefressen habe. Ich war vier Jahre lang Regieassistent, das ist bei mir keiner. Ich habe in Kiel, Krefeld und Wiesbaden meine Inszenierungen gemacht. Ich hatte Zeiten der Arbeitslosigkeit. Ich habe mich sogar bei Dieter Haspel im Ensembletheater am Petersplatz in Wien als Regieassistent beworben und wurde nicht genommen."

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