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Der Mob in mir

Wie ganz normale, brave Bürger zur gewalttätigen Masse werden

Fakten - Der Mob in mir © Bild: www.peopleimages.com/istock

In der Gruppe sind wir weniger wir selbst. Rockkonzerte oder Stadionbesuche leben vom befreienden Gefühl, loslassen zu können, von der Selbstenthemmung und davon, sich als Teil einer Masse zu fühlen. Das Gehirn einmal auf Pausemodus zu stellen, das bringt Entspannung. Doch so harmlos das meistens ist, so gefährlich kann es werden. Wenn etwa in Clausnitz im deutschen Bundesland Sachsen ein Bus mit Flüchtlingen belagert und bedroht wird, ist das auch ein Massenphänomen. Die Gruppe wird plötzlich zum Mob -und nachher kann sich keiner vorstellen, dass es sich hier um bis dahin brave Bürger gehandelt hat.

Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich sagt: "Das sind keine Menschen, das sind Verbrecher." Ist es so einfach? Teil eines hasserfüllten Mobs zu werden, könnte das jedem von uns passieren? Und mir? Würde auch ich untätig zuschauen, wenn Frauen und Kinder schikaniert werden? Oder würde ich sogar mitgrölen? Schwer vorstellbar.

In Österreich brennen keine Asylheime. Aber auch hierzulande wird die Stimmung bedrohlicher. Laut der Europäischen Wertestudie ist in keinem EU-Staat die Fremdenfeindlichkeit in den letzten Jahren stärker gestiegen als in Österreich. Die Polizei führt keine Statistiken, die Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund erfassen, deshalb machte der grüne Nationalratsabgeordnete Albert Steinhauser eine Aufstellung und zählte 16 Attacken auf Unterkünfte für Asylwerber im vergangenen Jahr. Ähnliche Situationen wie in Sachsen sind also in Österreich nicht gänzlich auszuschließen.

Was genau ist ein Mob?

Ein Mob ist eine Masse aus dem Volk, die sich zusammenrottet. Historisch war damit noch jede Zusammenrottung des Volkes gemeint, heute hat das Wort eine rein negative Bedeutung. Die Untersuchung des Phänomens ist nicht neu. Laut dem Soziologen und News-Kolumnisten Harald Katzmair beschäftigte sich schon die Psychologie des 19. Jahrhunderts damit. Nach dem Holocaust war es ein großes Thema -jetzt ist es wieder da. "Die eigene Angst wird auf die anderen projiziert. In diesem Fall auf diese armen Frauen und Kinder, die in diesem Bus sitzen und umzingelt werden. Sie entdecken in diesen weinenden Menschen das Symbol ihrer eigenen Angst, und in der Gruppe erlangen sie dann ein Machtgefühl über ihre Ängste", sagt Katzmair. Es sei natürlich absurd, sich von weinenden Kindern bedroht zu fühlen. Trotzdem ist es für diese Menschen so. "Solche Mobs sind eine Mischung aus fragiler eigener Identität, Schutzsuche in der Gruppe, Projektion der Ängste plus Enthemmung in der Masse."

»Angst half dem Menschen überleben«

Diese Angst hat eine evolutionäre Funktion, sagt der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal. "Unser Angstsystem soll uns helfen, Situationen zu vermeiden, die für das Weiterleben nicht unbedingt günstig sind." Der Mensch sei nicht nur gut, was gute Gründe habe. "Evolutionär sind wir Jekyll und Hyde, sowohl gut als auch böse. Beides ist evolutionär notwendig", sagt der Biologe. Eine gewisse Skepsis gegenüber Fremden sei für unsere Urahnen überlebenswichtig gewesen, nur so konnten sie sich und ihre Familie schützen. Unsere Gehirne unterscheiden stark zwischen Mitgliedern der eigenen Gruppe und jenen anderer. Sogar unsere tierischen Vorfahren vermieden den Kontakt zu anderen Arten. Dieses evolutionäre Erbe holt uns immer wieder ein.

Das kann sich sehr negativ auswirken. "Angst und Stress sind die einfachsten Möglichkeiten, den Menschen das Denken abzugewöhnen", sagt Kotrschal. Sie reagieren dann sehr vorhersehbar und packen ihr hässliches Gesicht aus. Eva Jonas, Psychologin an der Universität Salzburg, beschäftigt sich damit, wie Menschen mit Bedrohungen, beispielsweise mit Terroranschlägen, umgehen. Im Zuge von Studien zeigte sich, dass Menschen darauf gerne mit Fremdenfeindlichkeit reagieren. "Bei Bedrohungen bekräftigen wir unsere kulturelle Identität, weil das ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle vermittelt", sagt Jonas. Außerdem sei sie beständig. Heimat, Identität, das bleibt, auch wenn alles andere zerbröselt, besser gesagt: Es muss bleiben.

»Angst und Stress sind die beste Möglichkeit, den Menschen das Denken abzugewöhnen«

Bei existenziellen Bedrohungen geht das jedoch Hand in Hand mit der Abwertung anderer Kulturen. Die Menschen empfinden eine undefinierte Angst, die sie selbst eher Wut nennen würden, und nehmen das als so unangenehm wahr, dass sie versuchen, sich mithilfe dieser Auf-und Abwertung davon zu befreien. "Aus der Angst herauszukommen ist die psychologische Funktion der Fremdenfeindlichkeit", analysiert Jonas. Das sei aber keineswegs ein unumgängliches Schicksal, denn auf solche Bewältigungsstrategien greifen vor allem jene zurück, die selbst unsicher sind. Andere Menschen kommen von selbst wieder aus solchen Situationen heraus und brauchen dafür nicht andere Kulturen abzuwerten.

Jeder kann Teil des Mobs werden

In der Gruppe verstärken sich solche Muster. Verhaltensbiologe Kotrschal sagt: "Wir Menschen sind so soziale Wesen, wir lassen uns von Stimmungen unglaublich leicht anstecken." Einer fängt an, dann kommt der Nächste, dann machen plötzlich alle mit. Kotrschal meint, niemand von uns sei immun gegen Massenhysterie. Das sieht auch Harald Katzmair so. "Jeder, wir alle sind anfällig, Teil eines Mobs zu werden. Es wäre extrem hochnäsig, das zu leugnen. Aber besonders anfällig ist man, wenn man nicht mehr in der Lage ist, mit den Mitteln, die einem zur Verfügung stehen, die eigene Angst zu bewältigen."

Das heißt aber alles noch lange nicht, dass wir Sklaven unserer Urinstinkte sind und nichts dafür können, wenn wir uns schuldig machen. "Alle unsere evolutionären Anlagen sind unglaublich gestaltbar", sagt Kotrschal. Er sieht Bildung als Schlüssel dazu, mit unseren Urängsten besser umzugehen. Dadurch würde man eine realistischere Sicht auf die Welt bekommen, die einen von der Angst befreit. Für Psychologin Eva Jonas hat die Politik eine wichtige Aufgabe: "In Bedrohungssituationen richten sich viele Menschen stark nach den Normen der Gruppe. Die Politik kann das gestalten, indem sie Normen fördert oder befeuert. Beispielsweise, indem sie entweder ein Gefühl von kollektiver Handlungsunfähigkeit vermittelt oder sich um nachhaltige Problemlösung bemüht."

Denn gegen den Mob hilft am Ende nur mehr die Polizei. Doch bis es überhaupt so weit kommt, muss gesellschaftlich schon viel schiefgelaufen sein.

Kommentare

kann ich nachvollziehen. Der Ärger über Politiker, die ihren Rahmen jahrelang überziehen, die das Volk bestehlen und dann noch für nichts verantwortlich sind, machen mächtigen Ärger. Als Einzelner wird man noch für seinen Ärger verfolgt und für Verrückt erklärt, in der Masse ist man anonym. Der Basballschläger schwingende Wutbürger wird vom Establishment einfach für "verrückt" erklärt.

higgs70
higgs70 melden

Ja das stimmt, dass man aus einer anlaßbezogenen Hysterie keine Rückschlüsse auf das Normverhalten der Betreffenden ziehen kann. Aber nicht immer gehts um Angst. Ich habe z.B. noch die Wortmeldungen und Bilder im Kopf als 1972 ein alter Mann (Brundage) auf die Trennung von Sport und Geschäft bestand - da ging es nicht um religiöse Symbole, nicht um Angst vor Fremdem, da ging es ums Schifahren. Und das Kulturvolk der Österreicher ging auf die Straße und wollte einem Greis in die Goschn hauen - und der Wahn war flächendeckend.
Also wurst worums geht, wenn man die kritische Masse an Eseln zusammenbekommt, die ihre Persönlichkeit der Gruppe unterordnen, dann werden Asylwerberheime angezündet oder Ortstafeln rausgerissen oder wildfremde Menschen attackiert, ua. Denn wozu man als Individuum zu feig wäre oder Skrupel hätte, geht in der Masse leicht und lustvoll. It´s the same old tune again and again and again.

parteilos melden

In Wien an der Tagesordnung, da sieht man die Demos der linkslinken Gruppen, angeführt von ein paar Farbfeldern, dessen Autofarbe man als normaler Mensch nicht mal kaufen würde. Sie ziehts schon wieder in die Randgruppenpolitik, anscheinend gehören sie dieser an.... Pfffff

higgs70
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Hab ich's an irgendeiner Gruppe festgemacht? Wovon beim Teutates fantasierst du, mein Sohn??

Schnadahuepfl melden

Lass ihn, higgs70, der loser kann doch nur seine eingetrichterten Stereotype aufsagen und Leute in Schubladen stecken.

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