Wien von

Bahö um die Mahü

Mariahilfer Straße: Von stadtplanerischen Schnapsideen und lebensgefährlichen Fuzos

Mariahilfer Straße neu © Bild: APA/Hochmuth

Stadtplanerische Schnapsideen sind gerade en vogue. Eine ist in Wien Mitte in den Himmel gewachsen. Der ehemalige Schandfleck ist einem glänzenden Gebäudekomplex gewichen und heißt jetzt "The mall". Flankiert wird das Shoppingparadies im dritten Hieb von einer Pseudo-Wolkenkratzer-Skyline, New York für Arme. Davor breitet sich eine Beton-Wüste Gobi aus, bei deren Querung einen spätestens mittig Depressionen anspringen. Es mag daran liegen, dass das dezente Grau nicht einmal durch Grün in Grashalmgröße gestört wird. Auf die Idee, dass dort eine ganze Baumallee Platz gefunden hätte, kam niemand.

Die Grünen in der Stadtregierung müssen anderswo ihre Bremsspuren hinterlassen. Z.B. in der Mariahilfer Straße neu, die sie euphemistisch Fussgängerzone nennen. Eine Oase der Ruhe und des Friedens mitten im Großstadtdschungel wurde in Aussicht gestellt. Weniger Lärm, Chaos, Abgase, ein Paradies für Kind und Kegel.

Als Radrennstrecke getarntes Fiasko

Beim Lokalaugenschein hätten wir uns besser in eine Ganzkörper-Burka gehüllt. Am besten aus Beton. Die Mahü: ein als Radrennstrecke getarntes Fiasko mit Busanbindung. Und so ein Slalom gegen einen Bus und gefühlte 500 völlig entfesselte Radler ist für Normalsterbliche schnell verloren. Die gleichfalls zufahren dürfenden Taxis können sie notfalls wenigstens schnell ins Spital bringen. Oder gleich ins Leichenschauhaus. Fußgänger, die sich auf den Gehweg retten können, ersparen sich bei dem Spektakel den "Tatort" in der Glotze. Immerhin.

Die Verantwortliche Maria Vassilakou rudert jetzt zurück. Sie gibt Fehleinschätzungen zu. Die späte (Selbst)Erkenntnis ist löblich, wäre aber gänzlich unnötig gewesen, hätte sie vorher mich oder meine Kinder konsultiert. Vermutlich hätte es ihr auch der nächstbeste Hydrant auf Anfrage mitgeteilt. Wer braucht Städteplaner, um zu erahnen, dass Fuzos exklusiv per pedes zu erschließen sind? Zumal wir mit der Kärntner Straße bereits über ein jederzeit zu besichtigendes Beispiel verfügen.

Schildbürgerstreich der Vizebürgermeisterin

Nun kommen also die nötigen Verschlimm-Besserungen des Straßenbelag gewordenen Paradoxons. Vassilakou tut, was jedes Kindergartenkind getan hätte, BEVOR es eine rote Busspur irgendwohin malt: den Bus umleiten. Ob die Radrennstrecke folgt? Man weiß es nicht. Riskiert man doch den Missmut der eigenen Klientel. Wählerstimmen wird der verpatzte Start der Mahü für die Grünen wohl kaum generieren, um es höflich auszudrücken. Weniger Feinfühlige könnten monieren, der Schildbürgerstreich der Vizebürgermeisterin koste um 1,1. Million Euro zu viel.

Dabei hätte ein Erfolg des Projekts eine echte Chance für die Stadt bedeutet, attraktiven Lebensraum für unsere Kinder zu gewinnen. Jedenfalls wenn man den Grünen jetzt noch glaubt, dass das Projekt Vorbild für viele weitere in der Stadt sein sollte. Dass auch andere Bezirke ihre Fuzos und Begegungszonen bekämen. Mehr Mut solle für Bürgerinitiativen geweckt werden, hieß es.

Widersprüchliche Grundhaltung

Nadja Sarwat
© NEWS Nadja Sarwat

Tatsächlich fände ich eine Fuzo vor der Haustür sehr charmant. Zumindest eine Verkehrsberuhigung unserer Straße, an der immerhin eine Schule liegt, sinnvoll. Derartige Bürgerinitiativen in den Schulstraßen im Grätzl rundum wurden bisher immer beinhart abgeschmettert. Offizielle Begründung: Wo Öffis fahren, ist eine Temporeduktion nicht möglich. Na ja, man lernt nie aus. Tempo 30 innerhalb des Gürtels? Davon kann man als Mutter unter Benzinbrüdern nur träumen. Autofreie Innenstadt? Gott bewahre!

Also, liebe Frau Vassilakou, wenn Sie die Mahü repariert haben, schwingen Sie sich doch mal auf Ihren Drahtesel und schauen in meiner Hood vorbei. Wir hätten auch Fuzo-Bedarf. Dann aber bitte gleich richtig. Und Herr, lass bitte Hirn regnen über der Stadt!

Kommentare

Erstens sind wir in Wien ja nicht deppert! Zumindest gscheiter als die Vizebürgermeisterin, das geht sich locker aus!
Und Verantwortung kennt man in der österreichischen Politik keine, Oben ist oben zahlen tuns die Anderen und wenn das Budget erschöpft ist können wir immer noch die schlechteste als Expertenplan B präsentieren.
Wir Wiener schlucken alles und wählen aus Tradition.

Nun, allzuviel Hirn dürfte auch nicht auf die News-Redaktion herabgeregnet sein, denn die Idee, bei Wien Mitte gleich eine ganze Baumallee zu fordern, deutet klar auf diesen Umstand hin. Berechtigterweise ist sonst wahrlich noch niemand auf diese - sagen wir einmal - ausgefallene Idee gekommen.

Die Redaktörin möge mir doch einmal erklären, wie sie auf einer Brücke - und um eine solche handelt es sich unzweifelhaft bei der Fläche (wohl auch so etwas wie eine Begegnungszone) zwischen den Einkaufszentren mit angeschlossenem Bahnhof - unter der sowohl Schnell- als auch U-Bahn verkehren, doch eine Baumpflanzung bewerkstelligen möchte?

Auf dem restlichen Abschnitt der Landstraßer Hauptstraße bis zum Wienfluss hin, stehen bereits seit geraumer Zeit jede Menge Bäume, die sich bei nicht einmal so gutem Willen als Allee erkennen lassen könnten!

Andreas Gloistein

@ Anton Prager: Dem schließe ich mich vollumfänglich an!

Anton Prager

Das ganze Projekt ist dilettantisch geplant, dilettantisch umgesetzt und für Menschen mit Beeinträchtigung (Rollstuhlfahrer, Blinde, ältere Mitbürger mit Gehbehinderung) lebensgefährlich.

Andreas Gloistein

@ Peter Eich: Das Beispiel mit der Karlsruher Fußgängerzone ist herrlich deplatziert! Denn die Busspur dort sind Schienen für die Straßenbahn, die Fußgänger bewegen sich fast ausschließlich auf den breiten Gehsteigen und Radfahren ist nur nach Geschäftsschluss erlaubt. Was wir in Wien haben, ist nichts anderes als eine geplante Unfallhäufung.

Peter Eich

Ein Blick über den osteuropäischen Tellerrand hätte der Autorin gut getan. Zum Beispiel nach Karlsruhe. Aber um Fakten scheint es hier eh nicht zu gehen.

Andy Heisenberg

Werte Kollegin, dieser Artikel ist für mich Pullitzerpreis-"Verdächtig".
Als ehemaliger (5 Jahre) News Mitarbeiter bin jetzt doppelt stolz sagen zu können ich war auch mal bei News.
Keep on Goin'
Andy

Wolfgang Kaltenbrunner
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Warum schenkt Ihr der Vasil und ihren Grünen nicht Eure alten Fahrräder und dann ab nach Griechenland, dort gibts genug zu tun

Andy Heisenberg
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diese hetzerische Formulierung bringt niemand etwas, das ist FPÖ-Niveau...haben wir Wiener nicht nötig....obendrein wenn es wortgewaltige Journalistinnen wie Frau Sarwat gibt

Urlauber2620
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Und was hat man erwartet von der Vasil? Aber ihr Wiener habt ja die Regierenden selbst gewählt,also jetzt kein Gejammere sondern bei der Wahl daran denken.

mfp7764 melden

Also die grüne vasilaklo hat keiner gewählt die hat sich der alkofix genommen-gelle

Christian Weissinger
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Ich habe schon male eine Bürgerinitiative gegründet und bekommt immer mehr Zuspruch.
Bitte an alle die nicht mit der neuen MariHü einverstanden sind.
https://www.facebook.com/umbaumariahilf

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Dank der Baustellen in angrenzenden Strassen steht derzeit in der Linzerstraße stadteinwärts der Verkehr. Wenn sowieso die Autos nicht fahren können könnte man doch gleich offiziell eine Fußgängerzone machen. Da hätten dann die Anreiner auch was davon. Und die grindigen Freier, die immer noch nach Sexarbeiterinnen suchen wären dann endlich weg. Diese Erlösung hätten sich d. Penzinger verdient.

Bruno Moebius
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Zu "The Mall" etc.:
Man konnte auf dieser "Brücke" monströse Bauwerke errichten. Was spricht gegen Grünpflanzen in Töpfen, und seien es auch z.B. Palmen oder sonstwas?
Im Artikel lese ich von "attraktivem Lebensraum für unsere Kinder"...
Käme jemand ernsthaft auf die Idee, DIE Einkaufsmeile in unserer Stadt als "Lebensraum für Kinder" adaptieren zu wollen? Da gäbe es wahrlich bessere Gegenden.

Bruno Moebius
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Das ändert nichts daran, dass durch die getroffenen Maßnahmen auch für die Konsumpsychopathen nichts verbessert, sondern nur verändert wurde. Die Leidtragenden sind unter Umständen (da fehlt mir der Einblick) die Anrainer und die in der Gegend arbeitenden Menschen.
Bei solch tiefen Eingriffen in Lebensräume muss länger und besser geplant werden - unter intensiver Einbeziehung der Betroffenen.

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