Marco Pogo: Der Mann
hinter der Bierpartei

Das ist Dr. Marco Pogo, Parteichef der Bierpartei und Sänger der Punkband Turbobier. Mit seiner Forderung nach Bierbrunnen für alle Bezirke errang er 1,8 Prozent der Wiener Wählerstimmen. News traf den Mann hinter der Kunstfigur: Dominik Wlazny, der den Doktortitel völlig zu Recht trägt.

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Marco Pogo © Bild: Ricardo Herrgott/News

Der Mann, der am Wahlsonntag wiederholt versprach, seine Schwankungsbreite werde sich im Laufe des Abends noch erhöhen, ist überpünktlich. Im Wahlkampf wünschte er sich für jeden Bezirk einen Bierbrunnen. Das "bedingungslose Grundfassl für alle" sowieso. Mit dem regelkonformen Mund-Nasen-Schutz, passend zur Lederjacke in Schwarz, hat er trotzdem kein Problem. Als er ihn abnimmt, erzählt sein Teint von frischer Luft und Fitness statt promillereichen Nächten in rauchverhangenen Rockkellern. Bier habe er auch noch keines getrunken, lacht er etwas später im Gespräch, als es im Fotostudio im zweiten Bezirk gegen Mittag geht.

Den Klischees sei damit für die nächsten Zeilen genüge getan. In seiner Rolle als Dr. Marco Pogo bedient er sich ihrer zwar mit Hingabe. Der Mann hinter der Kunstfigur, Dominik Wlazny, betrachtet sie bestenfalls als gedankliche Käfige, die es zu sprengen gilt. Er ist Punkrock-Sänger, der vegan lebt und den letzten Marathon in unter vier Stunden gelaufen ist. Also warum nicht auch Poliktiker werden?

Mit provokant-albernen Wahlkampfsprüchen wie "Wo ein Wille, da Promille" holte seine Bierpartei bei der Gemeinderatswahl in Wien 1,8 Prozent der Wählerstimmen. Bei der Nationalratswahl 2019 waren es in Wien 0,6 Prozent gewesen. Dieses Jahr hievten die Wähler die Partei, die postulierte Österreich "zukunftsfett" statt "zukunftsfit" zu machen, mit je einem Mandat in die Bezirksvertretung in elf Wiener Bezirken.

Marco Pogo
© Ricardo Herrgott/News KEIN RESPEKT, ALLES WAGEN. So lässt sich die Lebenseinstellung kurzfassen, die Dominik Wlazny und seine Kunstfigur Marco Pogo teilen

Kein Scherz. Ein Auftrag!

Ein Grund zum Freudentaumel? Oder der Punkt, an dem die oft als Satirepartei bezeichnete Sechs-Mann-Truppe einen Scherz gesteht und aufgibt? "Auf keinen Fall. Die Wähler wollten es so, und natürlich nehme ich mein Mandat in meiner Heimat in Simmering an", sagt Wlazny, dessen bürgerliche Name auch auf den Wahlzetteln zu finden war, das Gesetz wollte es so. Bekannter ist er freilich als Kunstfigur und Sänger der Band Turbobier, Marco Pogo. In grundlegenden Ansichten sind sich Kunstfigur und Schöpfer aber ohnehin einig. "Ich bin ja nicht Gernot Blümel, der gewählt wird und seine Mandate nicht annimmt. Die Leute, die mich gewählt haben, sollen wissen: Der macht etwas draus", sagt der 33-Jährige. Wer die anderen Mandate erfüllt und ob der ehemalige Neos-Nationalratsabgeordnete Niko Alm eines annehmen wird, wird sich in den nächsten Wochen finden. Bewerbungen hat der Überraschungssieger der Wien-Wahl schon reichlich erhalten. Über 300 Mails haben ihm Freiwillige in den ersten 48 Stunden nach der Wahl diesbezüglich schon geschickt.

Ob das am Gratisfahrschein für die öffentlichen Verkehrsmittel oder den 425 Euro Aufwandsentschädigung liegt, die ein Bezirksrat erhält, kann der Parteiobmann nur mutmaßen. Die Details der Amtsausübung zählen zu den Recherchen, die vor ihm liegen. "Ich weiß nicht, wie viel Macht ein Bezirksrat hat oder wie zeitintensiv seine Aufgaben sind", gibt er zu. Es ist zwar fünf Jahre her, seit Wlazny die Bierpartei gründete. Die Notwendigkeit, tiefer ins Thema einzutauchen, bestand bislang jedoch nicht.

Marco Pogo
© APA/HERBERT P. OCZERET DIE BAND TURBOBIER: Mastermind Marco Pogo spielt mit wechselnden Musikern

Ein Traum, ein Lied, eine Partei

Am Anfang war "Die Bierpartei", ein Lied, das Wlazny für seine Punkband Turbobier schrieb. Das Lied brauchte ein Video. Das Video brauchte ein Wahlplakat. Und wenn es schon ein Wahlplakat gibt, kann man ja auch gleich eine Partei dazu gründen. So erzählt Wlazny, wie aus einem Lied mit dem Motto "Wenn ich mal Politiker wäre " elf Wiener Bezirksräte wurden. "Man muss Dinge einfach machen. Das kann doch nicht so schwer sein, eine Partei anzumelden, habe ich gedacht", beschreibt er seine Lebenseinstellung. "Vielen fehlt dazu der Mut, aber das Goscherte und die Scheiß-drauf-Attitüde habe ich halt immer schon in mir gehabt", umreißt er unprätentiös. Er muss diese Feststellung nicht betonen. Es klingt mehr, als wundere er sich ein bisschen über die Erkenntnis.

"Ich freue mich, wenn sich jemand empört", sagt er. Es ist auch sein Gespür fürs Anecken, das ihm in der Figur des Marco Pogo mit seiner Band Turbobier zur überaus erfolgreichen Musikkarriere verhalf. So prangte Wiens Altbürgermeister Michael Häupl, mit Irokesen-Frisur und Stinkefinger zum Punk umgedeutet, auf dem Cover des Debütalbums "Irokesentango" (2015).

Die Botschaft des Ur-Simmeringers Wlazny, der mit Häupl und Wiens Verehrung für seinen Bürgermeister aufwuchs, war klar: Wer sich das traut, wagt noch viel mehr. Turbobier machten aus "Atemlos durch die Nacht" von Helene Fischer "Arbeitslos durch den Tag" und holten mit ihrem ersten Album einen Amadeus Music Award. Zum zweiten Album "Das Neue Festament"(2017) gründete Wlazny neben eigenem Plattenlabel "Pogos Empire" auch die "Bieristische Glaubensgemeinschaft" mit passenden zehn Geboten. Er ging auf Japan-und China-Tournee, erfand ein Brettspiel namens "Reparaturseidl" und natürlich sein eigenes "Turbobier", das aus dem Wahlkampf nicht wegzudenken war.

Vom Krankenhaus auf die Bühne

Keineswegs der Provokation dient der Doktortitel von Pogo, denn der ist echt. Wlazny war 25 Jahre alt, als er das Medizinstudium erledigt hatte. Er war zwei Jahre lang Turnusarzt, bevor er sich für die Musik entschied. Abendliche Bandproben und Nachtdienste waren kaum vereinbar. Als "wunderbare, lehrreiche Zeit" beschreibt er seine Vergangenheit als Arzt. Er weiß aus seiner Arztvergangenheit, wovon er spricht, wenn es um Alkoholismus geht, und winkt ab, wenn ihm Alkoholverherrlichung vorgeworfen wird. "Ich bin nicht der Einzige, der mit Freibier arbeitet. Bei mir ist es wenigstens mein Eigenes und geht nicht auf Kosten der Steuerzahler. Alkoholismus ist ein schlimmes Problem, und es gibt Menschen, die Hilfe brauchen." Deshalb rief er einst auch als Antwort auf die "Ice Bucket Challenge" zur "Bier Bucket Challenge" auf und spendete alle Einnahmen an das Anton-Proksch-Institut.

Als Macher sieht sich der nunmehrige Chef der Bierpartei, und seine Erfolge bestätigen ihn. Bis vor Kurzem lebte er vom Turbobier-Unternehmen samt allen Nebensparten. Nun wird man sehen, was die politische Laufbahn bringt und wie sie sich mit der Band vereinbaren lässt. Zu Ende gedacht ist nichts. "Wenn ich etwas anfange, dann stell ich das auf die Beine, und dann wird der Zug schneller und schneller", erklärt Wlazny seine Art, Dinge anzugehen. Die Familie - der Vater Unternehmer, die Mutter ärztliche Assistentin - unterstützt den Sohn, ebenso Freunde. "Meine Mama schupft den Turbobier-Shop, sonst ging's nicht. Es wächst im Moment alles sehr schnell."

Aus dem Nichts etwas schaffen

Rasanz bestimmt das Leben des Neo-Politikers, seit die Satirepartei Ernst macht. Diese Bezeichnung sei eine Verunglimpfung, meint Wlazny: "Ich habe uns nie so bezeichnet." Laut Satzung versteht sich die Partei zwar als "bierokratische Bewegung", trotzdem sei immer klar gewesen, dass sie mehr als ein Witz ist. "Wenn jemand das als Spaß abtut, hat er sich nicht mit meinen Statements, meinen Postings, meinen Songs auseinandergesetzt", sagt er. "Das wäre, wie Deix als Comiczeichner abzutun. Humor ist mein Werkzeug. Die FPÖ arbeitet mit Angst. Wenn wir die Spaßpartei sind, ist die FPÖ die Angstpartei."

Als Grundpfeiler der Visionen seiner Partei nennt er Kreativität, Weltoffenheit und Menschlichkeit. Von Mandataren erwartet er, dass sie vor allem daran glauben, am politischen Prozess aktiv teilhaben zu können. "Meine Vision ist, dass man aus dem Nichts etwas schaffen kann", so Wlazny, der vor der Politikkarriere keiner Partei nahestand. Auch heute könne er sich mit allen Parteien unterhalten, die "menschliche Grundsätze teilen und gegen Ausgrenzung" seien, sagt er. "Das würde im Moment die ÖVP ausschließen, aber ich hoffe, dass das nur ein Wahlrülpser war und der Hausverstand einer christlichdemokratischen Partei zurückkommt."

Die Diskussion über die Aufnahme von Flüchtlingskindern entsetze ihn, gibt er zu. "Es bilden sich zunehmend Meinungslager, die sich aufschaukeln. Das ist schlimm. Es muss Schluss mit dieser Symbolpolitik sein, und vor allem Politiker müssen an der Abrüstung ihrer Worte arbeiten." Dass Asylpolitik ein komplexes Thema sei, ist klar, so Wlazny. "Aber in so einem wohlhabenden Land sind solche Diskussionen armselig." Soziale Gerechtigkeit ist generell ein Thema, das ihm naheliegt. Gleiche Bildungschancen für alle gehören dazu. "Natürlich habe ich Schwein gehabt. Aber es kann nicht sein, dass noch immer vor allem Akademikerkinder studieren gehen."

Der Bierparteichef setzt auf klare Worte und Ehrlichkeit und hat keine Angst vor Schwächen. "Wenn ich in einem Thema nicht sattelfest bin, kann ich offen sagen: Das weiß ich nicht. Diese Offenheit vermissen viele, glaube ich. Da sitzt ein Minister oder eine Ministerin in der 'ZIB 2', laviert sich durch wie ein Aal, und am Ende bleibt jede konkret gestellte Frage unbeantwortet. Warum kann kaum ein Politiker sagen: 'Das weiß ich nicht. Entschuldigung, das war ein Fehler.'?" Er selbst würde auch Experten bemühen, um fundierte Meinungen zu Themen zu bekommen: "Dann frage ich jemanden mit profundem Wissen. Warum auch nicht?"

Geradlinigkeit, wie sie auch Michael Häupl pflegte, habe ihm schon immer getaugt, sagt der Simmeringer Neo-Bezirksrat. Den Irokesen-Häupl trägt er als Tattoo auf dem Oberschenkel. Es erinnert ihn an sein Debüt mit der Punkband.

Man wünscht dem Visionär, dass keine politische Erfahrung diese Erinnerung je trübt.

Der Beitrag ist ursprünglich in der Printausgabe von News (42/2020) erschienen!