Sotschi von

So quält sich Marcel Hirscher
vor Olympia

Das große Interview aus der Fitness-Folterkammer

Marcel Hirscher © Bild: GEPA

Jedem Pistentraining folgt eine Einheit mit der harmlosen Bezeichnung: "Ausgleichstraining“. Dann balanciert Marcel Hirscher im Fitnessraum eines Hotels eine Stunde auf Bällen und rollt seinen Körper über Schaumgummi-Zylinder. "Sieht locker aus, ist es aber nicht“, sagt er. Schwere Hanteln stemmen, wie er es im Sommer tut, ist vielleicht optisch spektakulärer - an Härte gemessen aber ganz ähnlich.

Diese Art des Trainings ist Hirschers Patentrezept, um den Winter verletzungsfrei zu überstehen. Zumal ihm die Saison physisch und psychisch alles abverlangt: Eben erst hat der Salzburger die Führung im Gesamtweltcup übernommen, auch in der Slalom- und der Riesentorlaufwertung liegt er voran. Bei den Olympischen Winterspielen vom 7. bis 23. Februar 2014 in der russischen Stadt Sotschi lastet mehr Erfolgsdruck auf seinen Schultern als bei jedem anderen heimischen Sportler.

Er selbst will sein persönliches Glück nicht von Platz eins abhängig machen, sagt er im großen NEWS-Interview - unmittelbar nach der Trainingseinheit.

NEWS: Hat Ihnen diese Schufterei sogar Spaß gemacht, obwohl es nicht so aussah?
Hirscher: Training ist primär Spaß, aber es gibt Dinge, die nicht witzig sind. Die gehören eben dazu, wenn ich besser werden will. Dann heißt es auch an Tagen, wo man weniger Lust verspürt, reinzubeißen. Eines ist gewiss: Nach dem Training fühle ich mich extrem wohl. Mein Körper will eben gefordert werden. Im Großen und Ganzen sieht mein Rezept so aus: Im Sommer am Muskelaufbau und der Kondition arbeiten - da sind die Umfänge höher. Während der Saison konzentriere ich mich auf den Ausgleich. Das bedeutet: Zusätzlich zum Pisten-Training oder zum Rennen belaste ich gezielt jene Muskeln, die beim Skifahren nicht so stark beansprucht werden.

NEWS: In drei Wochen beginnen die Olympischen Spiele. Was würde sich in Ihrem Leben ändern, wenn Sie Gold gewinnen?
Hirscher: Ich hätte ein Metallstückerl mit bisserl Gold drüber zu Hause. Aber ich würde im Endeffekt das gleiche Leben haben.

NEWS: Bedeutet Olympia-Gold nicht sehr viel mehr?
Hirscher: Es gibt drei Dinge, die für mich sportlich gesehen großen Wert haben: eine Kugel gewinnen, egal ob groß oder klein, eine WM- und eine Olympiamedaille. WM-Medaille und Kugeln habe ich schon. Wenn ich in Sotschi Gold gewinne, kann ich mir danach auf die Schulter klopfen - aber sicher nicht mein Leben lang. Um ein glückliches Leben zu haben, gehören noch andere Sachen dazu, als schnell Ski zu fahren. Da würde ich mir wünschen, dass ich körperlich und geistig lange fit bleibe, damit ich ewig lange all das machen kann, was mir Spaß macht.

NEWS: Macht Erfolg nicht auch glücklich?
Hirscher: Durch sportliche Erfolge fühle ich mich bestätigt, in dem was ich mache. Aber auch da ist Zufriedenheit relativ. Ich messe das nicht unbedingt an Erfolgen. Wenn ich so Skifahren kann, wie ich glaube, dass ich es kann, macht mich das schon glücklich. Das kann in einem Rennen sein, auch in einem Training. Es gibt natürlich beschissene Tage, da funktioniert nichts. Das kennt wohl jeder aus seinem Job. Auch dann gehe ich nicht mit einem Grant nach Hause. Privates und Sportliches versuche ich generell stark zu differenzieren.

NEWS: Denken Sie vor einem Rennen an die Konsequenzen von Sieg und Niederlage?
Hirscher: Nein, vor und während des Rennens hat das Ergebnis keinen Platz. Im Nachhinein interessiert es mich schon.

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