"Was da oft abgelassen
wird, ist unterste Schublade"

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Marc Janko © Bild: GEPA pictures/ Andreas Pranter

Herr Janko, vor zehn Jahren hat Ihr Aufstieg im Profifußball begonnen. Zu einem Zeitpunkt, als - wie Sie einmal sagten - nur mehr Sie selbst an sich geglaubt haben. Jetzt haben Sie mit Basel den fünften Meistertitel Ihrer Karriere geholt und fahren mit Österreich erstmals zur Fußball-EM. Würden Sie diese Bilanz als überragend bezeichnen?
Ich habe Probleme damit, mich selbst zu beweihräuchern, diese Bewertung überlasse ich anderen. So, wie es kam, bin ich happy. Als kleiner Junge hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich Teamspieler werde und unter die Top 6 der ewigen Torschützenliste komme. Das sind Meilensteine, für die ich ungemein dankbar bin. Aber ich lebe - so abgedroschen es klingen mag - im Moment, schiebe solche Rekorde beiseite, weil man sonst zu schnell dazu tendiert, zu verkrampfen. Als Mensch bin ich in diesen Jahren sehr gereift, ich konnte viele Eindrücke mitnehmen, auch kulturelle. Es war eine bereichernde, Horizont erweiternde Reise. Aber ich musste auch viel durchmachen, mir meine Erfolge sehr hart erkämpfen.

Ist das der Grund, weshalb Sie in der Öffentlichkeit sehr zurückhaltend agieren?
Ich hatte von Anfang an Respekt vor dem Schritt in die Öffentlichkeit. Wenn man zu viele Dinge preisgibt, sein Privatleben zum Beispiel, kann das wie ein Bumerang zurückkommen. Ich weiß schon, dass ich nicht immer sehr herzlich wirke, wenn ich bedacht auftrete, anders als Kollegen im Nationalteam, aber das sehe ich als Job, als Pflicht, das ist "part of the deal". Es ist für mich kein Genuss, Pressekonferenzen abzuhalten. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich auf all das gerne verzichten.

Wären Sie gerne ein Schmähbruder?
Nein. Ich habe einen Schmäh, im Privatleben. Wenn ich privat bin, kann ich viel mehr Herzlichkeit ausstrahlen als in der Öffentlichkeit. Vielleicht hat das auch ein wenig mit meinem Sternzeichen zu tun. Ich bin Krebs. Und Krebse sind, sagt meine Mutter, eher zurückhaltender, vorsichtiger bei ihren Schritten in die Öffentlichkeit, weil sie eben auch Angst haben, verletzt zu werden. Wir könnten vielleicht Gerda Rogers fragen, ob das stimmt.

Der Skirennfahrer Marcel Hirscher hat sich zuletzt darüber beklagt, dass er im Smartphonezeitalter mittlerweile sogar auf der Autobahn erkannt, fotografiert und gefilmt wird. Wie schützt ein Teamstürmer, der Österreich zur Europameisterschaft geschossen hat und auf einer ähnlichen Beliebtheitsstufe steht, sein Privatleben?
Ich glaube nicht, dass ich auf einer Stufe mit Hirscher stehe. Er hat Überragendes geleistet für die Skination Österreich. Und vielleicht liegt es auch daran, dass er ein gebrandetes Auto fährt. Ich kann - im Gegensatz zu Menschen um mich herum - mittlerweile ganz gut ausblenden, dass mich in der Öffentlichkeit Blicke treffen. Und in Österreich ist momentan alles sehr positiv. Man wird um Fotos und Autogramme gefragt, das ist doch besser als beschimpft zu werden. Es ist ein wirklich schönes Erlebnis, wenn man speziell jungen Menschen auf so einfache Art und Weise Freude bereiten kann. Ich erinnere mich da immer gern an meine Kindheit zurück, wie demütig und respektvoll ich auf einen bekannten Sportler zugegangen bin.

Wie gehen Sie mit dem Druck um, dass die öffentliche Erwartungshaltung vor der Endrunde stetig steigt?
Wir Spieler versuchen natürlich, die Erwartungshaltung niedrig zu halten. Es ist halt typisch österreichisch: Es gibt nur Schwarz oder Weiß, das Dazwischen, das ist für den Österreicher schwer zu begreifen. Natürlich wollen wir die Euphorie nicht killen und sagen: Wir haben überhaupt keine Chance. Wir fahren nach Frankreich, um die Vorrunde zu überstehen-alles, was danach kommt, ist ein absolutes Plus. Mit Druck müssen wir umgehen können, da wächst man hinein, da braucht es Disziplin und Charakterstärke. Das unterscheidet Profisportler von richtig guten Hobbysportlern: Sie funktionieren auch vor 70.000 Zusehern in einem Stade de France und in dem Wissen, dass Millionen vor dem TV zusehen. Das Geschäft ist da brutal: Wer dem Druck nicht standhält, der wird früh ausgesiebt.

Sie sind als Fußballprofi weit gereist, spielten in den Niederlanden, in Portugal, der Türkei, in Australien, jetzt in der Schweiz beim FC Basel. Wo haben Sie als Mensch am meisten mitgenommen? Wo war die Gesellschaft besonders offen?
Jedes Land hat seine Eigenheiten. Die Holländer sind von Natur aus ein offenherziges Volk und für jeden Spaß zu haben. In Porto habe ich, nicht im negativen Sinne, auch eine Lethargie und Schwermut kennengelernt-es ist dort nicht unüblich, dass die Leute nach der Arbeit an die Strandpromenade fahren, im Auto traurige Musik hören, drei Stunden auf das Meer rausschauen und die Schwermut dieser Kultur austragen. Sie haben aber auch ihre fröhlichen Seiten.

Das Türkei-Abenteuer bei Trabzonspor, als Sie kaum spielen durften, hätten Sie sich wohl gerne erspart, oder?
Das dachte ich damals auch. Heute sage ich: Es hat mich als Mensch weitergebracht. Außerdem habe ich dort teilweise Vorurteile abgebaut, die ich in meiner Jugend aufgebaut hatte. Ich habe ungemein herzliche Leute kennengelernt, die wenig hatten, aber trotzdem gewillt waren, das Wenige zu teilen. Aber ganz besonders fasziniert hat mich Australien.

Warum?
Dort hat das berühmte Gesamtpaket gestimmt. Gutes Essen, offenherzige Leute, easy going, kein Stress. Ein Satz, der alles zusammenfasst, lautet: "No worries, mate!", wir machen das schon! Meine Frau und ich spielen mit dem Gedanken, nach der Karriere das Land zu bereisen, vielleicht sogar halbjährig dort zu leben. Australien ist eine Multikulti-Gesellschaft, ein Schmelztiegel der Nationen. Es gibt so viele Einflüsse: Kroaten, Italiener, Inder, Chinesen; ich hatte das Gefühl, man hat sich von jeder Kultur die Rosinen herausgepickt und zu einer neuen Lebensweise zusammengefügt. Das fand ich irrsinnig bereichernd. Schwer, das auf Europa umzumünzen. Wir haben viele Migranten aufgenommen, aber um so ein Flair zu haben, braucht es - wie ich glaube - noch einige Jahre.

»Man bildet sich schnell ein Urteil, weil man seine News nur über Facebook bezieht und nicht prüft, wie die Fakten liegen«

Der Fußball ist ein besonders gutes Beispiel für das Gelingen von Integration: Weder die Schweizer noch die österreichische Nationalmannschaft würde ohne Migranten dieses Bild abgeben. Warum wird das Thema Flüchtlinge so emotional diskutiert?
Wir leben in einer Zeit, in der man mit Aussagen zu dem Thema sehr polarisiert. Es ist kaum möglich, darüber nüchtern und normal zu reden, weil zu viele Emotionen mitschwingen, weil es nur Schwarz oder Weiß gibt. Und weil den Emotionen teilweise fehlende Informationen zugrunde liegen. Man bildet sich schnell ein Urteil, weil man seine News nur über Facebook bezieht und nicht wirklich recherchiert, wie die Fakten tatsächlich liegen. Dann wird man schnell einmal zum Nachplapperer, glaubt, eine Meinung zu haben, und macht das, was eine gewisse Masse dann - ich will fast sagen: von sich rülpst.

Worauf führen Sie das zurück? Schaffen es Politik und Medien nicht mehr, Inhalte zu vermitteln?
In Österreich wird gerne geraunzt: Im Vergleich zu anderen Ländern Europas geht es uns nicht so schlecht, wie uns suggeriert wird. Was auf jeden Fall Fakt ist: Es wird durch gewisse Medien zu viel Angst geschürt. Wenn man Leuten, denen es wirtschaftlich nicht so gut geht, auch noch erfolgreich Angst eintrichtern kann, dann entsteht eine Dynamik. Das Problem ist, dass viele Menschen zu schlecht informiert sind. Das führt dann dazu, dass man sich nicht immer adäquat verhält, weil man viel zu wenig Empathie entwickelt, oder auch entwickeln will, weil man sagt: Ich bin mir ja selbst der Nächste! Und hinter mir die Sintflut!

Kürzlich haben Sie mit unbegleiteten Flüchtlingskindern in Wien Fußball gespielt, als Botschafter von Laureus, einer Stiftung, die benachteiligten Kindern und Jugendlichen über Sportprojekte hilft. Sehen Sie Charity-Aktionen als Pflicht oder Verpflichtung?
Ich möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben und habe mich bereits vor Jahren für die Salzburger für die Kinderkrebshilfe engagiert. Es ist wichtig, jungen Menschen, die so viel durchmachen mussten, mit simplen Mitteln Ablenkung zu geben und Mut zuzusprechen. Bei Laureus habe ich auch sofort zugesagt, weil es bei diesem "#sportforhope"-Projekt darum geht, jungen Menschen, die eine jahrelange Flucht hinter sich haben, zu helfen, wieder Mut für das tägliche Leben zu fassen. Jeder, der schon einmal länger auf Urlaub war, weiß, wie unbefriedigend es ist, wenn einem der Rhythmus fehlt, man etwas leisten möchte, aber nicht kann oder nicht darf. Da ist der Sport ein gutes Tool. Ich wollte aber auch ein Zeichen setzen, dass man mit kleinen Projekten wie diesen im Großen etwas bewirken kann. Es gab viele positive Rückmeldungen.

Und negative Reaktionen im Netz wären Ihnen egal?
Ich mache das, weil es mir wichtig ist. Ganz geradlinig. Ich habe früh in meiner Karriere herausgefunden, dass ich es ohnehin nie allen recht machen kann. Ich finde es gut, dass Menschen zu vielen Sachen eine Meinung haben. Ich finde es jedoch in sozialen Netzwerken -speziell auf Facebook, wo auch wahnsinnig viel Müll transportiert wird - teilweise bedenklich. Ich vergleiche das immer mit einer modernen Art von erfolgreicher Fahrerflucht. Soziale Postings -also, was da teilweise abgelassen wird, das ist wirklich unterste Schublade. Schade, dass man solche Menschen nicht zur Rechenschaft ziehen kann, weil sie sich hinter einem Fake-Profil verstecken. Das ist schon ziemlich feig. Solche Leute kann ich nicht ernst nehmen. Es ist wohl unserer Zeit geschuldet: Ich merke selbst oft, dass aus einem harmlosen Interview Sachen herausgepickt, aus dem Kontext gerissen, mit Bildern oder Videos untermalt werden, und plötzlich entsteht eine Dynamik, die ganz schnell ins Extreme abgleitet. Schon schreit eine Riesenschar: Das ist aber nicht so cool, das ist scheiße!

In der Schweiz traten Sie zuletzt gegen ein altes, fehleranfälliges Atomkraftwerk auf. Wie politisch ist Marc Janko?
Ich interessiere mich zunehmend für Politik. Solange ich als Sportler aktiv bin, versuche ich aber, mich relativ neutral zu verhalten und mich nicht zu sehr in Richtung einer Partei drängen zu lassen. Atomenergie ja oder nein, das ist ein parteiübergreifendes Thema und geht jeden etwas an. Da bekenne ich Farbe. Bei der Bundespräsidentschaftswahl habe ich via Twitter dazu aufgerufen, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen. Das war mir wichtig.

Es heißt immer, der Fußball sei ein Spiegelbild der Gesellschaft. In England werden heute Milliarden umgesetzt und Fußballer, deren Namen wir noch nicht gehört haben, mit Millionen geködert. Ist das eine gesunde Entwicklung?
Über Konzernchefs regt sich kaum jemand auf, aber bei Fußballern steht nach wie vor das Klischee im Raum: verdienen viel, leisten wenig. Ich weiß, dass das Thema polarisiert und es wieder einen Aufschrei geben wird, wenn ich das sage. Aber: Wir sind alle naiv und ein bissl heuchlerisch. Denn das System, in dem wir leben, ist einfach so gestaltet. Wenn ich etwas sehr gut kann, das nur wenige weltweit sehr gut können, und Millionen Menschen wollen zuschauen, dann wird man dafür gut bezahlt.

»Natürlich ist jeder, der in Wien den Mist entsorgt, genauso wertvoll wie ein Fußballer«

Also bestimmt der Markt den Preis?
Du gehst als junger Mensch ein großes Risiko ein bei dem Versuch, Profi zu werden. Du hast zehn Jahre, um Geld zu verdienen, und in jedem Training die potenzielle Gefahr, dass dir jemand von hinten reinspringt und es vorbei ist. Das Hauptargument ist schlichtweg Angebot und Nachfrage. Wenn die Fifa mit diesem Geschäft Milliarden verdient - und ich bin der Meinung, es ist zu hinterfragen, ob diese Summen gerechtfertigt sind -, dann kann man nicht sagen, es ist ungerechtfertigt, wenn die Spieler einen Anteil bekommen. Natürlich ist jeder Mann, der in Wien den Mist entsorgt, genauso wertvoll wie ein Fußballer. Darum geht es nicht. Es geht einzig darum, dass das System die Regeln vorgibt. Fußball ist moderner Menschenhandel. Es kommt momentan so viel Geld rein, dass die Topspieler im Vergleich zu einem normalen Arbeiter lächerlich viel verdienen.

Der Fußballweltverband Fifa versucht seit Monaten, mit einem korrupten System aufzuräumen. Haben Sie den Eindruck, dass sich hier nachhaltig etwas zum Positiven verändert?
Auch hier war in der Aufarbeitung viel Heuchelei dabei. Die Deutschen haben aufgeschrien: Ja, um Gottes Willen, unsere WM 2006 wurde gekauft! Dabei war jeder, der meinte, in den Jahren davor sei alles sauber abgelaufen, naiv. Es war doch allen bewusst, dass hintenherum etwas geht und nicht alles sauber läuft, weil eben das System so war; weil gewisse Leute gewisse Versprechungen haben wollten. Das wurde sehr lange so akzeptiert. Deshalb fand ich es nicht unbedingt notwendig, dass Lichtgestalten wie Franz Beckenbauer dann plötzlich derart angegriffen werden. Ich hoffe, dass in Zukunft ein System geschaffen wird, in dem Fairness wieder oberstes Gut ist. Bislang war das - da brauchen wir uns alle nichts vorzumachen - nie der Fall.

ZUR PERSON
Marc Janko, 32 Der 1,98 Meter große Stürmer aus Maria Enzersdorf startete seine Karriere im Nachwuchs von Admira Wacker. Im Dezember 2004 erzielte er in seinem ersten Bundesligaspiel gleich sein erstes Tor, 2005 wurde er von Red Bull Salzburg verpflichtet. Ab 2010 spielte Janko bei Twente Enschede, Porto, Trabzonspor, beim FC Sydney und beim FC Basel. In der EM-Qualifikation schoss Janko sieben Treffer.

Kommentare

Cynthia Gill

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