Marc Elsberg: Die Realität
des Erfolgsautors

Bestsellerautor Marc Elsberg widmet seinen jüngsten Thriller Recht und Gerechtigkeit am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Ein US-Präsident soll vor Gericht. Warum das in der Realität nie passiert. Und: warum ihn Corona als Thema nicht interessiert

von Neues Buch - Marc Elsberg: Die Realität
des Erfolgsautors © Bild: Ricardo Herrgott News
Marc Elsberg, 54, arbeitete als Strategieberater und Kreativdirektor in der Werbebranche. Sein literarisches Debüt gab er im Jahr 2000 noch unter dem Namen Marcus Rafelsberger mit dem satirischen Roman "Saubermann". Unter seinem Künstlernamen Elsberg gelang ihm mit "Blackout" sein erster internationaler Erfolg. Es folgten: "Zero", "Helix" und "Gier"

Sie haben Ihren neuen Thriller, "Der Fall des Präsidenten", in Lockdowns geschrieben. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Ich habe vor einem Jahr zu schreiben begonnen, und da war ein Großteil der Recherche schon gemacht. Ich hatte auch Glück, weil eine Freundin Expertin ist, was den Internationalen Strafgerichtshof betrifft. Da war die Zusammenarbeit also im Gegensatz zum Thema unkompliziert.

Grundsätzlich hat der Lockdown bewirkt, dass ich gedacht habe, dass ich wahnsinnig viel Zeit habe, weil ja Lesungen und Diskussionen wegfallen. Aber dann beginnt man, Serien zu schauen und weiß der Teufel, wie zu prokrastinieren, so dass man am Ende erst wieder denkt, ups, Deadline ist.

Obwohl die Handlung des Buches zeitunabhängig ist, haben Sie Halbsätze über die vergangene Coronakrise einfügt. Hätte man das nicht bleibenlassen können?
Das habe ich mich auch die ganze Zeit gefragt. Man muss ja immer die Lebenszeit eines Buches mitdenken. Ein halbes Jahr nach dem Schreiben kommt es in die Läden, eineinhalb Jahre später als Taschenbuch. Das sollte sich auch noch ein paar Jahre verkaufen. Klar, irgendwann wird Corona vorbei sein, aber so schnell wird es uns nicht verlassen. So, wie es aussieht, werden wir uns wohl wie bei der Grippe jedes Jahr eine Impfung holen müssen. Schlussendlich war dann die Entscheidung, nicht so zu tun, als würde es Corona nicht geben, ihm aber auch keine wirklich große Rolle zu geben.

Es geht um einen Ex-US-Präsidenten mit den Initialen D. T. Stand da Trump Pate?
Die Figur hatte fast bis zum Schluss des Schreibens einen anderen Nachnamen. Aber der hat mir dann nicht gefallen also hab ich Turner genommen und dann erst gedacht, hoppla, Douglas Turner, das sind ja die gleichen Initialen. Aber sonst hat diese Figur keinerlei Ähnlichkeiten mit Trump.

© Ricardo Herrgott News Elsbergs Bücher sind wissenschaftsgetrieben. Nach Blackout und Gentechnik geht es nun um Recht und Moral

Körperlich ist er eher ein Mittelding zwischen Bush und Obama, also schlank und fit. Ich habe mich bewusst nicht an Trump orientiert, es ist eine Mischkulanz aus drei Präsidenten, die bei dem Thema, um das es geht, nämlich die Tötung von Zivilisten durch Drohnenangriffe oder Night Raids, eine unrühmliche Geschichte haben. Das hat nach 9/11 unter Bush begonnen, wurde - was gerne übersehen wird -unter Obama massiv ausgedehnt und unter Trump dann noch einmal. Ich lege Turner Bush-Zitate in den Mund, wenn es um das Foltern von Gefangenen geht, aber auch welche von Trump.

Turner wird verhaftet, um wegen Kriegsverbrechen vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag (ICC) gestellt zu werden. Wenn man sich die Liste der Verurteilungen dort ansieht, steht da niemand aus der nördlichen Hemisphäre, auch wenn es Gründe dafür gäbe. Wie kann das sein?
Vor diesem Gericht sind bisher nur Leute gestanden, die nicht mächtig genug waren, sich dem zu entziehen, vor allem aus den Sub-Sahara-Staaten. Aus der nördlichen Hemisphäre ist bisher wenig passiert, wenn man vom Vorläufergericht des ICC absieht, wo es um die Verbrechen im ehemaligen Jugoslawien geht.

Beim ICC gab es zwar Vorermittlungen gegen Angehörige der US-Armee oder Geheimdienste, die wurden aber auf Druck der USA vorübergehend eingestellt. Nach der Wiederaufnahme gab es unter Trump und US-Außenminister Mike Pompeio gegen ICC-Angehörige Sanktionen wie Einreiseverbote.

Diese Drohgebärden gibt es auch in Ihrem Buch
Auch in der Realität lassen sich Teile des Gerichts davon nicht beeindrucken, und es gibt immer wieder Untersuchungen, aber nicht gegen die großen Player, sondern eher gegen die kleinen Sündenböcke. Aber auch das kann ein Staat umgehen. Denn sobald dieser selbst ein Verfahren gegen seine Bürger führt, ist das ICC nicht mehr zuständig. In den USA wurde ein Söldner wegen eines Massakers an Zivilisten im Irak verurteilt. Es hat für Aufruhr gesorgt, dass Trump zuletzt diesen verurteilten Kriegsverbrecher begnadigt hat.

Welchen Wert hat dieser Gerichtshof dann eigentlich?
Die afrikanischen Staaten haben sich schon massiv über das Ungleichgewicht beschwert und mit Austritt gedroht. Es gibt Bemühungen, dass der Gerichtshof wirklich international funktioniert. Aber er lebt davon, dass die Weltgemeinschaft ihn dabei unterstützt, und das tut sie nur marginal. Die USA haben die ICC-Verträge nicht ratifiziert, arbeiten aber mit ihm zusammen, wenn es nicht gegen die eigenen Bürger geht. Das ist ein Machtspiel, in dem es nicht immer um Recht oder Gerechtigkeit geht.

Dass es im Kampf gegen den Terror unschuldige, zivile Opfer gibt, würden viele Menschen -nicht nur in den USA -wahrscheinlich als lässlichen Kollateralschaden sehen. Wo sehen Sie die moralische Grenze?
Bei einem Gerichtsverfahren ist der moralische Grat nur mehr zweitrangig. Die Frage ist vielmehr, was das jeweilige internationale Gesetz -früher hat es Kriegsrecht geheißen heute kurioserweise humanitäres Völkerrecht -gerade noch erlaubt.

Neues Buch

*Die mit Sternchen (*) gekennzeichneten Links sind sogenannte Affiliate-Links. Wenn Sie auf einen Affiliate-Link klicken und über diesen Link einkaufen, bekommt news.at von dem betreffenden Online-Shop oder Anbieter eine Provision. Für Sie verändert sich der Preis nicht.

Was ist als Verbrechen definiert und was nicht? Wenn es in Konfliktsituationen unschuldige Opfer gibt, wird die Frage der Verhältnismäßigkeit gestellt, und der Richter hat einen gewissen Spielraum. Wenn Gesetze so eindeutig wären, wie wir es gerne hätten, bräuchten wir keine Anwälte, Richter und Staatsanwälte. Deswegen, um auf den moralischen Kompass zurückzukommen: Ich weiß nicht, ob der eine Kategorie ist. Natürlich hat jeder einen, das führt dann auch dazu, dass man manches Urteil ungerecht findet. Aber das Urteil liegt im Ermessen des Richters, und nicht im moralischen Kompass.

Sie haben den Drohnenkrieg unter Obama angesprochen. Der war immerhin Friedensnobelpreisträger. Im Nachhinein betrachtet: zu Recht?
Na ja, es gibt so manchen Friedensnobelpreisträger, der Schlimmes zugelassen hat. Bei Obama war absurd, dass er den Preis bekommen hat, als er gerade Präsident geworden war und noch gar keine Möglichkeit hatte, sich international hervorzutun.

Ich habe beim Schreiben lange überlegt, wie ich die Figur des Präsidenten gestalten soll. Es ist leicht, eine Figur wie Trump zum Bösen zu machen. Ich habe mich dagegen entschieden. Denn es gibt eben, auch wenn es manche nicht gerne hören, Figuren, die auf der einen Seite ihre Meriten haben, aber auf der anderen Seite komplett versagen. Wie eben Obama, er hat es ja auch nicht geschafft, Guantanamo zu schließen.

In jeder Politikerbiografie gibt es Licht und Schatten.
Und um auf die Frage zurückzukommen, ob nicht viele Menschen zivile Opfer in Kauf nehmen würden: Die USA hätten ja zumindest pro forma einen Mechanismus, der solche Opfer verhindern soll. Damit ein Drohnenschlag genehmigt wird, muss nachweislich eine unmittelbare Bedrohung für US-Bürger oder -Einrichtungen bestehen. Um das festzustellen, gibt es oft monatelange Beobachtungen der Zielperson.

Aber wie kann man von einer unmittelbaren Bedrohung sprechen und gleichzeitig monatelang beobachten? Diese Kernfragen sollten sich die Leser stellen: Ist ein Angriff wirklich gerechtfertigt? Welche eigenartigen Parameter werden da angelegt? Und ganz grundsätzlich: Welches Verhältnis hat der Westen zu seinen eigenen Werten?

"Der Fall des Präsidenten" wird durch einen Whistleblower, der als Zeuge aussagt, untertauchen muss und extrem schnell vom US-Geheimdienst ausfindig gemacht wird, ausgelöst. Jeder von uns hinterlässt heute Spuren im Netz. Schotten Sie sich ab?
Wenn ich als normaler Mensch an einem normalen Leben teilnehmen will, kann ich mich dem nicht entziehen. Sobald ich ein halbwegs zeitgemäßes Smartphone verwende, habe ich die Wanze permanent in der Tasche. Ich könnte natürlich ein 20 Jahre altes Ding verwenden, mit allen damit verbundenen Einschränkungen, aber dann bin ich auch nicht nicht verfolgbar. Man ist dann wie eine Luftblase zwischen all den durchsichtigen Wassertropfen -nämlich gut sichtbar.

Sie haben Ihre Follower auf Facebook gefragt, ob sie den Mut hätten, Whistleblower zu sein, wenn sie danach verfolgt werden, ihr eigenes Leben aufgeben und untertauchen müssten. Wie lautet denn Ihre eigene Antwort auf diese Frage?
Gute Frage! Ich glaube, ich würde es versuchen. Aber klar, vorstellen kann man sich viel. Wie man dann wirklich handelt, zeigt sich meist erst in der unmittelbaren Situation.

Zuletzt: Wäre eine Pandemie für einen Ihrer Wissenschaftsthriller ein Thema?
Interessiert mich gar nicht. Erstens: Jetzt ist das eh schon passiert, was soll man als Thriller-Autor da noch schreiben? Zweitens: So wie Corona passiert ist, ist es ja nicht einmal spannend. Es gibt einen Cartoon, wo zwei Leute am Sofa sitzen und sagen: "Diese ganzen Katastrophengeschichten haben nie etwas von der Langeweile erzählt."


Mit meinem Verlag und meinem Agenten habe ich das Thema Pandemie früher schon diskutiert. Aber da gab es ja einen Hype in den 90er-Jahren mit Büchern von Preston und Child, dem Film "Outbreak" mit Dustin Hoffman, später auch noch "Contagion" von Steven Soderbergh. Also: Das Thema ist eigentlich ausgelutscht.