Taliban-Opfer von

Malala kämpft für ihren Traum

Die 16-Jährige enthüllt die Geschichte ihres lebensgefährlichen Kampfes für Bildung

Malala Yousafzai veröffentlicht ihre Biografie. © Bild: Getty Images/Thomas Lohnes

Taliban-Kämpfer schießen ihr am 9. Oktober 2012 in den Kopf, doch die damals 15-jährige Malala Yousafzai überlebt. Seitdem kämpft das Mädchen aus Pakistan noch stärker für die Rechte von Mädchen und Frauen. Für das Recht, in die Schule gehen zu dürfen. Für das Recht, sich bilden zu dürfen. Vor kurzem hat Malala ihre Erlebnisse in einer Autobiografie veröffentlicht: "Für alle Mädchen, die ungerecht behandelt und zum Schweigen verurteilt wurden", wie sie schreibt. In ihrem Buch berichtet sie erstmals über den Moment des schrecklichen Attentats und enthüllt, warum es sich zu kämpfen lohnt und sie irgendwann nach Pakistan zurückkehren will.

2007 verändert sich die Welt von Malala drastisch: Für die Zehnjährige, die begeistert die Bücher der Vampir-Saga "Twilight" verschlingt, sind die Taliban "wie Vampire in der Nacht aufgetaucht" - bewaffnet mit Messern und Kalaschnikows. Anfangs ist die Stimmung in Mingora, einer Stadt im Swat-Tal, noch erträglich. "Meine Mutter ist sehr fromm und zunächst mochte sie Fazlullah (Anführer der Taliban in Malalas Gebiet, Anm. der Red.) ganz gern", schreibt Malala. Doch binnen weniger Monate verändert sich alles; die Forderungen der Taliban werden extremer: Keine Musik, keine Filme, die Männer mit den schwarzen Turbanen verbieten alles. Fernseher und Computer landen auf Scheiterhaufen. Die Mädchen dürfen nicht mehr zur Schule gehen.

Brennende Fernseher

Ziauddin Yousafzai, Malalas Vater, gründet und leitet die Kushal-Schule in Mingora, in die auch Malala geht. Er widersetzt sich den Anordnungen der Taliban und unterrichtet weiterhin Mädchen. Schon damals begehrt Malala gegen die Regel der Terroristen auf. "Meine Freundinnen und ich konnten nicht verstehen, warum es Unrecht war, etwas zu lernen", erinnert sich die heute 16-Jährige in ihrer Biografie. Und dann kommt für sie die Gelegenheit: Ein guter Freund ihres Vaters, ein BBC-Radiokorrespondent, sucht eine Lehrerin oder Schülerin, die Tagebuch über das Leben unter der Taliban Herrschaft führt. Malala fragt sofort ihren Vater: "Warum nicht ich?" Auf dem Blog für die Website des Senders BBC schreibt sie sich fortan ihre Gedanken von der Seele. "Ich wollte, dass die Menschen erfuhren, was passierte", teilt sie in ihrem Buch mit.

Tal der Gewalt

Zu erzählen hat Malala Einiges - über die Grausamkeiten und die Schreckensherrschaft der Taliban. Ein Video geht schließlich um die Welt - auch Malala denkt daran zurück und schreibt darüber: "Ein siebzehnjähriges Mädchen in einer schwarzen Burka und roten Hosen liegt mit dem Gesicht nach unten auf der Erde und wird am hellichten Tag von einem bärtigen Mann in einem schwarzen Turban ausgepeitscht. 'Bitte hör auf!', bettelt sie auf Paschtu zwischen Schreien oder Wimmern bei jedem Hieb. 'In Allahs Namen, ich sterbe!'" Erst nach 34 Peitschenhieben ist das Martyrium, nur eine Gräueltat von vielen, zu Ende.

Das Tagebuch verschafft Malala Aufmerksamkeit, es folgen zahlreiche Fernseh-Interviews. Ihr Blog und der unermüdliche Einsatz für das Recht auf Bildung machen Malala zu einer kleinen Berühmtheit. Sie spricht nicht nur mit Reportern, auch Politiker zeigen sich plötzlich interessiert. Im Swat-Tal eskaliert unterdessen die Situation. Die Kämpfe zwischen der Armee und den Taliban-Milizen werden blutiger. Die Zahl der Todesopfer steigt. Im Mai 2009 muss Malala mit ihrer Familie aus Mingora fliehen. Als die Familie rund drei Monate später wieder in ihren Heimatort zurückkehrt, liegt fast alles in Schutt und Asche.

Auch wenn der Schatten der Taliban - die Führer sind noch nicht gefasst - über dem Swat-Tal hängen bleibt, engagiert sich Malala weiter für die Bildung von Mädchen, gibt Interviews. Als Taliban-Kritiker erhält die Familie Drohungen, wie viele andere auch. Die Selbstmordattentate nehmen zu. Im Dezember 2011 folgt dann der Lichtblick. Malala erhält für ihre Bemühungen den ersten Friedenspreis ihres Landes für ihren Kampf um Bildung.

Zwischen Leben und Tod

Doch der Kampf gegen die Taliban hat seinen Preis: Am 9 Oktober 2012 feuern Taliban-Kämpfer drei Kugeln auf Malala ab. Die vermummten Männer verstellen dem Schulbus des Mädchens den Weg, fragen nach Malala und schießen darauf los. "Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass ich dachte: 'Ich muss noch für morgen lernen'", beschreibt Malala den Moment des Attentats. "Ich lag auf Monibas (Malalas beste Freundin, Anm. der Red.) Schoß. Aus dem Kopf und aus meinem linken Ohr floss weiter Blut." Der Busfahrer rast sofort ins Krankenhaus. Auch Malalas Vater erfährt von dem Attentat. Im Krankenhaus angekommen, kämpft er sich durch die Menge der Fotografen und Schaulustigen. "Meine Tochter, meine tapfere Tochter, meine schöne Tochter!", redet er auf Malala ein. Die Augen seiner Tochter sind geschlossen. Sie liegt auf einer Trage, ihr Kopf ist einbandagiert. Malala schreibt über diesen Augenblick: "Irgendwie war mir klar, dass er da war, auch wenn ich die Augen geschlossen hatte. Mein Vater sagte: 'Ich kann es nicht erklären. Ich habe gespürt, dass sie mich wahrnahm.' Später erzählte jemand, ich hätte gelächelt."

Malala überlebt wie durch ein Wunder das schreckliche Attentat. Ein Jahr später sind die äußerlichen Wunden fast verheilt. Was bleibt, ist der Kampf gegen die Taliban und für das Recht auf Bildung. "Frieden in jedem Haus, in jeder Straße, in jedem Dorf, in jedem Land - das ist mein Traum. Bildung für jeden Jungen und jedes Mädchen auf der ganzen Welt", wünscht sich Malala in ihrer Biografie.

Heute lebt Malala in England und geht in Birmingham wieder zur Schule. Ihre Pläne für die Zukunft: Sie will lernen, sie will weiter für das Recht auf Bildung kämpfen und sie will nach Pakistan zurück. In ihrem Buch schreibt das mutige Mädchen: "Im Laufe des letzten Jahres habe ich viele Städte und Plätze bereist, doch mein Tal bleibt für mich der schönste Ort der Welt. Ich weiß nicht, wann ich es wiedersehen werde, aber dass es so sein wird, weiß ich."

"Ich bin Malala"
© Verlagsgruppe Droemer Knaur

Zum Buch:
"Ich bin Malala: Das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten, weil es für das Recht auf Bildung kämpft"
Malala Yousafzai mit Christina Lamb
Verlagsgruppe Droemer Knaur
08.10.2013, 400 S.
ISBN: 978-3-426-27629-7
Preis: 19,99 Euro, 17,99 Euro als E-Book

Zur Autorin:
Malala Yousafzai wurde am 12. Juli 1997 in Mingora (Pakistan) geboren. Von klein auf hat sie ihr Vater Ziauddin Yousafzai gefördert und dazu ermutigt, sich für die Rechte von Mädchen einzusetzen. Der Vater leitete selbst eine Schule im pakistanischen Swat-Tal – und widersetzte sich später den Taliban, die Mädchen verbieten, zur Schule zu gehen. Bereits im Alter von 11 Jahren führte Malala einen Blog für die Webseite des britischen Senders BBC, in dem sie über die Gewalttaten der Taliban schreibt. Diese Art von Aufmerksamkeit wurde ihr schließlich zum Verhängnis. Am 9. Oktober 2012 schossen Taliban-Kämpfer das Mädchen auf ihrem Schulweg nieder. Malala überlebt und lebt heute mit ihrer Familie in England. Seit März 2013 geht sie wieder in Birmingham zur Schule.

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