1. Mai von

Man war schon
entspannter

Renate Kromp © Bild: Ian Ehm/News

Wann ist der richtige Moment zum Absprung? Derzeit könnten weder die SPÖ noch ihr grüner Regierungspartner dabei viel gewinnen.

Der 1. Mai 2016 hängt noch immer wie eine dunkle Gewitterwolke über dem Wiener Rathausplatz. Damals hatten etliche Genossen ihrem Parteichef und Bundeskanzler Werner Faymann ein Pfeifkonzert bereitet, das diesen (und viele andere in der SPÖ) schwer schockierte und ihn schließlich ins politische Ausgedinge beförderte. Christian Kern wurde sein Nachfolger, aber die Freude der Pfeifer währte nur kurz, denn das Kanzleramt ist seit letztem Oktober weg.

Doch in Wien sind die Roten ja noch eine große Nummer, und man zeigt die eigene Stärke gerne beim Mai-Aufmarsch. Am Rathausplatz könnte die Welt an diesem Tag für die SPÖ noch in Ordnung sein. So richtig entspannt war man allerdings am vergangenen Dienstag nicht. Denn auch wenn die SPÖ-Funktionäre um die Selbstbeschädigung wissen, die dieser Maitag vor zwei Jahren mit sich gebracht hat, und daher wohl kaum jemand eine Wiederholung wagte, spürte man die Unruhe am Rednerpult.

Der nunmehrige Oppositionschef Kern musste zeigen, dass er nicht nur gegen die Regierungspolitik wettern kann (vulgo "in der Opposition endlich angekommen ist"). Er kann bei solchen "roten Hochämtern" spüren, ob ihn die Genossinnen oder Genossen noch tragen. Der Applaus ist ein Gradmesser dafür, ob sie ihrem Parteichef (noch) zutrauen, die SPÖ wieder in die Regierung und vor allem ins Kanzleramt zu führen. Nimmt Kern diese Menschen noch mit? Glauben sie ihm, dass er ihr Parteichef bleiben will (auch wenn ihn Gerüchte immer wieder in die Wirtschaft zurückkehren sehen)? Und soll er es auch bleiben?

Auch für den künftigen Wiener Bürgermeister Michael Ludwig war dieser 1. Mai eine Prüfung. Dass er hier steht, liegt unter anderem an den Verwerfungen, die die Demontage Faymanns mit sich brachte. Er weiß, dass es noch immer Gräben in der Wiener SPÖ gibt, die sich in Gemauschel, bei der Bürgermeisterwahl in drei Wochen könnte es womöglich ein Streichkonzert für ihn geben, zeigen. Und er musste vor Amtsinhaber Michael Häupl ans Pult, der ein brillanter Redner ist und dem zum Abschied die Herzen zufliegen.

Ludwig stehen aber noch größere Prüfungen bevor. Er muss bis zum 14. Mai -da treffen sich die SPÖ-Gremien -ein Regierungsteam zusammenstellen, das die Wiener Roten in naher Zukunft einen kann. Und er steht unter dem Druck, nicht den gleichen Fehler wie Christian Kern zu machen, der kurz nach seiner Kür zum SPÖ-Chef Neuwahlen scheute, die er damals vielleicht noch gewonnen hätte.

Wann ist der richtige Moment zum Absprung? Derzeit könnten weder die SPÖ noch ihr grüner Regierungspartner dabei viel gewinnen. Doch ob er den Moment verpasst hat, wird Ludwig am nächsten 1. Mai wissen.

Was meinen Sie?
Schreiben Sie mir bitte: kromp.renate@news.at

Kommentare