Magersucht nach Geburt am Vormarsch:
Junge Mamis wollen schnell wieder dünn sein

Models wie Heidi Klum Vorbild für gefährlichen Trend Mütter mit Essstörungen gefährden sich und ihr Kind

Magersucht nach Geburt am Vormarsch:
Junge Mamis wollen schnell wieder dünn sein

Schlank ist gleich schön, erfolgreich und beliebt: Diese Gleichung treibt viele junge Frauen und Männer in die Magersucht oder Bulimie. "Essstörungen haben enorm zugenommen", sagt der Münchener Experte Andreas Schnebel. Inzwischen sind auch junge Mütter betroffen - und bei ihnen bedeutet der Schlankheitswahn Gefahr für zwei Menschen gleichzeitig.

Im Herbst 2005 brachte Top-Model Heidi Klum ihr zweites Kind zur Welt. Kaum zwei Monate später präsentierte sie sich in Unterwäsche praktisch ohne Babyspeck. "Models sind von Berufs wegen auf die Figur fixiert", sagt der Psychologe. "Problematisch wird es, wenn andere Frauen denken, dass sie das 1:1 übernehmen und auch so aussehen müssten."

Viele Magersüchtige überleben nicht
Essgestörte lehnen ihren Körper als zu dick ab, erklärt Schnebel, Vorsitzender des deutschen Bundesfachverbandes Essstörungen und therapeutischer Leiter von Anad-Pathways, der nach eigenen Angaben größten deutschen Beratungsstelle für Essstörungen. Mit Essen, Hungern oder Erbrechen würden psychische Bedürfnisse gestillt. Nach außen am auffälligsten sei dabei die Anorexie: Betroffene hätten oft ein Untergewicht von 25 Prozent oder mehr unter dem Normalgewicht. Das Gewicht Erwachsener wird mit Hilfe des Body Mass Index (BMI) ermittelt, der aus Körpergewicht und Größe errechnet wird. Ein BMI von unter 18,5 steht für Untergewicht, unter 17,5 spricht man von extremem Untergewicht. Zehn bis 15 Prozent der Betroffenen überleben eine so dramatische Magersucht nicht.

Nachgeburtliche Magersucht am Vormarsch
Das Krankheitsbild der postnatalen Anorexie, also der nachgeburtlichen Magersucht, ist dem Experten zufolge nicht neu, aber auf dem Vormarsch, sagt der Experte, der zwei Gruppen von Betroffenen unterscheidet: Ein Teil habe schon vor der Schwangerschaft Erfahrungen mit Essstörungen gemacht und rutsche nun wieder in das Problem hinein. Die zweite Gruppe gerate erst während oder nach der Schwangerschaft in eine Anorexie.

Diät als Einstiegsdroge
Vor allem drei Auslöser kommen für die postnatale Anorexie in Frage, sagt Schnebel. Zum einen die Schlankheitsideale der Gesellschaft und der damit einhergehende Druck. Hinzu kämen persönliche Erfahrungen in Familien, Schulen oder Freundeskreisen, in denen nur über das Essen oder die Figur geredet werde. Schließlich könnten Diäten wie Einstiegsdrogen wirken. "Ein ganz wesentlicher psychologischer Hintergrund für eine Essstörung ist, die Kontrolle zu bewahren - das geht normalerweise, aber nicht in einer Schwangerschaft", sagt Schnebel. Ein vorher flacher Bauch werde nun unwillkürlich dick. Auch sei das Leben mit einem Baby eine gewaltige Umstellung.

Krankheit gefährdet auch die Kinder
Schwerwiegende Folgen kann das extreme Hungern laut Schnebel dabei nicht nur für die Frauen, sondern auch für ihre Kinder haben. Erhalten Babys in der Schwangerschaft keine ausgewogene Ernährung, bedeutet dies ein erhöhtes Gesundheitsrisiko. "Untersuchungen zufolge haben Kinder von Müttern mit Essstörungen einen geringeren Kopfumfang", sagt der Psychologe. Auch schauen sich die Kleinen das Hungern unter Umständen ab: "Mütter haben Modellfunktion". Wenn Freunde von Schwangeren oder junge Mütter selbst ahnen, dass sie in eine Essstörung hineinrutschen, sollten sie dringend etwas unternehmen: "Hier werden ja potenziell zwei Menschen gefährdet." Eine erste Anlaufstelle könnten dabei kompetente Beratungsstellen sein, sagt Schnebel. (APA/red)