Mafia-Offensive - Anhaltende Gewaltwelle schockiert Brasilianer: "Der Staat zerfällt"

Polizisten treten für "Todesschwadronen" ein Auch Gemäßigte fordern schon eine "Harte Hand"

Mafia-Offensive - Anhaltende Gewaltwelle schockiert Brasilianer: "Der Staat zerfällt"

Die schlimmste Offensive des Organisierten Verbrechens in der Geschichte Brasiliens in Sao Paulo mit über 130 Todesopfern hat das ganze Land alarmiert. Während Polizisten im Internet bereits offen für die berüchtigten "Todesschwadronen" eintreten, fordern auch gemäßigte Soziologen eine "harte Hand". Staatspräsident Luiz Lula da Silva, ein früherer Gewerkschaftsführer, hatte die Gewaltwelle in der Wirtschaftsmetropole Sao Paulo zum Teil mit der Kluft zwischen Arm und Reich in einem der sozial unausgeglichensten Staaten der Welt erklärt.

Im Bundesland Sao Paulo habe man eine "soziale Revolution" erlebt, sagt auch der angesehene Soziologe Luiz Vianna. Dennoch sei keine Zeit für die Förderung von Wiedereingliederungsprojekten, ist der 67-jährige überzeugt. Wenn Lula jetzt sage, er wolle in Bildung investieren, bringe das nichts. "Der demokratische Rechtsstaat muss sofort reagieren und die Mafia unerbittlich bekämpfen. Alle Bosse der Drogenmafia müssen in neu zu bauende Hochsicherheitsgefängnisse gesteckt werden", fordert Vianna.

Am Dienstag, nach einem Abebben der Mafiaoffensive in dem größten südamerikanischen Land, gab es bereits erste deutliche Hinweise auf Übergriffe der Staatsmacht. Familien aus Slumgebieten beklagten, maskierte Polizisten hätten unschuldige Jugendliche in den vergangenen Tagen "regelrecht hingerichtet". Ein 49-jähriger Klempner sagte, sein 16-jähriger Sohn Ricardo sei am Montag nach einem Besuch bei der Freundin von Sicherheitsbeamten grundlos getötet worden. Es soll viele andere ähnliche Fälle gegeben haben. Der Menschenrechtsbeauftragte der Regierung in Brasilia, Paulo Vanucchi, warnte vor "unkontrollierten" Reaktionen.

"Was bei uns gerade passiert, überrascht mich nicht. Der Staat zerfällt und produziert Gewalt", meint der sozialkritische Filmemacher Jose Padilha. Die Lage in den Gefängnissen sei katastrophal, die Verbrecher hätten nichts zu verlieren. "Und warum soll ein Polizist täglich sein Leben riskieren, wenn er 700 Real (etwa 270 Euro) verdient?", erklärt Padilha die Korruption.

Claudio Abramo von der Nichtregierungsorganisation "Transparencia Brasil" meint, die Grundlage der wachsenden Gewalt in Brasilien und insbesondere der Aufstieg der für die Gewaltwelle verantwortlich gemachten Mafiagruppe "Erstes Hauptstadtkommando" (PCC) sei die Tatenlosigkeit der Justiz. Die Korruption sei vor allem bei den Ämtern wie der Polizei besonders schlimm.

Viereinhalb Monate vor der Präsidentenwahl wird die Gewaltwelle in Brasilien auch zum Politikum. Lulas mutmaßlich schärfster Widersacher, Geraldo Alckmin, "schießt" sich bereits auf den Präsidenten ein. Die für den Sicherheitssektor der Hauptstadt Brasilia zur Verfügung gestellten Mittel seien ungenügend. Aber Alckmin war immerhin bis vor wenigen Wochen noch Gouverneur von Sao Paulo.

Ein Passant in einem wohlsituierten Viertel von Sao Paulo meint: "Bei uns ist eigentlich niemand ohne Schuld. Ich etwa zahle doch meinen Hausangestellten für Rund-um-die-Uhr-Arbeit einen Hungerlohn".

(apa/dpa)