Machtwechsel Down Under: Labor kann sich über Erdrutschsieg in Australien freuen

Rudds Partei erreicht mindestens 80 der 150 Mandate Howard räumt Niederlage ein und kündigt Rücktritt an

Machtwechsel Down Under: Labor kann sich über Erdrutschsieg in Australien freuen

Machtwechsel in Australien: Mit einem unerwartet deutlichen Erdrutsch-Sieg hat die Labor Party unter Kevin Rudd die konservative Regierungskoalition amaus dem Amt gefegt. Für den seit elf Jahren regierenden Premierminister John Howard zeichnete sich eine vernichtende Niederlage ab; sogar in seinem eigenen Wahlkreis lag die Laborkandidatin vorn. Er wäre der erste Premierminister seit 1929, der seinen eigenen Wahlkreis verliert.

Prognosen zufolge kann Labor mindestens 80 der 150 Abgeordnetenmandate und damit die klare Mehrheit auf sich vereinen. Für die bisherige Oppositionspartei stimmten rund 53 Prozent der 13 Millionen Wähler, für die regierenden Liberals und Nationals nur etwa 46 Prozent. Howard kündigte schon vor dem Endergebnis das Ende seiner politischen Karriere an. "Lassen Sie mich am Ende meiner politischen Karriere sagen: ich verdanke der Liberalen Partei mehr, als sie mir verdankt", so Howard vor Parteimitgliedern in Sydney. "Ich habe Herrn Rudd und Labor zu einem eindrücklichen Sieg gratuliert."

"Australien hat sich heute der Zukunft zugewandt", sagte Rudd seinerseits vor jubelnden Parteigängern in Brisbane. "Wir haben alle eine Gänsehaut", meinte eine seiner Anhängerinnen. Endlich werde Australien eine politische Führung haben, die sich um Chancengleichheit kümmere. Die 39-Jährige Celeste Giese war wie viele andere in das Fußballstadion in der Stadt im Norden des Landes gekommen, um eine Wahlparty für Rudd zu feiern. Viele von ihnen trugen T-Shirts mit der Aufschrift "Kevin 07".

Rücknahme der "WorkChoice" versprochen
Rudd hatte seinen Wählern unter anderem die Rücknahme von den als "WorkChoice" bekannten, restriktiven Arbeitsgesetzen versprochen. Sein Empfinden über soziale Gerechtigkeit führt der Sproß einer ärmlichen Farmerfamilie im ländlichen Queensland auf seine Herkunft zurück. Im Alter von elf Jahren kam sein Vater bei einem Verkehrsunfall ums Leben, Rudd musste zeitweise im Auto leben. Nach einem Studium an der prestigeträchtigen Australien National University, wo er Mandarin lernte, ging Rudd in den diplomatischen Dienst und vertrat Australien unter anderem in Peking und Stockholm. Nach seinem Wahlsieg über Howard erklärte der Labor-Chef: "Wir haben viele Differenzen, aber wir sind beide stolz auf dieses Land."

Die Differenzen waren vielen Wählern im Wahlkampf verborgen geblieben. Rudd hatte vor allem damit geworben, frischen Wind in die Regierung zu bringen. In der Wirtschaftspolitik versprach er aber eine Fortsetzung der Politik von Howard. In dessen Amtszeit waren die Bundesschulden getilgt worden, die Arbeitslosigkeit sank auf ein Rekordniveau und die Haushaltseinkommen verdoppelten sich. Der Labor-Chef kündigte eine Fortsetzung der Wirtschaftspolitik an. Großzügige Sozialausgaben werde es bei ihm nicht geben, sagte Rudd. Er kündigte aber ein umfangreiches Programm für Bildungsinvestitionen an.

Truppenabzug aus Irak
Rudd hatte im Wahlkampf den Abzug der verbliebenen 580 Soldaten aus dem Irak angekündigt. Die Beteiligung an der amerikanischen "Koalition der Willigen" ist in Australien seit langem äußerst unpopulär. Howard hatte sich stets als unumstößlicher Verbündeter der USA positioniert. Er stand auch als einziger an Bushs Seite, als dieser das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz ablehnte. Rudd will den Vertrag zum Abbau der Emissionen umgehend ratifizieren. Der künftige Regierungschef dürfte als der unerfahrendste Premier seit dem Zweiten Weltkrieg in seinem Land antreten. Er hatte bisher keine Regierungsämter.

Als Howard Premierminister wurde, kam Rudd gerade ins Parlament. In der Opposition fungierte er als Sprecher für Außenpolitik, ehe er vor einem Jahr die Parteiführung übernahm. In einer Blitzumfrage nach der Stimmabgabe sagten gut 50 Prozent der Befragten, Howard sei zu lange im Amt gewesen. Er hatte sich Bestrebungen in seiner Partei, mit Finanzminister Peter Costello als Spitzenkandidat in den Wahlkampf zu ziehen, stets widersetzt. Howard kann auf vier Wahlsiege in Folge zurückblicken; nur ein australischer Regierungschef vor ihm war länger im Amt.

(apa/red)