Machtkampf am G-20-Gipfel entbrannt:
China wollen Weltmacht USA herausfordern

Zentralbank in Peking schlägt neue Leitwährung vor Einbruch des US-Dollars belastet Exportindustrie

Machtkampf am G-20-Gipfel entbrannt:
China wollen Weltmacht USA herausfordern © Bild: APA/EPA/Diego Azubel

Der Machtkampf um die neue Weltfinanzordnung ist voll entbrannt. Kurz vor dem Gipfel der 20 großen Industrienationen und Schwellenländer (G-20) in London brachte China die USA überraschend mit dem kühnen Vorschlag in die Defensive, den US-Dollar als Leitwährung durch eine neu zu schaffende "Super-Währung" abzulösen.

Wohl kalkuliert feuerte Zentralbankchef Zhou Xiaochuan damit eine volle Breitseite gegen die USA und ihre Dominanz im globalen Finanzsystem. Das alte Währungsgefüge habe ausgedient, eine Reform sei nötig: "Der Ausbruch der Krise und ihre Auswirkungen auf die ganze Welt spiegeln die inhärente Verletzlichkeit und systemimmanenten Risiken des internationalen Währungssystems wider", schrieb der oberste Banker in einem ausführlichen Papier.

Währungssystem unabhängig von einzelnen Ländern
Das neue Währungssystem mit einer globalen Reservewährung, die vom Internationalen Währungsfonds (IWF) verwaltet werden solle, müsse unabhängig von einzelnen Ländern sein. Die Grundlage könnten die sogenannten Sonderziehungsrechte (SDR) des Fonds bilden. Das ist eine 1969 geschaffene, buchhalterische Einheit, die heute auf vier Währungen basiert - dem US-Dollar und Euro sowie in geringerem Maß dem japanischen Yen und britischen Pfund. Zhou Xiaochuan sieht darin "das Licht am Ende des Tunnels". Ihr zugrundeliegender Währungskorb müsse erweitert werden. Dann soll die neue Geld-Einheit international im Zahlungsverkehr und für Kapitalanlagen eingeführt werden.

Chinas oberster Banker räumt ein, dass dies "außerordentliche politische Vision" und viel Zeit erfordert. Die Idee ist auch keineswegs so neu. Schon der britische Ökonomen John Maynard Keynes hatte in den 40er Jahren eine globale Währung vorgeschlagen. Indem China die USA aber völlig unerwartet vor dem Gipfel mit der Forderung nach einer Abkehr vom US-Dollar konfrontiert, demonstriert die Führung in Peking selbstbewusst, dass sie in der Neugestaltung der Weltfinanzordnung ein gehöriges Wort mitreden will. "Es geht um die Neuverteilung der Machtverhältnisse", sagt ein Bankenexperte.

China strebt nach Direktorenposten
Im amerikanisch dominierten Währungsfonds, der nach dem Willen der G-20 in Zukunft besser über die Finanzsysteme der Länder wachen soll, strebt China einen Direktorenposten an. Voraussetzung wäre eine höhere Quote für China, dessen 3,67 Prozent Einlage im Fonds längst nicht mehr dem Gewicht der drittgrößten Volkswirtschaft in der Welt entspricht. Eine neue Quotenverteilung wird auch auf dem G-20-Gipfel diskutiert. Als größtes Entwicklungsland fordert China immer wieder "mehr Mitsprache" für ärmere Länder, die von der Krise besonders hart betroffen seien. Als deren Fürsprecher will China jetzt sein Gewicht in den internationalen Finanzorganen weiter ausbauen.

Der Vorstoß demonstriert auch ein Dilemma Chinas: Es will vom US-Dollar weg, kann es aber nicht. Erst vor zwei Wochen zeigte sich Regierungschef Wen Jiabao "besorgt" über den Wert der chinesischen US-Dollar-Anlagen in amerikanischen Schatzbriefen. China ist mit 740 Mrd. US-Dollar (548 Mrd. Euro) der größte Kreditgeber der USA, weil es seine weltgrößten Devisenreserven durch den hohen Handelsüberschuss anlegen musste. Mit dem massiv steigenden Defizit in den USA droht aber Inflation und Gefahr für diese Investition. Nur aussteigen kann und will China nicht, weil sonst der Wert erst recht ruiniert würde.

China wolle vor allem den Druck auf die ohnehin geschwächten USA erhöhen, in der neuen Finanzordnung einen Teil ihrer Macht abzugeben, meinten Experten. Praktisch sei eine neue "Super-Währung" schon allein deswegen nicht umzusetzen, weil es faktisch eine Bindung des US-Dollars an den Ölhandel gibt. Dass der Vorschlag vor allem politisch motiviert ist, zeigt auch die Tatsache, dass der oberste Banker seine Stellvertreterin Hou Xiaolian offenbar im Unwissen über die Initiative gehalten hatte. Die Währungshüterin hatte nur Stunden zuvor ähnliche russische Vorschläge als unrealistisch verworfen, weil die meisten Handelsströme in US-Dollar abgewickelt würden: "Im Moment sollten wir uns besser auf die Regulierung des internationalen Finanzsystems konzentrieren", lautete ihr Rat da noch.
(apa/red)