Lupenreiner Freispruch nach Mord an Lehrling: Geschworene erkannten Notwehr

43-Jähriger hat Burschen in Wohnung erstochen Wut und Unverständnis bei Angehörigen des Opfers

Mit einem lupenreinen Freispruch ist im Wiener Straflandesgericht der Mordprozess gegen einen allein erziehenden Vater zu Ende gegangen, der in einem Gemeindebau in der Leystraße einen 18 Jahre alten Burschen erstochen hatte. Dieser war am frühen Morgen des 12. März 2006 in die Wohnung des 43-Jährigen eingedrungen und hatte diesem einen Faustschlag und Tritte versetzt. Die Geschworenen billigten dem Mann zu, in Notwehr gehandelt zu haben. Die Entscheidung ist allerdings noch nicht rechtskräftig.

"Es war reine Notwehr", hatte der Angeklagte beteuert, dem Staatsanwältin Susanne Kerbl-Cortella vorwarf, den Lehrling mit einem Stich ins Herz vorsätzlich getötet zu haben. Sie schien von ihrer Mordanklage aber selbst nicht restlos überzeugt zu sein. Das Opfer habe den Vater eines dreieinhalbjährigen Sohnes "attackiert", jener habe immerhin versucht, über sein Mobiltelefon die Polizei zu Hilfe zu holen, sei jedoch in der Warteschleife gelandet, schilderte die Anklägerin.

Immer wieder hatte sich der Mann über Lärm und nächtliche Partys in der über ihm gelegenen Wohnung beschwert. Diesmal war es allerdings nicht dieser Nachbar, der ihn um 5.00 Uhr aus dem Schlaf schreckte, sondern einige junge Burschen, die den stark alkoholisierten 18-Jährigen zum Ausnüchtern in dessen Wohnung "abliefern" wollten.

Der 43-Jährige vernahm minutenlanges Pumpern gegen die Wohnungstür des betreffenden Nachbarn und laute Rufe. Er befürchtete, auch sein kleiner Sohn würde davon wach werden. Also sprang er aus dem Bett, öffnete seine eigene Tür und brüllte "Ist jetzt endlich a Ruh'?" nach oben.

Der Lehrling fühlte sich davon provoziert. Er wankte nach unten, pflanzte sich vor der fremden Tür auf und schrie: "Komm raus, i mach' di fertig!" Der 43-Jährige wollte in dieser Situation die Polizei anrufen, kam aber nicht durch. Um für die nächste Anzeige "Beweismaterial" in der Hand zu haben, griff er zu seiner Digitalkamera und öffnete kurz die Tür, um den rabiaten jungen Mann zu fotografieren.

Ein fataler Fehler: Sobald die Tür einen Spalt offen war, platzierte der 1,68 Meter große und 83 Kilogramm schwere Jugendliche darin seinen Fuß und drückte mit aller Kraft dagegen. Der körperlich unterlegene Mann - nach einem Bandscheibenvorfall hatte er seinen Beruf aufgegeben und ein Buch über die verschiedenen Bibel-Versionen geschrieben, für das er nun einen Verlag sucht - schaffte es nicht, dem athletischen Burschen Paroli zu bieten. Schließlich stand dieser im Vorzimmer.

"Er war nicht zu bremsen", sagte der Angeklagte, "Ich hab' fürchterliche Angst gehabt in dem Moment." Sogar die Freunde des 18-Jährigen versuchten, diesen zurück zu reißen und aus der fremden Wohnung zu befördern. Als der Alkoholisierte zu Sturz kam, bewaffnete sich der 43-Jährige mit einem Küchenmesser. Damit stach er zu, als sich der Angreifer aufrappelte und vom Zuruf "Schleich di jetzt!" unbeeindruckt zeigte. Er wollte neuerlich auf den 43-Jährigen losgehen.

"Er war wie von Sinnen", gab der Angeklagte zu Protokoll. Er habe um sein Leben und das seines Sohnes gefürchtet, der wenige Meter daneben schlief: "Ich war nicht kampfbereit. Er allerdings schon."

Das Messer drang 17 Zentimeter tief in die Brust des Lehrlings ein und verletzte den Herzbeutel und die Lunge. Der 18-Jährige war nicht mehr zu retten, obwohl der Täter unmittelbar nach dem Stich die Einsatzkräfte alarmiert hatte.

(apa/red)