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"Lügenpresse, halt die Fresse!"

Warum der Begriff der "Lügenpresse" nicht neu ist und was dahinter steckt.

Fakten - "Lügenpresse, halt die Fresse!" © Bild: APA/Schlager

Die Bundespräsidentenwahl ist geschlagen, die Fernsehduelle längst vorbei und dennoch gehen die Debatten weiter – und die Wogen hoch. Manipulationsskandal! Briefwahlverschwörung! Wahrheitsverleumdung! Ein Schlagwort darf dabei natürlich nicht fehlen: Die Lügenpresse. Doch was es hat es mit diesem Begriff auf sich?

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Immer wieder taucht er auf. Als Schlachtruf, Schmähwort, Parole. Und richtet sich mit einem bedrohlich anmutendem verschwörerischen Charakter gezielt gegen die Medien. Objektivität und Glaubwürdigkeit werden angezweifelt, die Presse pauschal verurteilt. Und die Journalisten? Sind sowieso nur Marionetten der Politik, des „Systems“. Man merkt sehr schnell, was die Macht des Begriffs ausmacht: Er simplifiziert, teilt die Welt in schwarz und weiß, in gut und böse. Die Guten sind die Betrogenen, die Bösen die Betrüger. Nicht umsonst wurde „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres 2014 gewählt, ist es doch „ein besonders hinterlistiges Mittel derjenigen, die es gezielt einsetzen und die Medien dadurch pauschal diffamieren“, so die Jury.

2014? Neu? Wohl eher nicht.

Der Vorwurf der Lügenpresse ist jedoch kein Phänomen moderner Mediengesellschaften, sondern fast so alt, wie das Zeitungswesen selbst. Nachweisen lässt er sich schon ab der Revolution 1848, als durch die Aufhebung der Pressezensur die Zeitungslandschaft erblühte. Im ersten Weltkrieg stieg die Verwendung des Wortes exponenziell an und fand als Bezeichnung für die Presse der Feindstaaten großen Anklang. Auch zur Strategie nationalsozialistischer Propaganda gehörte es, die Medien der Kriegsgegner als Lügenpresse abzustempeln. Im Zuge ihrer antisemitischen Verschwörungstheorie wurden jedoch auch die Juden als Steuermänner der Lügenpresse diffamiert. Lügenpresse war also fixer Bestandteil des Nazi-Jargons. Eingang fand der Begriff auch später in der DDR-Rhetorik, hier wurde er gegen den Westen eingesetzt. Die Geschichte des Begriffs ist also von nichts Geringerem als von der Geschichte selbst geprägt.

Lügenpresse auf die Fresse

Seit Beginn der 2000er Jahre erfreut sich das Wort „Lügenpresse“ vor allem in rechtspopulistischen Kreisen hoher Beliebtheit. „Lügenpresse halt die Fresse“ etablierte sich zu einem Kampfruf auf Pegida-Demonstrationen und wird in Sprechchören in die Welt hinaus geschrien. Neu dabei ist, dass nicht die Presse als Institution, sondern Journalisten persönlich angegriffen werden wie es bei der Moderatorin Ingrid Thurher in der Causa Tempelberg der Fall war. Ort des Geschehens sind dabei oft Soziale Netzwerke, denn die unendlichen Tiefen des Internets eignen sich bekanntlich besonders gut, um Verschwörungstheorien zu finden und zu verbreiten. Das Praktische daran: Sollte sich herausstellen, dass sie nicht richtig oder lediglich der Feder eines Satirezeitschriftredakteurs entsprungen sind, lassen sie sich ganz schnell mit einem Klick entfernen.

Lügen wie gedruckt

Laut einer von der FAZ in Auftrag gegebenen Studie, konnten Ende 2015 39% der erwachsenen Bevölkerung Deutschlands dem Lügenpresse-Vorwurf der Pegida einen gewissen Wahrheitsgehalt nicht absprechen. Auch sie seien der Meinung, dass Medien Sachverhalte nicht objektiv genug darstellen, die Sachverhalte verdrehen und Lesenden wesentliche Informationen vorenthalten. Fundierte Medienkritik ist ohne Frage unerlässlich. Jedoch muss nicht alles, was von der eigenen Meinung abweicht, immer eine Lüge seien.

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