"Living With War": Neil Youngs neues Album
als Frontalattacke gegen Präsident Bush

Wütender Anti-Kriegs-Protest des Folkrockers Young: "Es rollte wie eine Welle aus mir raus"

"Living With War": Neil Youngs neues Album
als Frontalattacke gegen Präsident Bush

Neil Young hatte es satt, auf einen jungen Musiker zu warten, der den Mund aufmachen und Washington die Stirn bieten würde. "Ich habe lange gewartet. Dann kam ich zu dem Schluss, dass es vielleicht die alte Generation aus den 60er Jahren tun muss", erklärt der ergraute kanadische Folkrocker in der "Los Angeles Times". Das Ergebnis ist "Living With War", eine Kampferklärung an die Bush-Regierung, ein wütender Protest gegen den Irakkrieg und mitfühlende Worte für die Soldaten und ihre Familien.

Die "Times" preist das Album als die "bis heute stärkste unmissverständliche Verurteilung des Irakkriegs durch eine Pop- Musikgröße". Der Altrocker nimmt tatsächlich kein Blatt vor den Mund. In dem Song "Let's Impeach the President" fordert er die Amtsenthebung des US-Präsidenten. Er bezichtigt George W. Bush der Lüge und der Irreführung. In "Living With War" verspricht Young, sich keiner Gedankenpolizei zu beugen. In "The Restless Consumer" wehrt sich der Barde mit "Don't Need No More Lies" gegen Lügen. Er besingt falsche Angaben über Massenvernichtungswaffen, gescheiterte Kriegsstrategien und die Notwendigkeit, einen neuen Präsidenten zu finden, "...vielleicht eine Frau oder einen Schwarzen".

Nach den sanften Folkklängen in Youngs letztem Album "Prairie Wind" schlägt er jetzt einen rohen, unpolierten Ton an. Dabei wird er in vielen der zehn Songs von einem hundertköpfigen Chor unterstützt. In weniger als drei Wochen im März und April zimmerte er die Platte zusammen. Er habe einfach impulsiv gehandelt, zitiert ihn die "New York Times". "Es ist schneller zu Stande gekommen, als ich es je zuvor erlebt habe, es rollte wie eine Welle aus mir raus."

Auch die Kritiker waren schnell zur Stelle. "Wo bist du denn so lange gewesen, Neil?", frotzelte die "Washington Post" über das späte Antikriegsalbum. "Es geht nur darum, Dampf abzulassen, daher sind es auch nur Lärm und Misstöne." Ein "Fox News"-Kommentator hielt dem gebürtigen Kanadier prompt unter die Nase, dass er ausgerechnet das Land durch den Schmutz ziehe, dass ihn reich gemacht habe.

"Ich mache nur von meinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch", verteidigte sich Young beim Sender CNN. Gerade diese Freiheit habe er in Amerika schon seit den sechziger Jahren geschätzt. Als Crosby, Stills, Nash & Young machte er sich beim legendären Woodstock-Festival für Frieden, Liebe und Gleichberechtigung stark. Sein Song "Ohio", den er nach dem Tod von vier Studenten an der Kent State Universität bei Anti-Vietnam- Demonstrationen schrieb, wurde zur Hymne der Kriegsgegner in den USA.

Doch Young ließ sich nie in die Schablone des Linken und Pazifisten drücken. In den 80er Jahren sympathisierte er mit Ronald Reagan. Nach den Terrorangriffen vom 11. September stimmte er mit dem Song "Let's Roll" in den patriotischen Chorus ein, das Böse zu bekämpfen. Anfangs sprach er auch dem "Patriot Act" gegen den Terrorismus seine Unterstützung zu. Doch schon zwei Jahre später prangert Young mit dem Album "Greendale" eine anti-liberale Stimmung an, in der Leute riskierten, als unpatriotisch dazustehen, wenn sie ihre Meinung äußerten.

Nach "Living With War" wirft ihm keiner mehr Wankelmütigkeit vor. "Die erstaunliche Dreistigkeit dieser Platte ist nach jahrelanger Ängstlichkeit in den oberen Rängen der Pop-Welt richtig erfrischend", hält im die "Times" zu Gute. Im Sommer will Young seinen Protest auch Live auf die Bühne bringen, wenn er mit Crosby, Stills, Nash & Young bei der "Freedom of Speech"-Tour die Redefreiheit zelebriert.

(apa/red)