Liu Xiaobo - Friedensnobelpreisträger 2010: 'Die gefährlichste Person für Chinas Regime'

'Komplizierter, aber ehrlicher und direkter Charakter' Mann mit Schwächen: Befürwortete den Irak-Krieg<br>Nobelpreis in Abwesenheit Xiabos am 10.12. vergeben

Die Fakten sind bekannt: Liu Xiaobo ist einer der bekanntesten Dissidenten Chinas. Der Schriftsteller engagiert sich seit Ende der 1980er Jahre für mehr Demokratie und mehr Menschenrechte im Reich der Mitte und wurde dafür auch mehrfach bestraft. Seit Dezember 2008 sitzt der 54-Jährige mal wieder im Gefängnis, die Staatsgewalt soll er untergraben haben. Doch was steckt hinter diesen Fakten? Wer verbirgt sich hinter diesen neun Buchstaben, wer ist der Friedensnobelpreisträger 2010 wirklich?

Es ist seine tragende Rolle im Tian’anmen-Massaker im Jahr 1989, die Liu Xiaobo, einen chinesischen Schriftsteller und Literaturprofessor, mit einem Schlag zu einer Berühmtheit macht. Und zu einem chinesischen Staatsfeind. Mehrere Inhaftierungen und eine jahrelange „Umerziehung“ in einem Arbeitslager sollten Xiaobo den rebellischen Zahn ziehen. Stattdessen wurde er zum weltweit bekannten Gesicht der chinesischen Widerstandsbewegung.

Es ist die „Charta 08“, die Liu Xiaobo Ende des Jahres 2008 eine elfjährige Haftstrafe einbringt. Ein kollektiver Appell für mehr Demokratie und Menschenrechte im Reich der Mitte. Ein Angriff auf den alleinigen Herrschaftsanspruch der Kommunistischen Partei Chinas. Und bei diesem Thema reagiert man dort sehr allergisch, wie der renommierte Menschenrechtsexperte Manfred Nowak im NEWS.at-Interview erklärt. Am 8. Dezember 2008 holte die Polizei Liu Xiaobo, um ihn wegen „Untergrabung der Staatsgewalt“ festzunehmen. Um einen gefährlichen Störenfried wegzusperren. Doch auch dieser Plan schlug fehl.

"Gefährlichste Person für China"
Gerade durch diese umstrittene Gefängnisstrafe besitzt China nämlich einen weiteren wunden Punkt in der internationalen Staatengemeinschaft, wie sein Biograf und langjähriger Freund Bei Ling im NEWS.at-Interview erläutert, denn „China fühlt sich dadurch im Dialog mit Obama, Merkel oder Sarkozy sicherlich schuldig“. Dieser Schwachpunkt wird nun weiter verstärkt durch die Vergabe des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo. An Liu Xiaobo, einen Mann, den Bei Ling als „komplizierten, aber auch ehrlichen und direkten Charakter“ beschreibt. Der für das chinesische Regime „wohl die gefährlichste Person überhaupt ist, weil er eine starke Organisation hinter sich hat: den PEN-Club“. Die internationale Schriftstellervereinigung.

Doch Liu Xiaobo hat wie jeder andere Mensch auch seine Schattenseiten. Untreu ist er seiner ersten Frau gewesen, von einem perfekten Gatten konnte keine Rede sein. Zudem monieren seine Kritiker, dass er mit der Kommunistischen Partei kollaboriert habe. Ein Vorwurf, gegen den er sich nicht wehren kann, denn Kontakt zu ihm ist derzeit keiner vorhanden. Doch selbst Bei Ling meint, dass „er lernen muss, Menschen zuzuhören, die anderer Meinung sind“. Und dann wäre da noch die Meinungsverschiedenheit zum Irak-Krieg, die Liu Xiaobo mit Bei Ling hatte. Befürwortete doch der heurige Friedensnobelpreisträger tatsächlich George W. Bushs Militäroffensive.

"Chinas Verhalten nicht mehr tragbar"
Diese Schwächen mindern aber keineswegs die Bedeutung Liu Xiaobos. Doch wie gefährlich ist er tatsächlich für Chinas Führung? Es ist vor allem der symbolische Wert, der ihn laut Nowak für die Widerstandsbewegung so immens wichtig macht. Und der das Regime vielleicht einmal erkennen lässt, dass „dieses repressive Verhalten gegenüber Dissidenten für eine ökonomische Weltmacht nicht mehr tragbar ist“. Seit Kurzem gestaltet sich die Situation für China noch schwieriger. Denn wie Bei Ling hoffnungsvoll erklärt: „Jeder Friedensnobelpreisträger hat sein eigenes Land verändert, egal ob frei oder eingesperrt“.

Veränderung. Wandel. Worte, die bei Chinas Oppositionellen vermutlich einen verträumten Blick auslösen. Wobei man fairerweise sagen muss, dass sich im letzten Jahrzehnt einiges zum Guten gewendet hat. „Solange man eine bestimmte rote Linie nicht überschreitet, ist heute viel mehr Kritik am System möglich“, betont Manfred Nowak. Dementsprechend konnten sich auch die Regierungsgegner besser formieren, „der intellektuelle Widerstand ist immer größer geworden und hat eine eigene Stimme gefunden“, erklärt Bei Ling nicht ohne Stolz, auch wenn er als Exilant nicht direkt daran beteiligt war.

Wandel durch einen großen Crash?
Diesen positiven Trend gilt es nun fortzusetzen, und der Friedensnobelpreis kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Auch wenn China auf die Entscheidung des Nobel-Komitees „ausgesprochen beleidigt reagiert hat“, ist sich Nowak sicher, „dass sich das langfristig positiv auswirken wird“. Bei Ling teilt diese Meinung, nennt aber ein weiteres Szenario, welches eine Veränderung ermöglichen könnte: „Ein großer ökonomischer oder ökologischer Crash. Denn wenn die Lage schlecht ist, dann ist ein Wandel wirklich möglich“.

Doch zurück zu Liu Xiaobo. Was der renommierte norwegische Preis für ihn bedeutet, dazu gibt es geteilte Meinungen. Manfred Nowak schließt zwar eine baldige Entlassung aus, doch hält er diese zumindest langfristig für möglich. Bei Ling sieht die Lage da schon etwas pessimistischer: „Der Friedensnobelpreis ist extrem wichtig für die Widerstandsbewegung in China, doch für Liu Xiaobo selbst, für seine Chancen auf Freiheit, hat das negative Auswirkungen, weil er damit noch wichtiger geworden ist“.

Der Preis für den Friedensnobelpreis wäre in diesem Fall ein hoher.

Kim Son Hoang