Liu Jia kehrt zurück in die Heimat: ÖTTV-
Ass vor Rendezvous mit der Vergangenheit

Lob dem Mutterland - Aber sportliches Versteckspiel Druck als Motivation Medaillen-Ziel zu erreichen

Liu Jia kehrt zurück in die Heimat: ÖTTV-
Ass vor Rendezvous mit der Vergangenheit © Bild: APA/EPA/Azubel

Olympische Sommerspiele im Heimatland wird wohl niemals ein österreichischer Sportler erleben dürfen - so realistisch muss man sein. Beim Tischtennis-Trio Chen Weixing, Li Qiangbing und Liu Jia ist das in diesem Sommer aber doch zumindest ein wenig der Fall, denn sie stammen alle aus China. Speziell für Liu Jia wird dieses Großereignis zu einem Rendezvous mit ihrer Vergangenheit, denn sie ist in der Gastgeberstadt Peking aufgewachsen.

Bis zu ihrem 15. Lebensjahr durchlief Liu die harte chinesische Tischtennis-Schule, doch den ersehnten Aufstieg aus der Kinder-Kaderschmiede in das Nationalteam blieb ihr verwehrt. Der Weggang 1997 nach Österreich erwies sich für "Susi" als Glücksfall. Sie gibt alles für ihre zweite Heimat und ist in der Alpenrepublik glücklich. Dennoch lebt Liu nach wie vor mit China mit, nicht nur wegen ihrer dort lebenden Bekannt- und Verwandtschaft.

"Ich war gerade in Peking, als China die Olympischen Spiele bekommen hat. Das war sehr spannend", erinnert sich die heute 26-Jährige an den 13. Juli 2001 zurück. "Ich habe vier Jahre davor erlebt, wie Peking in der Abstimmung gegen Sydney verloren hat. Da war die Bevölkerung sehr enttäuscht, das war ein trauriger Moment." Der Zuschlag war aber dann die Entschädigung. "Tausende Menschen sind auf die Straßen gegangen, haben sich gegenseitig gratuliert."

Vorfreude auf das Großereignis
Auch Liu hat sich sehr über die Vergabe gefreut, obwohl sie damals schon vier Jahre lang Österreicherin war und für den ÖTTV ein WM-Viertelfinale erreicht hatte. "Ich habe mich für China gefreut. Denn ich habe gleich gewusst, dass es ein sehr schönes Fest wird." Österreichs bisher erfolgreichste Tischtennis-Spielerin hat den Kontakt zum "Reich der Mitte" nie verloren. "Ich habe mich immer interessiert und vieles mitbekommen. Meine Eltern und viele Freunde leben ja dort."

Liu Jia freut sich nicht nur auf das sportliche Olympia, sondern auch auf das neue Peking, und wie es sich der Welt ihrer Meinung nach zeigen wird. "China hat sich unheimlich entwickelt", erklärt sie. "Ich weiß, dass noch sehr viele Fehler gemacht werden. Aber das ganze Land hat es schon sehr weit gebracht - in der Wirtschaft, am Markt."

In der Tibet-Frage möchte sich das ÖTTV-Ass eher heraushalten. "Damit habe ich mich zu wenig beschäftigt. Es sollte für den Sport auch kein Thema sein." Doch die Oberösterreicherin hat doch eine gewisse Meinung zu diesem Thema, speziell als gebürtige Chinesin. "Mit Absicht so eine Attacke zu machen, das ist nicht okay. Tibet ist ein unangenehmes Thema."

"Ich habe gelernt, was Disziplin heißt"
Liu Jia ist China und Peking dankbar, auch wenn ihr die erhoffte große Karriere in ihrem Mutterland nicht ermöglicht wurde. Die Linzerin sieht die positiven Seiten ihrer damaligen Anstrengungen, legt sie auf ihr heutiges Leben um: "Ich habe gelernt, was Disziplin heißt. Ich habe mit Druck umzugehen gelernt." Demgemäß weiß die Europameisterin 2005, unter welcher Anspannung Chinas Spieler und Spielerinnen in den olympischen Bewerben stehen werden.

Im "Zeichen der Fünf Ringe" sieht es Liu nicht als gegeben an, dass die Vertreter der Gastgeber-Nation wie von ihren Landsleuten erwartet alle vier zu vergebenden Goldenen holen. "Es wird verdammt hart für die Chinesen, weil sie fix die Medaillen machen sollen. Dieser Druck kann nervös machen." Ihren persönlichen Druck vor Olympia sieht die Europa-Top-12-Siegerin 2005 hingegen positiv: "Das ist Motivation. Ich liebe Druck, das ist eine Herausforderung."

Sportlich macht es für Liu keinen Unterschied, dass Olympia in Peking ist. "Es ist egal, es bleiben ja die gleichen Gegner." Aber die Linz-AG-Froschberg-Spielerin weiß sehr wohl, dass sie vor dem heuer mit Abstand wichtigsten Turnier unter chinesischer Beobachtung steht. "Sie analysieren mein Spiel, haben mich schon oft in- und auswendig gelernt", sagt Liu. "Daher fahre ich auch nicht zu den China Open. Ich möchte keine Aufmerksamkeit erregen."

Spielumstellung als Mittel zum Erfolg
Liebend gerne würde die ehemalige Top-Ten-Spielerin eine Olympia-Medaille gewinnen, hat dafür ihr Spiel umgestellt. "Ich trainiere sehr intensiv an der Qualität, mein Spiel ist sehr europäisch." Und nicht nur damit will die Zeitsoldatin ihre asiatischen Gegnerinnen überraschen. "Vom Tempo und der Taktik her spiele ich ganz anders als früher." Da ist es ein Vorteil, wenn sie vor den Spielen nicht so oft gegen Chinesinnen spielt.

Ein olympischer Medaillengewinn wäre für Liu kein Beweis, dass China sie hätte behalten sollen. "Ich muss China nichts beweisen. Ich bin auch nicht die einzige, die gescheitert ist. Aber vor allem mir will ich beweisen, dass ich mehr Potenzial habe." In Athen 2004 hatte sie es als 22-Jährige nicht gebracht. "Jeder hat mir eine Medaille zugetraut. Dann bin ich im ersten Match ausgeschieden."

Von ihrer Familie wird Liu nicht in der Halle unterstützt werden, alle Tickets sind vergriffen. "Es wäre schön gewesen, wenn sie gekommen wären. Aber ich bin auch bei anderen Chinesen beliebt." Es gibt in China sogar einen Fanclub für die Weltranglisten-18. Doch am wichtigsten wird Liu Jia der Kontakt rund um ihre Einsätze mit ihrem Vater sein. "Papa kann mir helfen. Er ist mein bester Psychologe, da er jede meiner Reaktionen kennt."

(apa/red)