Literatur von

Peter Handke:
"Ich bin ja auch ein Stümper"

Der Autor analysiert die politischen Verhältnisse in Übersee - und in Österreich

Literatur - Peter Handke:
"Ich bin ja auch ein Stümper" © Bild: News/Sebastian Reich

Einen Monat vor seinem 75. Geburtstag bringt der österreichische Weltschriftsteller Peter Handke den wundersamen Reiseroman "Die Obstdiebin". Ein Gespräch über falsche Dichter, böse Politiker und die Unsterblichkeit

Welch ein Leseabenteuer! Einer der größten Erzähler unserer Zeit erzählt vom Erzählen. "Die Obstdiebin -oder -Einfache Fahrt ins Landesinnere" beginnt in der "Niemandsbucht", Peter Handkes Haus mit Landschaft in Chaville bei Paris. Der alt gewordene Bewohner bricht zu einer Reise in die nordfranzösische Picardie auf. Als wäre es ein Abschied für immer, hält er jeden Schritt der Abreise fest.

Eine Gestalt gewinnt Kontur, einen Namen, eine Vorgeschichte: Die "Obstdiebin" ist die Tochter des Reisenden (Handke hat ihrer zwei), und als sie fertig konzipiert ist, leistet der alte Wandersmann Verzicht auf das literarische Ich und erzählt die Geschichte der Obstdiebin Alexia. Elemente einer Kriminalhandlung, einer Schauer-und einer Liebesgeschichte, Zitate aus Filmen mengen sich ins Geschehen. Am Ende sind drei Tage vergangen. Vor dem Interview stellt Handke, der am 6. Dezember schwer ausdenkbare 75 Jahre alt wird, eine Bedingung: kein Wort über das Buch. Das solle jeder für sich selbst erkunden.

News: Herr Handke, hat Macron tatsächlich auf der Frankfurter Buchmesse von Ihnen gesprochen?
Peter Handke: Ich hab auch nur davon gehört. Er sagte, das Übersetzen kann nie mit einem maschinellen System geschehen, das können nur einzige, bedenkende Leute tun, so wie ich René Chars "Rückkehr stromauf" übersetzt habe. Nur so könne die Eucharistie der Worte und Wörter geschaffen werden.

Gefällt Ihnen Macron?
Er schaut einem jedenfalls freundlich in die Augen. Das Politische muss man abwarten. Aber es gibt jetzt zum Beispiel einen Finanz-und Wirtschaftsminister, Bruno Le Maire, der perfekt Deutsch spricht. Die Präsidenten vorher, Hollande und Sarkozy, konnten kein Wort einer anderen Sprache. Die nennen sich Elite und reden nicht einmal Englisch, von Altgriechisch und Latein zu schweigen! Eine Barbarei sondergleichen.

Heißt das, es scheint unter Macron besser zu werden?
Es ist besser, ja. Ob daraus in dieser zugeschienten Wirtschaftswelt was wird, das ist wieder eine andere Frage.

Nun haben wir in Österreich ja auch eine Art Macron.
Ah ja?

»Kurz hat mich seltsamerweise an die Masken aus Gummi erinnert, die sich manche Bankräuber über das Gesicht ziehen.«

Wie gefällt Ihnen denn der?
Ich hab ihn nur einmal kurz im französischen Fernsehen gesehen, in einer der Bars, in denen ich gern bin. Dort ist immer der Ton ausgeschaltet, und Kurz hat mich seltsamerweise an die Masken aus Gummi erinnert, die sich manche Bankräuber über das Gesicht ziehen. Mir schien, als wäre das gar keine wirkliche Haut. Aber wer weiß, vielleicht ist er ja der neue Sankt Franziskus, mit den Vöglein in der Hand.

Derzeit hat er andere Vögel an der Hand, viele freiheitliche Burschenschafter, ein wahrer Rechtsruck gegenüber Jörg Haider.
Ja, ich hatte gedacht, dass Österreich seiner Geschichte ein bisschen mehr ans Licht, in die Weltoffenheit entkommt. Aber niemand ist dazu in der Lage. Vielleicht die älteren Männer könnten es, bei den Konservativen, den Sozialisten, den Kommunisten mit Heinz Fischer gab es aus der Distanz ein angenehmes Dialogisieren. Aber das ist ja vorbei.

Den Grünen haben Sie die Sympathie aufgekündigt?
Die waren einmal etwas Nützliches, als Idee. Als ich noch in Österreich war, habe ich die sogar gewählt. Aber wenn nur das Besserwissen der Fall ist, das Sich-nicht-Einlassen auf andere, immer nur urteilen und wissen, wer der Böse und wer der Gute ist das ist ja grausig. Diese Partei hat überhaupt kein geistiges Format, auch in Frankreich nicht.

Haben Sie diesmal gewählt?
Nein. Meine ältere Tochter Amina, die in Wien lebt, hat mich beschworen, es zu tun. Aber ich bin, was Österreich betrifft, politisch analphabetisch geworden.

Nun hat in Ihrem Heimatland Kärnten die FPÖ fast bis zum Konkurs des Landes gewirkt, und doch ist Kärnten das einzige Bundesland mit einer blauen Mehrheit bei der Nationalratswahl. Freut Sie das?
Freude ist was anderes.

»Im Grund verdient Amerika einen Typen wie diese wuchtige Jammergestalt Trump. «

Apropos Freude an Politik: Was unterscheidet Trump eigentlich von Clinton, den Sie unermesslich angegriffen haben, als er Jugoslawien bombardiert hat?
Beide sind mir zuwider, aber auch die amerikanischen Zeitungen. Die "New York Times" spielt den Moralapostel der Welt, hat aber ästhetisch und musisch überhaupt nichts zu bieten. Diese Aufspielerei einer falschen Macht! Im Grund verdient Amerika einen Typen wie diese wuchtige Jammergestalt Trump. Clinton hat gebombt und Schriftsteller wie Márquez, Vargas Llosa oder Fuentes um sich geschart und getan, als ob er ein Leser wäre. Da ist mir ein totaler Barbar wie Trump noch lieber.

Nun hat soeben die Nobelpreisträgerin Herta Müller den Serben die Leviten gelesen: Sie seien quasi kollektive Kriegsverbrecher.
Ja, ich habe davon gehört. So wie damals die Jelinek gesagt hat, man sollte das ganze serbische Volk psychoanalysieren. Ich habe ja schon ein Misstrauen, wenn Schriftsteller wissen, wo es langgeht. Aber bei Schriftstellerinnen ist das auch nicht gerade das Höchste.

Dass Sie der Nobelpreis nicht interessiert, darüber sind wir uns seit Längerem einig. Haben Sie triumphiert, als ihn Bob Dylan bekommen und das Komitee grausam vorgeführt hat?
Nein, das war ein völliger Stuss, eine Verhöhnung des Lesens. Bob Dylan ist ein großer Sänger. Seine Lieder wird es immer geben, er, Leonard Cohen oder die Beatles haben unser Leben bestimmt. Aber was hat das mit Literatur zu tun? Sogar sein Gedichtband "Tarantula" war nur ein ganz liebes Wirrwarr. Der Nobelpreis hat seine Autorität verloren. Die Verhöhnung des Lesens passiert immer wieder bei diesen Preisen. Man kann es den Leuten aber nicht verdenken: Es gibt ja keine Weltliteratur mehr. Es gibt eine internationale Literatur, die überall gleich ausschaut. Aber die Weltliteratur im Goethe'schen Sinn ist aus den Fugen. Wie sollen diese Hampelmänner in Stockholm denn da etwas beurteilen?

© News/Sebastian Reich Der Garten um das Jahrhundertwendehaus führt in die Natur, die Handke tagelang erwandert

Und mit Ishiguro heuer sind Sie einverstanden?
Nein, nein. Er hat ein sehr gutes Buch geschrieben, "Was vom Tage übrig blieb". Was danach kam, war englische Entertainment-Routine. Sicher, es ist schon viel, ein gutes Buch zu schreiben, aber es gibt immer noch das, was man Werk nennt. Cervantes, Goethe, Tolstoi das geht weit über ein einzelnes Buch.

Was soll man denn lesen?
Adalbert Stifters "Witiko", über die Zeit der Gründung des Königreichs Böhmen. Ein Buch, von dem mir alle anderen abgeraten haben, ich selbst auch. Das ist hypnotisierend, unendlich spannend, ganz anders als Thomas Bernhard. Hypnotisierend und zugleich aufschließend. Man lernt, was Geschichte ist, ohne lernen zu müssen. Die Verfasser historischer Romane von heute sind einfach nur Scharlatane. Aber "Krieg und Frieden" und "Witiko" sind die Romane, in denen ein Mensch mit dem Blick, mit allen Sinnen dabei ist. Die Farben der Wamse der Menschen im 12. Jahrhundert in Böhmen und Mähren und dann plötzlich ist alles vergegenwärtigt, als wiederholte es sich bis heute ewig im Tragischen. Das ist keine Mache wie die heutige Discjockey-Literatur.

»Der Journalismus wuchert in der Literatur wie ein Krebs. «

Daniel Kehlmann hat gerade einen historischen Roman über Eulenspiegel geschrieben. Kennen Sie den?
Ich hab ein, zwei Bücher von ihm gelesen. Das ist journalistische Literatur, wie heute überall. Der Journalismus wuchert in der Literatur wie ein Krebs. Wenn Sie sich Goethes Werk ansehen, vom Anfang bis zu den letzten Tagebucheintragungen, da finden Sie nicht den Ehrgeiz eines Autors. Sondern das Muster des Menschenlebens leuchtet durch. Nur das ist Schriftstellerei. Aber nicht nur die Schriftsteller, auch die Leute, die über Bücher schreiben, sehen den Unterschied nicht mehr.

Würden Sie mir zustimmen, dass Sie selbst ein weltliterarisches Werk schaffen?
Ich weiß nicht ich möchte auch immer leicht sein, und ich bin ja auch ein Stümper. Ich weiß nicht, wie's langgeht, aber das ist ja das Aufregende.

Wie gefällt Ihnen denn der sich nähernde 75. Geburtstag? Werden Sie wieder nach Spanien entkommen wie beim Siebziger?
Ich flüchte mich zu meinen Leuten.

Wohin?
Was geht Sie denn das an? Hier in Chaville bleibe ich, in meinem Kaff. Die portugiesische Bar käme infrage.

Und macht Ihnen der Termin zu schaffen? Sie sind irgendwie habituell nicht 75, eher ein junger, wütender Mensch.
Ich bin ein friedlicher Mensch, glaube ich, aber das Friedliche geht bei mir ab und zu mit Streit zusammen. Ich bin der Rappelkopf aus Raimunds "Alpenkönig und Menschenfeind", episodisch zumindest. Aber das Alter ist das Alter, und ich bin so alt, wie ich bin.

Stört es Sie?
Es ist ein bisschen unheimlich, zu leben. Aber das Leben ist ja überhaupt nicht normal. Bei den vielen Toten im Verlauf der Menschheitsgeschichte ist das Leben ja fast ein Ausnahmezustand.

Ist es für Sie wichtig, was in drei oder vier Generationen von Ihrem Werk bleibt?
Das weiß ich nicht. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es verschwindet. Und wenn es verschwindet, dann verschwindet es halt.

Und werden Sie es von irgendeiner anderen Welt aus beobachten?
Ich lebe jetzt. Alles andere sind Pseudogedanken.

Peter Handke wurde am 6. Dezember 1942 in eine slowenischdeutsch-kärntnerische Familie in Griffen geboren. Mit dem Theatertext "Publikumsbeschimpfung" begann er 1966 eine weltliterarisch relevante Laufbahn als Dramatiker und Erzähler. Handke ist mit der Schauspielerin Sophie Semin verheiratet und hat zwei Töchter aus zwei Ehen. Er lebt in Chaville bei Paris.

© Suhrkamp

Die Obstdiebin
Das 559 Seiten starke Epos ist anfangs von einer starken Abschiedsstimmung geprägt: Ein alter Herr, der wie Cézannes Gärtner Vallier aussieht, bricht aus seiner "Niemandsbucht" zu einer Reise ins Landesinnere auf. Die Obstdiebin, deren Geschichte im Kopf des Reisenden entsteht, ist seine Tochter, und die beiden nähern sich einander auf einer dreitägigen Wanderung. Suhrkamp, € 35,-