Literatur-Nobelpreis geht heuer nach Großbritannien: Doris Lessing wird geehrt

87-Jährige gilt als 'Epikerin der weiblichen Erfahrung' KLICKEN: Alle Literatur-Nobelpreisträger seit 1946

Literatur-Nobelpreis geht heuer nach Großbritannien: Doris Lessing wird geehrt

Die britische Autorin Doris Lessing erhält den diesjährigen Nobelpreis für Literatur. Die 87-jährige Autorin wurde für ihren weiblichen und sozialkritischen Blick auf das 20. Jahrhundert ausgezeichnet, wie die Schwedische Akademie in Stockholm bekannt gab. Sie wurde gewürdigt als "Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat".

Lessing, die nicht mit einem Anruf gerechnet hatte, bezeichnete die Auszeichnung als "Royal Flush". "Das ging jetzt 30 Jahre so. Ich habe alle Preise in Europa gewonnen, jeden verdammten Preis", sagte Lessing in London. Sie sei "begeistert", jetzt auch den Nobelpreis erhalten zu haben. Lessings Agent Jonathan Clowes erklärte: "Wir sind hoch erfreut, und das ist sehr verdient." Der Sekretär der Akademie, Horace Engdahl, sprach von einer der "wohldurchdachtesten Entscheidungen, die wir jemals getroffen haben".

Durchbruch gelang 1962 mit "Das goldene Notizbuch"
Der Durchbruch gelang Lessing 1962 mit dem Werk "Das goldene Notizbuch", wie die Nobelpreis-Akademie erklärte. Lessings Werk sei von der Frauenbewegung als Pionierleistung angesehen worden. "Es gehört zu der Handvoll Bücher, die über die Sicht der Mann-Frau-Beziehung des 20. Jahrhunderts informieren." Weiter stellte die Akademie die Verdienste ihres frühen Werks "Afrikanische Tragödie" von 1950 heraus. "Das Buch ist beides, eine Tragödie, die auf Liebe und Hass basiert, sowie eine Studie der unüberbrückbaren Rassenkonflikte."

Lessing beschrieb in über 50 Jahren schriftstellerischer Tätigkeit ihren Lesern das koloniale Afrika ebenso wie soziale und mentale Krisen oder auch eine atomare Katastrophe."Die Vision einer globalen Katastrophe, die die Menschheit zwingt, zu einer primitiveren Lebensform zurückzugehen, sprach Doris Lessing besonders an", hieß es in der Begründung der Akademie. "Aus Zusammenbruch und Chaos entstehen die elementaren Qualitäten, die es Lessing erlauben, Hoffnung in der Menschheit zu sehen." Dieses Motiv komme auch in ihren neueren Büchern wieder vor - etwa in "Mara and Dann" (1999) und in der 2005 veröffentlichten Folge "Die Geschichte von General Dann und Maras Tochter, von Griot und dem Schneehund".

Die 2004 als bisher letzte mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnete Frau, Elfriede Jelinek, sagte zur Auszeichnung Lessings: "Das war längst überfällig". Lessings "Das Goldene Notizbuch" sei "sicher eines der wichtigsten feministischen Werke der Literatur überhaupt", so Jelinek zur APA. Der italienische Schriftsteller Umberto Eco bezeichnete Lessing als "große, individuelle literarische Seele". "Sie verdient ihn zweifellos." Kritik an der Wahl übte hingegen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki: Er fand diese "bedauerlich" und ist der Ansicht, dass die angelsächsische Welt "viele, jedenfalls mehrere bedeutendere, wichtigere Schriftsteller hat".

Hoffmann und Campe-Verlag erfreut
Lessings deutscher Verlag Hoffmann und Campe zeigte sich dagegen auf der Frankfurter Buchmesse naturgemäß sehr erfreut. "Es ist ein großes Glück für den Verlag", erklärte Geschäftsführer Günter Berg. Er beschrieb Lessing als eine hochsympathische Frau, die sich nie habe vereinnahmen lassen. Lessing wurde am 22. Oktober 1919 im heutigen Iran als Kind britischer Eltern als Doris May Taylor geboren. Ihre Familie zog 1925 auf eine Farm ins damalige Süd-Rhodesien, dem heutigen Simbabwe. Diese Erfahrung beschrieb Lessing 1994 in einem autobiografischen Werk, "Unter meiner Haut". Nach zahlreichen Jobs und zwei Ehen zog sie schließlich mit ihrem Sohn Peter nach London, wo sie sich bald als Schriftstellerin etablierte und politisch engagierte.

Ihr Neffe Gregor Gysi zeigte sich überglücklich, dass seine Tante mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden ist. "Ich freue mich wirklich wahnsinnig", sagte der Vorsitzende der Linksfraktion im deutschen Bundestag. Vergangene Woche habe er die 87-Jährige in Hamburg getroffen. Dort habe sie ihm noch wortreich erklärt, warum sie den Nobelpreis nicht bekommen werde. Lessing ist eine angeheiratete Tante von Gysi. Sie war in zweiter Ehe (1944 bis 1949) mit dem deutschen Emigranten Gottfried Anton Nicolai Lessing verheiratet, einem Bruder von Gysis Mutter.

Älteste aller Preisträger
Lessing ist die bisher älteste aller Preisträger und erst die elfte Frau, die den begehrtesten Literaturpreis der Welt zuerkannt bekommt. Seit der ersten Vergabe 1901 wurden andererseits 93 Männer ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr erhielt der türkische Autor Orhan Pamuk den Nobelpreis. Der Preis ist mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro dotiert und wird am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, vom schwedischen König Carl XVI. Gustaf überreicht. Am (morgigen) Freitag erfolgt die Bekanntgabe des Friedensnobelpreises.

(apa/red)