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"Die einzige Lösung: Aussterben"

NEWS: T. C. Boyle über seinen neuen Roman, Obama, den Tod und die Ratingagenturen

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    T. C. Boyle

    Am 2. Mai stellt der amerikanische Schriftsteller seinen Roman im Wiener Rabenhoftheater vor.

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Der grandiose Endzeitthriller: "Wenn das Schlachten vorbei ist" (ab 6.2. bei Hanser), erzählt über die Zerstörung der Erde und den ohnmächtigen Kampf des Menschen – für und gegen die Natur. NEWS sprach mit dem Meister der Apokalypse, T. C. Boyle über seinen brandneuen Roman, den er am 2. Mai im Rabenhoftheater vorstellen wird.

Alma Boyd Takesue ist Bio­login, Mitte dreißig und in Todesgefahr. Schon hat man ihr „Stirb, Schlampe“ und „Japsfotze“ aufs Auto gesprüht. Mehr als um ihr Leben aber bangt die Tochter einer Amerikanerin und eines japanischen Einwan­derers der zweiten Generation um ihr Projekt auf der kalifornischen Kanalinsel Anacapa: Sie will die gesamte Ratten­population ausgerottet wissen, um sel­tene Vogelarten vor dem Aussterben zu bewahren. Weil die Wege der Ökologie aber verschlungen und schwer gangbar sind, hält der reiche Elektrohändler ­David Francis LaJoy mit allen Mitteln ­gegen das, was er Massenmord nennt.

"Wenn das Schlachten vorbei ist"
Die charismatische Umweltschützerin und der fanatische Tierschützer nehmen den Kampf auf Leben und Tod auf. Dass sich dieser vor zehn Jahren in Kalifornien tatsächlich zugetragen hat, treibt den Aberwitz in T. C. Boyles 13. Roman „Wenn das Schlachten vorbei ist“ auf die Spitze. Der 461 Seiten starke, sprachlich grandiose Endzeitthriller über die Zerstörung der Erde und den ohnmächtigen Kampf des Menschen spürt dem seit Kain und Abel virulenten menschlichen Kernkonflikt nach: Darf man ein Leben zugunsten ­eines anderen auslöschen? Das Diktum „Macht euch die Erde untertan“ im ersten Buch Mose steht dem Roman voran.

"Die Katze frisst die Maus"
Das schon fast obligate NEWS-Telefonat mit dem Meister, kurz vor Mitternacht MEZ in seinem Haus in Santa Barbara, Kalifornien: „Ich habe meinem Buch das Zitat aus der Genesis vorangestellt, weil es in Wahrheit doch nur die Ausrede dafür ist, alle Kreaturen für unsere Zwecke verwenden zu können“, sagt Boyle. „Aus religiöser Sicht könnte man sagen: Unsere Spezies hat es eben geschafft, die anderen zu übertreffen. Die Katze frisst die Maus. Das ist der Lauf der Welt. Da mische ich mich nicht ein.“

"Wir sind Tiere"
Wo ordnet sich Boyle selbst ein im Kosmos seiner Figuren? Ist er Vegetarier, Tierschützer, Aktivist? Nichts dergleichen. „Als Künstler untersuche ich die Dinge und überlasse es den Lesern, zu ­urteilen. Kunst hat keine Verantwortung. Sie soll verführen. Aber für mich und viele Kollegen meiner Generation sind ­soziale und Umweltprobleme wichtige Themen. Meine Geschichte habe ich aus Zeitungsartikeln“, betont er den realen Hintergrund. Porträts lebender Personen hat er allerdings nicht entworfen, und das Vorbild, den Naturschützer David LaJoy, erst nach Erscheinen des Romans ge­troffen. „Bei einer Präsentation kam er auf mich zu, sagte, ‚Hi, ich bin David‘, und ging. Ich glaube, er war mit meinem ­Roman zufrieden.“

"Sind Sklaven des Kapitalismus"
Er verfasse prinzipiell nichts Autobiografisches, betont er. Aber wie seine Figuren, isst er „praktisch kein Fleisch“. Und das erklärt er so: „Ehe wir Sklaven des Kapitalismus wurden, war alles sehr einfach. Die Bauern erzeugten ihr Essen, die Tiere wurden recycelt. Aber was ­heute in Amerika in diesen Hühner- und Schweinefabriken passiert, gleicht einem Horror­film, wo die Aliens das Kommando übernommen haben. Die Tiere werden oft nicht einmal richtig getötet, bei leben­digem Leib gehäutet und verarbeitet.
Das ist der reinste Terror. Aber ich will niemanden belehren, ich stelle nur zur Diskussion.“ Nachsatz: „Auch wenn im ­Moment alles hoffnungslos erscheint, ­machen wir doch kleine Fortschritte, was unsere Einstellung gegenüber den Tieren und der Erde betrifft.“

Und die Ratingagenturen, die Europa zugrunde richten?
Boyle: „Die sind doch auch korrupt. Das hat sich schon gezeigt, als bei uns die Immobilienkrise ausgebrochen ist. Die stellten Einschätzungen auf, von denen sie wussten, dass sie falsch sind. Die Welt ist so korrupt. Es ist wirklich ein Wunder, dass wir noch nicht alle in irgendwelchen Arbeitslagern sind.“ Das aber könnte schon wieder der nächste Roman sein.

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