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Die wahre Liebe? Kuss mit lustig

Alle hoffen auf die große Liebe. Die Realität sieht oft anders aus.

Dirty Dancing © Bild: Imago/United Archives

Große Gefühle zum Valentinstag. Alle hoffen auf die große Liebe. Sie wollen den Menschen treffen, mit dem sie den Rest des Lebens verbringen werden. Die Realität sieht oft anders aus. Über wahre Liebe und Ware Liebe.

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Romeo und Julia haben sie gefunden. Johnny und Baby aus "Dirty Dancing" ebenso wie Harry und Sally und das "Twilight"-Paar Edward und Bella: Die wahre und große Liebe ihres Lebens. Wenn wir ihre Geschichten in Büchern oder auf der Kinoleinwand mitverfolgen , beginnen wir oft selbst davon zu träumen, das Gleiche zu erleben wie sie: einen Menschen zu finden, den wir so sehr lieben, dass wir mit ihm unser ganzes Leben verbringen möchten. Ohne Zweifel daran, dass wir den Richtigen oder die Richtige getroffen haben.

Nicht zufällig handeln die meisten Popsongs von Liebe und großen Gefühlen, Liebesromanautorinnen wie Jojo Moyes und Cecelia Ahern stehen mit ihren Büchern regelmäßig ganz oben in den Bestsellerlisten, mit "Avatar" und "Titanic" erzählen die beiden erfolgreichsten Filme aller Zeiten Liebesgeschichten. Besonders groß ist dieser Wunsch nach Zweisamkeit oft zu romantischen Terminen wie dem Valentinstag am 14. Februar.

Ewige Liebe nur selten Realität

Die Realität sieht meist weniger märchenhaft aus: Man lernt jemanden kennen, geht einige Jahre als Paar durchs Leben, dann trennt man sich wieder. Sei es, dass kleinere oder große Schwierigkeiten aufgetreten sind, man jemanden getroffen hat, der die Vorstellungen vom idealen Partner eher erfüllt, man sich für Karriere statt Leidenschaft entscheidet oder ganz einfach die Freiheiten des Single-Daseins vermisst. Dementsprechend sieht die Scheidungsstatistik aus: 2014 betrug in Österreich die Gesamtscheidungsrate mehr als 40 Prozent, die durchschnittliche Ehedauer lag bei 10,7 Jahren.

Abgesehen davon, dass Frauen heute nicht mehr aus wirtschaftlichen Gründen auf die Ehe angewiesen sind, ist es, anders als noch vor 70 Jahren, auch nicht mehr sozial geächtet, mehrere Beziehungen hintereinander zu haben. Im Gegenteil: Wer seinen ersten Freund oder seine erste Freundin heiratet, wird eher für einen Sonderling gehalten als jemand, der schon mit Mitte 20 seine Verflossenen nicht mehr an einer Hand abzählen kann. Für manche Männer gilt serielle Sexualität sowieso als Beweis ihrer Männlichkeit, aber auch Frauen machen auf diesem Gebiet rasch Boden gut.

Wird die Liebe zum Konsumgut?

Der Vorteil an dieser Lebensweise ist, dass man im Unterschied zu früher nicht mehr um jeden Preis zusammenbleiben muss, egal wie unglücklich eine Beziehung ist. Der Nachteil ist, dass sie Menschen dazu verleitet, romantische Bindungen wie ein Konsumgut zu behandeln, schreibt die bekannte israelische Soziologin Eva Illouz. Für ihr Buch "Warum Liebe weh tut" hat sie siebzig Personen aus Europa, Israel und den USA interviewt. Schon 1997 hatte Illouz für Aufsehen gesorgt, als sie in ihrem Buch "Der Konsum der Romantik" aufzeigte, wie sehr Liebe und Kapitalismus ineinander verstrickt sind. Ähnlich wie man Waren nur benutzt, wenn man sie gebrauchen kann, hält man Beziehungen so lange aufrecht, wie sie Spaß machen. Ersatz ist genug vorhanden. Illouz verweist insbesondere auf Dating-Portale im Internet, auf denen auf einen Blick unendlich viele mögliche Partner zur Verfügung stehen.

Diese trügerisch große Auswahl kann Menschen dazu bringen, leichtfertig mit Beziehungen umzugehen und schneller davonzulaufen, wenn Schwierigkeiten auftreten", sagt Elisabeth Gatt-Iro. Die Psychologin und Psychotherapeutin arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Paaren und beobachtet, dass viele weniger bereit sind, um eine Beziehung zu kämpfen. "Man denkt:'Warum soll ich mich mit Problemen herumschlagen? Wenn es mir mit dir nicht gut geht, dann suche ich mir eben jemand anderen, mit dem ich glücklich werden kann'", sagt sie. "Auf diese Weise muss man sich nie wirklich mit einem Partner auseinandersetzen, weil man sich immer eine Hintertür offen lässt."

Überangebot am "Dating-Markt"

Wieder andere beenden ihre Beziehungen, um nichts anbrennen zu lassen, ein Verhalten, das Gatt-Iro mit dem eines Kindes vergleicht, das einmal zu diesem und einmal zu jenem Spielzeug greift. Auf die Gefühle des Partners wird in beiden Fällen weniger Rücksicht genommen als auf die eigenen Bedürfnisse. Der Dating-Markt gehorcht den gleichen Gesetzen von Angebot und Nachfrage wie der Handel. "Das Problem besteht darin, dass die Objekte der Begierde aufgrund ihrer Zugänglichkeit und Zahl an Wert verlieren", heißt es bei Eva Illouz. Was ständig und überall leicht verfügbar ist, das verleitet zu achtlosem Umgang, egal ob es sich um billige T-Shirts oder Liebesbeziehungen handelt.

Dazu kommt, dass uns eine große Auswahl eher überfordert, statt zu helfen, das geeignete Angebot auszuwählen. Jeder kennt das, wenn man im Supermarkt vor einem Regal mit 20 identisch aussehenden Müslisorten steht. Also beginne man, Vergleiche anzustellen, erklärt Illouz. Man zerlegt die potenziellen Gefährten in einzelne Eigenschaften und stellt sie einander gegenüber: Die eine Frau ist schöner, die andere erfolgreicher. Dieser Mann ist klüger, jener hat mehr Sinn für Humor. Für die beste Option entscheidet man sich. Selbst wenn man eine Bindung eingegangen ist, hält man die Augen stets offen. Es könnte ja noch etwas Besseres nachkommen. Wir streben sogar in der Liebe danach, unseren persönlichen Nutzen zu maximieren, lautet Illouz' ernüchternde Schlussfolgerung.

Wunsch nach Bindungen nimmt wieder zu

Romantik klingt anders. Weil aber immer das am verlockendsten scheint, was knappes Gut ist, sehnen sich viele Menschen genau danach. "Den Wunsch nach der großen, überwältigenden Liebe gibt es, seit im 18. Jahrhundert in Europa die Liebesheirat aufgekommen ist. Vielleicht ist heute dieses Ideal deshalb so groß, weil es nicht mehr so oft gelingt, ein ganzes Leben lang zusammenzubleiben", sagt Günter Burkart, Professor für Soziologie an der Universität Lüneburg. "Es hat sich zwar eine gewisse Konsumhaltung in Bezug auf die Romantik eingenistet, aber die Utopie der ewigen Liebe besteht noch immer. Die wenigsten Menschen sagen zu Beginn einer Bindung: 'Jetzt bleib ich mal bei dem, bis mir langweilig wird.' Gerade in der Jugendforschung hat sich gezeigt, dass sich junge Menschen nichts mehr wünschen als eine befriedigende Partnerschaft."

Psychologin Elisabeth Gatt-Iro führt diese Sehnsucht ganz pragmatisch auch auf die aktuelle wirtschaftliche Lage zurück: "Die goldenen Zeiten sind vorbei, die Arbeitsplätze unsicher. Der einzige Ort, an dem wir wirklich unersetzlich sind, ist die Familie oder die Partnerschaft. Als einzigartig wahrgenommen zu werden, ist aber eine zutiefst menschliche Sehnsucht. Darum wenden sich viele Menschen wieder Bindungen zu." Offenbar ist nicht nur die Sehnsucht nach dem Glück sehr groß, sondern auch der Glaube daran, wie eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Meinungsraum unter 500 Österreicherinnen und Österreichern zwischen 15 und 65 Jahren ergab. "Knapp drei Viertel glauben an die Liebe auf den ersten Blick", sagt Meinungsforscherin Christina Matzka. "Sogar noch stärker ist der Glaube an die Liebe fürs Leben: 83 Prozent denken, dass es sie tatsächlich gibt -und das gilt für Männer und Frauen, Junge und Ältere gleichermaßen." Fast 90 Prozent aller Befragten, die in einer Beziehung leben, geben an, in ihren Partner noch verliebt zu sein.

Sich für den anderen Zeit nehmen

Als wichtigsten Liebesbeweis nannten zwei Drittel der Befragten, jemandem Zeit zu widmen. Das spiegelt sich auch in den Geschenken wider, die nach Ansicht der Umfrageteilnehmer am ehesten Zuneigung ausdrücken, nämlich eine liebevoll geschriebene Karte, ein Essen zu zweit oder etwas Selbstgemachtes. "Hier spielt wieder der Faktor, für jemanden Zeit aufzuwenden, eine Rolle", sagt Matzka.

Denn Zeit bedeutet Aufmerksamkeit und Interesse. Und statt befürchten zu müssen, dass sich der Partner beim Valentinstagsdinner im Restaurant aus dem Augenwinkel schon nach einer besseren Option umschaut, verbringen wir den Abend doch lieber mit unserem Romeo oder unserer Julia. Nur deren tragisches Ende ersparen wir uns lieber.

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