Libyen-Konflikt von

Neue Spekulationen um Gaddafi

Ex-Machthaber könnte bereits in Algerien sein - Rebellen nehmen Grenzposten ein

Libyen-Konflikt - Neue Spekulationen um Gaddafi © Bild: APA/EPA/Hanschke

Das Rätselraten um Gaddafis geht weiter: Neuesten Gerüchten zufolge könnte sich der gestürzte libysche Machthaber in einem Konvoi gepanzerter Limousinen befunden haben, der am Freitag die Grenze zu Algerien passiert hat. Unterdessen haben libysche Rebellen am Freitag den umkämpften Kontrollposten Ras Jedir an der Grenze zu Tunesien erobert. Der Einnahme sind unmittelbar keine Kämpfe vorausgegangen.

Nach Angaben aus tunesischen Regierungskreisen wehte am Abend die Flagge der Rebellion über dem Kontrollposten Ras Jedir. Ein Vertreter des Nationalen Übergangsrates der libyschen Rebellen sagte dem tunesischen Fernsehen, die Kämpfer von Machthaber Gaddafi hätten sich ergeben. Ein Vertreter einer Hilfsorganisation vor Ort bestätigte die Einnahme des Grenzpostens, der für die mit Sanktionen belegte libysche Regierung Gaddafis strategisch wichtig ist. Über den Grenzübergang waren in der vergangenen Monaten Tausende Menschen nach Tunesien geflohen.

Unterdessen fiel in der umkämpften Hauptstadt Tripolis Freitagabend der Strom aus. In der Millionenmetropole gebe es auch kein Wasser mehr. In Tripolis machten Gerüchte die Runde, die Versorgung sei aus Furcht vor vergiftetem Wasser unterbrochen worden. Auch die Versorgungslage mit Lebensmitteln wird in der Hauptstadt immer dramatischer.

Hunderte verwesende Leichen in Spital von Tripolis
Von unbeschreiblichen Gräueln in Tripolis berichtet der britische Sender BBC: Mehr als 200 bereits im Zustand der Verwesung befindliche Leichen sind in einem Spital in der libyschen Hauptstadt entdeckt worden. Das Spital befindet sich in einem Stadtteil, in dem heftige Kämpfe getobt hatten, so BBC.

Ein BBC-Korrespondent sah in den Gängen des Abu-Salim-Krankenhauses die Leichen von Männern, Frauen und Kindern. Die Lage im Krankenhaus sei mit das "Erschreckendste und Ekelerregendste", was er je gesehen habe, sagte Reporter Wyre Davies. Auch Alex Thomson von "Channel 4 News" sprach laut "Spiegel Online" von einem Bild "unbeschreiblichen Grauens". Überall lägen verwesende Leichen - in Korridoren, Büros, vor dem Gebäude. Alles sei voll von Fliegen und Maden. Unter den Dutzenden Toten seien auch Frauen und Kinder.

Das medizinische Personal hatte das Spital nach Ausbruch von Kämpfen zwischen Rebellen und Anhängern des bisherigen Machthabers Muammar al-Gaddafi fluchtartig verlassen. Anrainer beschuldigten das Gaddafi-Regime, die Menschen in dem Spital ermordet zu haben. Laut BBC sind die Todesumstände jedoch unklar.

Gaddafi und seine Söhne bereits außer Landes?
Machthaber Gaddafi hat indes möglicherweise bereits das Land verlassen. Ein Konvoi aus sechs gepanzerten Limousinen überquerte am Freitag die libysch-algerische Grenze bei Ghadamis, berichtete die ägyptische Nachrichtenagentur MENA unter Berufung auf libysche Rebellen. "Wir glauben, dass hochrangige libysche Regierungsbeamte in diesen Fahrzeugen waren, möglicherweise Gaddafi und seine Söhne", sagte die Gewährsperson. Schon seit längerem wird darüber spekuliert, dass das Nachbarland Algerien dem langjährigen libyschen Machthaber Exil gewähren könnte.

NATO-Luftangriffe auf Gaddafis Heimatstadt
Nach den jüngsten Erfolgen der Rebellen in Tripolis hat die NATO ihre Luftangriffe indes auf die Küstenstadt Sirte konzentriert, eine Gaddafi-Hochburg. Dabei seien 15 Militärfahrzeuge und weitere Ziele beschossen worden, teilte das Verteidigungsbündnis am Samstag in Brüssel mit.

Elf mit Waffen beladene Fahrzeuge sowie drei militärische Logistikfahrzeuge und ein gepanzertes Kampffahrzeug seien am Freitag zerstört worden. Auch zwei Militärunterkünfte, ein Beobachtungspunkt von Gaddafis Armee und eine weitere Militäranlage in der Umgebung von Gaddafis Heimatstadt Sirte 360 Kilometer östlich von Tripolis wurden der NATO zufolge getroffen.

Ein NATO-Vertreter sagte, Sirte stehe im Mittelpunkt der Einsätze, weil die Stadt eine der letzten Orte unter Gaddafis Kontrolle sei. Auch die libyschen Aufständischen bereiteten eine Offensive in Sirte vor. Die NATO beschoss am Freitag nach eigenen Angaben auch Ziele in der Nähe von Tripolis, darunter ein Militärlager und eine Raketenabschussanlage. Weitere Luftangriffe hätten sich gegen militärische Ziele in der Nähe von Ras Lanuf, Al-Assah, Okba und Al-Aziziyah gerichtet.