Libyen-Konflikt von

Diktatoren-Dämmerung

Was kommt nach dem Ende von Gaddafi?

Libyen-Konflikt - Diktatoren-Dämmerung © Bild: Reuters

Am Vorabend des Falls. In Syrien und Libyen fordert der brutale Überlebenskampf der Herrscher Zehntausende Tote. Aber was kommt danach? NEWS-Reportage über Risiken der Stunde null in Libyen.

Wir müssen Operationen und auch Amputationen mit einem Mindestmaß an Anästhetika durchführen“ - tiefe Verzweiflung klingt bei den wenigen Berichten mit, die Ärzte aus der Stadt Zawiyah im Westen Libyens im Moment durchgeben können. Es sind fürchterliche und immer mehr Verletzungen, die sie mit immer weniger Mitteln zu versorgen haben: abgetrennte Glieder, zerfetzte Gesichter. Auch Kinder trifft es. Zuletzt starb ein siebenjähriger Bub. Niemand und nichts wird geschont.

In der Stadt Zawiyah, nur 50 Kilometer von der libyschen Hauptstadt Tripolis, liefern sich Aufständische und Gaddafi-Truppen einen Kampf um jeden Meter. Es ist vielleicht die letzte Schlacht, die Muammar Gaddafi um sein - politisches - Überleben führt; mit Sicherheit eine seiner letzten. Hier befindet sich eine Raffinerie, es ist das letzte Treibstofflager seines isolierten Regimes. Von hier führt die Straße zur nahen Grenze nach Tunesien: seine letzte Lebensader.

Verhaftungen und Folter
Aus der 250.000-Einwohner-Stadt Zawiyah können Reporter genauso wenig frei berichten wie aus Tripolis oder den anderen von Gaddafi bis zuletzt gehaltenen Regionen Libyens. Was hier passiert, lässt sich nur erahnen. Keine Augenzeugen aus dem Ausland duldet auch das Regime Syriens, wo im Norden des Landes eine brutale Offensive der Armee gegen die Städte Jisr al-Shughour und Maarat al-Numan im Gange ist. Berichte von Flüchtlingen, über Twitter, Facebook & Co verbreitete Videos und bruchstückhafte Meldungen sind Mosaikstücke, die zusammen ein Bild des Infernos ergeben, dem die syrische Bevölkerung ausgesetzt ist. Schüsse aus Kampfhelikoptern, massenhafte Verhaftungen, für die Fußballstadien missbraucht werden, brutale Folter.

Verbrannte Erde
Seit Februar revoltiert, vom Osten des Landes ausgehend, die libysche Bevölkerung, seit März demonstrieren in fast allen Städten Syriens die Menschen gegen das Regime. Skrupellos und brutal klammern sich die Machthaber an ihre Posten. Muammar Gaddafi, der seit 42 Jahren Libyen beherrscht, Bashar al-Assad, der von seinem Vater Hafez die fast ebenso lang dauernde Herrschaft quasi ererbte.

Mindestens 2.000 Menschen dürften in Syrien bereits umgekommen sind; Tausende sind auf der Flucht. In Libyen forderte der Kampf zwischen Rebellen und Regime mittlerweile 15.000 Opfer, fast 700.000 sind geflüchtet.

Während NATO-Kampfflugzeuge seit einer Woche mit den massivsten Bombardements seit Beginn der Luftschläge im März Gaddafis Militäranlagen, Truppen und vor allem seine Wohnbastion Bab al-Aziziya unter Feuer nehmen, hält sich die internationale Gemeinschaft mit einem Vorgehen gegen Syriens Assad und seine Armee zurück. Gegen Gaddafi wird die Anklage wegen Kriegsverbrechen am Internationalen Gerichtshof in Den Haag vorbereitet. Bashar al-Assad wird angesichts der jüngsten Ereignisse politisch und wirtschaftlich zunehmend isoliert. Aber unabhängig vom Druck der internationalen Gemeinschaft: Die beiden Diktatoren haben ihrer Bevölkerung so tiefe Wunden geschlagen, dass ihre Machtbastion zersetzt ist.

Kriegserklärung ans Volk
"Ich lebe in diesem Zelt seit dem 17. Februar.“ Abdul Munim Sawadi deutet auf eines der vielen mit Tüchern umfassten Eisengerüste im Zentrum Bengasis, der faktischen Hauptstadt des "Freien Libyens“. "Ich gehe hier erst an dem Tag weg, an dem Gaddafi nicht mehr in Tripolis herrscht. Er hat meinen Bruder Omar getötet. Bei den Protesten am 17. Februar wurde er kaltblütig erschossen.“ Der 50-jährige Sawadi campiert hier inmitten vieler anderer, Menschenrechtsaktivisten, Hilfsorganisationen, die Bilder Vermisster und vom Gaddafi-Regime hingerichteter Libyer zeigen.

Die 21-jährige Studentin Nashlan Ramadan verbringt viel Zeit hier. Wartet auf die Befreiung von Tripolis. "Er spielt Schach, während er sein Volk abschlachtet“, sie lacht hysterisch auf, spielt auf die irrwitzige Szene an, als Gaddafi den russischen Sondergesandten Kirsan Iljumschinow am vergangenen Sonntag empfing. In Bengasi scheint es, als wären Krieg, Sterben, Konflikt Lichtjahre entfernt. Man rüstet sich schon zaghaft für die große Siegesfeier. Die rot-schwarz-grüne Trikolore des "Freien Libyens“ ist an jeder Ecke zu sehen, Baumstämme der Alleen wurden angemalt, Häuser; dazu wehen unzählige kleine bis riesengroße Flaggen von den Verkaufsständen geschäftstüchtiger Teenager.

Eingeschlossen in Misrata
Doch für die Studentin ist der Krieg hautnah gewesen und geblieben. "54 Tage“, sagt Nashlan, pausiert, zählt mit den Fingern kurz nach und wiederholt langsam die Zahl, "54 Tage war ich in der Stadt Misrata, bevor ich mit einem Schiff entkommen konnte. Ich sah jeden Tag die Panzer Gaddafis vor unserem Haus. Sie feuerten auf uns. Auf alle. Und es geht bis heute weiter. Er ist wahnsinnig.“

Nashlan erzählt von einem befreundeten Arzt, dessen drei Kinder bei einem Raketenangriff auf sein Auto starben, vom blutüberströmten Pflasterboden des Spitals dort, dem Zelt, das errichtet werden musste, um alle versorgen zu können.

Misrata, die Rebellen-Bastion im Westen, geriet zuletzt massiv unter Feuer, da Rebellen von hier aus den Marsch auf Tripolis starteten. Beide Seiten preschen entlang aller Kampflinien ohne Rücksicht auf Verluste gegeneinander vor: auch im Gebirge des Südwestens, im Süden, an der heiß umkämpften Front im Osten, zwischen den Städten Brega und Ajdabiya.

Dutzende starben, über 26 alleine im Osten. "Wir freuen uns darauf, Libyen einzunehmen. Es gibt keinen Rückzug mehr“, so Haithan Elgwei, der in Brega um den strategisch enorm wichtigen Ölhafen kämpfte und verwundet im Spital von Brega liegt. Mohammed Khalil, ein Rebell, der in der Stadt Dafneya, nur noch 30 Kilometer vor Tripolis, in einem Feldlazarett versorgt wird, berichtet "von bis zu 200 Granaten, die binnen kürzester Zeit auf uns gefeuert wurden. Vierzig von meinen Leuten starben. Aber wir geben nicht mehr auf. Er muss weg.“

Libyens Stunde null
"We have a dream“, das etwas abgewandelte legendäre Zitat Martin Luther Kings samt ikonenhaften Fotos von Rebellenkämpfern wie Mohammed Khalil, prangt in Plakatgröße an jeder Straßenkreuzung Bengasis. Die Botschaft fruchtet. EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton erwähnte bei ihrem Besuch in der Rebellen-Hauptstadt diese Plakate. Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle schwärmte in Bengasi "von einem ergreifenden Moment, hier bei Menschen zu sein, die für ihren Traum der Demokratie kämpfen“.

Verblüffend an seinem Besuch war weniger, dass er überhaupt kam oder das Übergangskomitee als "legitimen Vertreter des libyschen Volkes“ anerkannte, sondern Westerwelle schien zu ignorieren, dass zum Zeitpunkt seines Besuchs Gaddafi noch in Tripolis regierte. "Wir sind bereit, Libyen jetzt beim Beginn einer neuen Phase, beim Aufbau in der Ära nach Gaddafi mit allen Kräften zu unterstützen.“

Die Milliardenhilfe
Einen Schritt weiter wähnt sich auch der faktisch regierende Übergangsrat. "Wir haben soeben die zweite Phase unseres Zukunftsplans in Angriff genommen: das Leben nach Gaddafi zu ordnen“, sagt Abdel Hafez Ghoga, Sprecher des Rates im Gespräch mit NEWS. Schon vorige Woche wurde mit der internationalen Kontaktgruppe beim Treffen in Abu Dhabi vereinbart, dass man nun die zweite Phase der "Roadmap“ für die Zukunft Libyens einleiten werde. Phase eins wird als "Konfliktphase“ bezeichnet. Phase zwei: "Stabilisierung Libyens“.

Zu dringend sind die aktuellen Agenden: Nur dank einer eilig versprochenen Geldspritze von 1,3 Milliarden Dollar lässt sich das öffentliche Leben noch in Gang halten. "Wenn diese Beträge nicht rasch bei uns eintreffen, sind wir bankrott“, gibt Abdel Hafez Ghoga zu. US-Wirtschaftsprofessor Ali Tarhouni, ein Exil-Libyer, der übergangsmäßig als Finanzminister agiert, gesteht: "Hätte Katar nicht vorigen Monat die Beamten bezahlt, wären die Lichter längst ausgegangen.“

90 Prozent der Ölförderung stehen still. Ärzte im Spital munkeln, dass sie in den nächsten Tagen keine Gehälter mehr überwiesen bekommen werden. Dabei klafft beim qualifizierten Personal die größte Lücke. 80 Prozent der - meist ausländischen Krankenschwestern - haben das Land verlassen. Schulen und Universitäten sind seit Februar geschlossen. Das Leben in Bengasi ähnelt nur der Normalität. Es gibt Strom, Wasser und offene Spitäler. Die aus Gaddafis Zeiten geltenden Gesetze rangieren im Rang unverbindlicher Verhaltensempfehlungen. Erstaunlich ist die Disziplin, mit der sich die Menschen hier an sie halten: Die Straßen sind - abgesehen von sporadischen, aber umso rasanteren Spazierfahrten Jugendlicher in Autos ohne Kennzeichen - sicher.

Angst vor Chaos
Nur Tatsache ist, dass von der Verkehrspolizei bis zur Müllabfuhr alles ein eilig eingerichtetes Provisorium ist, verwaltet vom Übergangsrat, dessen Mitglieder sich mittlerweile "Minister“ nennen. Doch trotz der internationalen Anerkennungswelle zaudern sowohl die Bevölkerung hier im Osten Libyens als auch die USA, dem Übergangsrat uneingeschränkt zu vertrauen.

"Es gibt radikale Elemente in der Rebellenregierung, mit denen wir Probleme haben“, gab Leon Panetta, der zukünftige US-Verteidigungsminister, bei seiner Anhörung vor dem Senat zu. Und schwört man, sie niemals namentlich zu zitieren, geben Insider des Übergangsrates zu, dass der Fall von Tripolis und Gaddafi längst schon keine Frage der militärischen Gelegenheiten sei, sondern der Zeitpunkt politisches Kalkül: Man hat Angst vor dem Chaos, Angst, das Übergangskomitee zu rasch mit zu viel Macht und Waffen auszurüsten. Gleichzeitig zeigt sich, dass in den NATO-Staaten sowohl die politischen als auch die finanziellen Mittel, die dieser Feldzug fordert, bald erschöpft sind.

Dabei wird Libyen mehr und mehr zu einem Land der zwei Geschwindigkeiten. Über Monate kontrollierten die Rebellen weite Teile des Ostens Libyens, Gaddafi den Westen. Es sind alte politische Bruchlinien des Landes, die zurück bis ins Osmanische Reich gehen und nun wieder aktiviert sind. "Die sollen doch endlich auch zu ihren Waffen greifen, endlich sich auch raus auf die Straße trauen und was tun. Wer die Freiheit will, muss eben was riskieren“, so Mostafa Bossin, der derzeit das Zentrum für Krisenmanagement in Bengasi leitet.