Letzte Ausfahrt Lockdown

Es braucht harte Einschnitte, sagen Wissenschaftler. Aber was interessiert uns in diesem Land schon ihr ewiges Geschwätz? Wir haben Besseres zu tun.

von Leitartikel - Letzte Ausfahrt Lockdown © Bild: News/ Matt Observe

Die Bundesregierung hat am heutigen Freitag einen 20-tägigen bundesweiten Lockdown ab 22. November ausgerufen - die neuesten Informationen dazu finden Sie hier.

Ach, du glückliches Österreich. Keine 24 Stunden, nachdem der "Lockdown für Ungeimpfte" ins Land gezogen ist, kann der neue Bundeskanzler ganz im Stil des alten Kanzlers Entwarnung geben und einmal mehr gute Nachrichten an der Corona-Front verkünden: 3G am Arbeitsplatz, 2G in der Freizeit und die Ausgangsbeschränkungen für die Ungeimpften zeigen Wirkung.

Puh, Glück gehabt. Das soll uns, dem Land mit den derzeit höchsten Infektionszahlen und der niedrigsten Impfquote in Europa, mal wer nachmachen! Eile ist nicht geboten. Denn jetzt lassen wir erst mal diese Maßnahmen wirken: Man werde die Situation beobachten. Dazwischen machen wir dumme Witze über Virologen und meistern die schlimmste Phase der Pandemie mit machttaktischen Egospielen auf offener Bühne. Sie scheinen längst die einzige Entscheidungsgrundlage für Corona-Maßnahmen zu sein – und sie führen uns sehenden Auges in die Katastrophe. Denn während die da oben zögern und taktieren, reden andere längst von Triage und Notstandsversorgung.

Doch statt die Hilferufe aus den Intensivstationen ernst zu nehmen, tut eine von der Infektionsdynamik überrumpelte und kalt erwischte Regierung weiter so, als ob sie noch das Zepter des Handelns in der Hand hätte. "Ruhig, ganz genau, überlegt" solle man Maßnahmen setzen, findet der Tiroler Landeshauptmann, während sein Kollege aus Salzburg einfach den nächsten Stufenplan aus der Lade zieht. Wie erbärmlich. Und das alles nur, um die "Wir haben alles richtig gemacht"-Stimmung nicht zu trüben.

Um das Versprechen des Ex-Kanzlers aufrechtzuerhalten, das von Beginn an auf wackeligen Beinen stand, nämlich dass die Pandemie für die Geimpften vorbei sei. Sein Gesicht gilt es zu wahren. Scheinbar um jeden Preis. Also werden strengere Maßnahmen aus politischem Kalkül abgelehnt. Nicht Menschenleben, nicht die Interessen des Landes, nicht das Verantwortungsbewusstsein zählen, sondern das eigene Standing – und die Rettung der Wintersaison mit Après-Ski.

Also keine Diskussionen. Nicht über eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen, nächtliche Ausgangsbeschränkungen oder einen (lokalen) Lockdown für alle. Dabei braucht es jetzt und sofort wirksame Maßnahmen, um die vierte Welle zu brechen. Jedenfalls mehr, als bisher auf dem Tisch liegt. Und bitte ohne zündelnde verbale Begleitmusik wie mit dem inflationär verwendeten Wort "Einsperren". Ja, die Impfung ist der einzige Weg, um die Pandemie zu beenden. Aber all die wichtigen Erststiche zahlen erst später auf das Pandemiegeschehen ein. Bis dahin braucht es eine Kontaktreduktion – und die lässt sich allein mit Ausgangsbeschränkungen für Ungeimpfte und ein bisschen gut Zureden nicht erreichen. Punkt.

"Eisberg direkt voraus", warnt der Virologe Christian Drosten. Österreichs Regierung steuert sehenden Auges darauf zu. Andererseits: Drosten ist halt nur ein Wissenschaftler. Von deren Geschwätz haben wir bekanntlich noch nie viel gehalten. Das Versagen, nein, die Bankrotterklärung der Regierung geht in die Verlängerung. Ausgang ungewiss. Ohne hässliche Bilder wird es nicht gehen. Sie scheinen einkalkuliert.

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