Leopold Gratz (76) ist tot: SPÖ-Größe war
Ex-Minister und Wiener Alt-Bürgermeister

Tod trat drei Wochen nach einer Herzoperation ein<br>Polit-Ausstieg nach Fall "Lucona"und Causa Noricum <b>PLUS:</b> Leopold Gratz und seine Karriere im Porträt!

Gratz starb an einem Herzleiden. Zuvor war er nach einem Eingriff drei Wochen lang in der Rudolfstiftung kardiologisch behandelt worden. Nähere Angaben über die Erkrankung des Wiener Altbürgermeister gab es auf Wunsch der Familie nicht.

Fischer: "Politiker mit großem Weitblick"
Bundespräsident Heinz Fischer würdigte Gratz als einen Politiker, der durch jahrzehntelange Arbeit an der positiven Entwicklung der Zweiten Republik maßgeblichen Anteil gehabt habe. Er könne Gratz als "Politiker mit großem Weitblick beschreiben, der sich über seine großen Erfolge herzlich gefreut und in schwierigen Situationen menschliche Größe bewiesen hat", so Fischer.

Leopold Gratz habe in zahlreichen Funktionen die österreichische Innen- und Außenpolitik der 70er- und 80er-Jahre entscheidend mitgeprägt, erklärte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V). Er drückte im Namen der Bundesregierung den Angehörigen sein Beileid aus. Nationalratspräsident Andreas Khol (V) lobte den ehemaligen SP-Politiker als "großen Österreicher".

Für Gusenbauer großer Sozialdemokrat
SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer würdigte Gratz als großen Sozialdemokraten. Er habe in all seinen politischen Funktionen bewiesen, dass ihm die Sorgen der Menschen das wichtigste Anliegen gewesen seien - nicht zuletzt deshalb sei er ein außerordentlich beliebter Wiener Bürgermeister gewesen.

BZÖ-Chef Jörg Haider bezeichnete Gratz als "Brückenbauer zwischen den Parteien". FPÖ-Chef Heinz Christian Strache betonte: "Die Sozialdemokraten verlieren einen der Ihren mit bester Prägung." Grünen-Chef Alexander Van der Bellen würdigte Gratz als "Persönlichkeit, die die politische Entwicklung in Österreich über viele Jahrzehnte hinweg mitgestaltet hat".

Häupl "tief bestürzt"
Mit "tiefer Bestürzung" reagierte der Wiener Bürgermeister Michael Häupl (S). Er bezeichnete Gratz als "großen Wiener und aufrechten Humanisten". Häupl fand im Gespräch mit Journalisten sehr persönliche Worte: "Wir sind sehr traurig. Er war immer ein liebevoller Vater, ein feiner, belesener und kultivierter Mensch und auch eine Frohnatur, die immer gute Stimmung verbreitet hat (...) Er hat Wien aufgemacht für die Welt, das ist sein bleibender Verdienst." Würdigungen des Verstorbenen gab es von sämtlichen Rathaus-Parteien.

Leopold Gratz wurde am 4. November 1929 in Wien-Ottakring als Sohn eines Bankbeamten geboren. Von 1953 bis 1963 war er als Sekretär im SPÖ-Klub tätig. Im März 1966 kam Gratz erstmals in den Nationalrat, 1970 wurde er von Bundeskanzler Bruno Kreisky (S) als Unterrichtsminister in das Minderheitskabinett geholt. 1971 wurde er SP-Klubobmann im Parlament.

Donauinsel, Bau von U-Bahn und AKH
1973 erfolgte die Angelobung als Bürgermeister und Landeshauptmann von Wien. In seine Amtszeit fielen etwa die Neugestaltung des Donaubereiches mit der Donauinsel, die Revitalisierung der Inneren Stadt sowie wichtige Teile des U-Bahn-Baus. Gratz musste sich aber auch mit dem Bau des AKH, des größten Krankenhauses Österreichs, herumschlagen - sowie mit dem Einsturz der Reichsbrücke 1976.

Drei Jahre Nationalratspräsident
Die zweite Berufung in die Regierung erfolgte 1984 durch Bundeskanzler Fred Sinowatz (S). Nach den Nationalratswahlen Ende 1986 übernahm Gratz am 17. Dezember 1986 die Funktion des Nationalratspräsidenten, von der er Ende Jänner 1989 im Zusammenhang mit dem Lucona-Untersuchungsausschuss zurücktrat. Er wurde später wegen falscher Zeugenaussage zu einer Geldstrafe verurteilt. Ein gerichtliches Nachspiel hatte für Gratz auch die Causa Noricum, wobei er letztlich vom Verdacht des Amtsmissbrauchs und des Beitrags zur Neutralitätsgefährdung freigesprochen wurde.
(apa/red)