Leo Navratil: Anreger, Arzt und Mentor der "Gugginger Künstler"

Ohne Leo Navratil gäbe es das "Haus der Künstler" nicht. Der Begriff der "Gugginger Künstler" wäre in der Kunstwelt wohl ebenso wenig bekannt wie die Kunst eines Johann Hauser, August Walla, Johann Fischer, Ernst Herbeck oder Oswald Tschirtner. Der Psychiater, der 1946-1986 am Niederösterreichischen Landeskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie als Arzt (und ab 1959 als Abteilungsleiter) tätig war, hatte Ende der 1950er Jahre seine Patienten Zeichnungen anfertigen lassen. Was als kunsttherapeutische Arbeit begonnen hatte, wurde in den folgenden Jahren als Teil der "Art Brut" anerkannt und hängt heute in Museen der ganzen Welt.

"Was mich an der kunsttherapeutischen Arbeit mit meinen Patienten so besonders fasziniert hat, war dreierlei", schrieb Navratil 1999 im Vorwort zu seinem Buch "Art brut und Psychiatrie. Gugging 1946-1986" (Brandstätter Verlag), einer seiner vielen zu Standardwerken gewordenen Publikationen, "Es war erstens die Entstehung ihrer Werke. An diesem Entstehungsprozeß war ich beteiligt - nicht als "Mitautor", aber als unerläßlicher Anreger und Beobachter. (...) Das zweite Faszinosum meiner Arbeit mit den Patienten war das Interesse der Künstler und Kunstinteressierten an den dabei entstandenen Zeichnungen. Die Zeichnungen der Patienten waren plötzlich nicht nur für mich als Psychiater von Bedeutung, sondern sie waren künstlerisch interessant. (...) Der Verkauf von Arbeiten der Patienten (...) ist in erster Linie eine Anerkennung ihrer Leistung. Darin lag für mich das dritte Faszinosum, und zwar ganz aus der Perspektive der Psychiatrie, nicht aus jener der Ästhetik. Wenn psychisch behinderte und kranke Menschen imstande sind, eine neue Art von Kunst zu schaffen, dann muß das unseren Blickwinkel verändern, dann sind die in den psychiatrischen Anstalten lebenden Menschen nicht mehr bloß Hilfsbedürftige, sondern aktive Mitglieder der Gesellschaft (...)"

Leo Navratil, der am 3. Juli 1921 in Türnitz (NÖ) geboren wurde und in Wien Medizin, Psychologie und Anthropologie studierte, hatte in der Arbeit mit den Gugginger Künstlern seinen Lebensinhalt gefunden. 1965 gab er sein erstes Buch "Kunst und Schizophrenie" heraus, die Werke seiner künstlerisch talentierten Patienten wurden erstmals 1970 in der Galerie nächst St. Stephan ausgestellt, über Jean Dubuffet stellte sich auch die internationale Anerkennung ein. 1981 wurde das "Haus der Künstler" gegründet.

1986 ging Navratil in Pension und übergab die Leitung an seinen Nachfolger Johann Feilacher, der sich um eine Professionalisierung im Kunst-Management bemühte und auch das im Juni 2006 in einem Nachbargebäude eröffnete "Museum Gugging - Art/Brut Center" initiierte. Leo Navratil konnte die Eröffnung noch mitfeiern. (apa)