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Zwei Herzen in
einer Brust

Leitartikel - Zwei Herzen in
einer Brust
© Bild: Matt Observe

Die Herkunft prägt den Menschen, egal, woher er kommt. Das darf aber nicht zum Ausschlusskriterium werden

Er hat es getan. Er ist zurückgetreten. Fußballstar Mesut Özil spielt nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft. Weil er es satthat. Weil er immer dann, wenn seine Mannschaft gewinnt, Deutscher, und wenn sie verliert, Migrant ist. Das ist ein beispielloser Satz, den schon ein Herr namens Albert Einstein ähnlich formulierte: "Wenn ich mit der Relativitätstheorie Recht habe, werden die Deutschen sagen, ich sei Deutscher, und die Franzosen, ich sei Weltbürger. Erweist sich die Theorie als falsch, werden die Franzosen sagen, ich sei Deutscher, und die Deutschen, ich sei Jude." Warum ist Özil plötzlich für manche Deutschen der Inbegriff des Integrationsunwilligen? Der Mann hat sich mit dem türkischen Präsidenten Recep Erdoğan ablichten lassen. Kurz vor der WM. Das war ein Fehler und brachte nachhaltigen negativen Widerhall im populistisch ohnehin aufgeladenen Deutschland. Als die Mannschaft nach zu schwacher Leistung erstmals seit 1930 vor dem Halbfinale aus der WM flog, war plötzlich der Fall von Özil wieder Thema.

Der Fehler des talentierten Fußballers war, Erdoğan in die Falle zu gehen. Was wirkt medienwirksamer im auch in Deutschland ausgetragenen türkischen Wahlkampf als ein Weltstar mit Präsident auf einem Bild verewigt? Özil hätte wissen müssen, dass dies für Unruhe und Unmut sorgt.

Dennoch darf nicht übrig bleiben, dass ein Mensch, der aus zwei Kulturkreisen stammt, nicht deutsch oder österreichisch oder europäisch genug sein soll. Auch der ehemalige austrotürkische Fußballer Volkan Kahraman hat News gegenüber Ende Juni gesagt: "Wenn man mich fragen würde oder gefragt hätte, so würde auch ich mich mit dem Präsidenten treffen -das gebietet schon allein der Respekt gegenüber seiner Position und gegenüber der Heimat der Familie." Das kann man anders sehen. Immerhin ist der Mann jetzt Bezirksrat für die Kurz-ÖVP in Simmering.

Im Jahr 2012 ließ sich die eingebürgerte Österreicherin Anna Netrebko auf die Unterstützerliste von Wladimir Putin setzen. Der Aufschrei in den Medien war enden wollend. Aber auch hier gilt: Wenn sie singt, ist sie eine von uns, wenn sie spricht, eine von Putins Fans. Mit Özil hat sie gemeinsam, dass sie als Teil der Elite nicht als allgemein gültiges Integrationsvorbild gelten kann. Zum Unterschied zu ihr ist Özil freilich nicht nur eingebürgert, sondern in Deutschland geboren und aufgewachsen.

Abgesehen vom Elitenproblem kann man sagen: Integration gelingt sicher nicht, indem man Menschen dazu zwingt, ihre Herkunft zu verleugnen. Dann schickt man sie erst recht in eigene geistige Ghettowelten, die das gegenseitige Unverständnis innerhalb der Gesellschaft nur verstärken.

Wir brauchen das Gegenteil: Wir müssen Einwanderer dazu motivieren, sich positiv in der Gesellschaft einzubringen. Wer sagt heute noch etwas gegen einen Einwanderer aus Italien, der in Österreich eine Pizzeria hat? Der Italiener sollte aber auch nach 30 oder 40 Jahren in Österreich sagen dürfen: Ein Land ist die Mutter, das andere der Vater.

Gefährlich wird es erst, wenn dieses Gefühl - von welcher Seite auch immer -populistisch aufgeladen wird. Dann gibt es keine Integration und keine gemeinsame Heimat. Und die ist Grundlage von allem.

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